Wendekind im Wartestand (Süddeutsche Zeitung, 20. Juli 2005)
Im offenen Strafvollzug trainiert der Boxer Jürgen Brähmer für eine bessere Zukunft
SCHWERIN. Jürgen Brähmer erscheint pünktlich wie immer. Um neun Uhr betritt er den Eingang der Schweriner Boxhalle. Er mag keine Überraschungsgäste, schon gar keine Journalisten. Er möchte nicht reden, sagt er grimmig, und er möchte auch nicht beim Training beobachtet werden. Er habe viele Geschichten über sich gelesen, die er selbst noch nicht kannte. Oft hatte er die Reporter danach angerufen und sich beschwert, nicht immer in höflichem Ton. Inzwischen ist es ihm egal, was über ihn erzählt und geschrieben wird. „Ich habe meinen Stempel weg. Die Leute interessiert eben nur die dunkle Seite.“
Dafür, dass er nicht reden will, sagt er erstaunlich viel. So ist er, der unberechenbare Herr B., nichts in seinem Leben ist planbar. Doch er hat eingesehen, dass er den Kampf gegen das Klischee nicht gewinnen kann: Mit Hilfe seiner Fäuste wollte er flüchten, aus einer Plattenbausiedlung im Osten in die Welt der Reichen und Schönen – stattdessen brachten ihn seine Fäuste in den Knast. So lautet Kapitel eins der Geschichte. Ob das zweite besser wird?
Breitbeinig steht der 25-Jährige im Eingang der Boxhalle. Er wirkt selbstbewusst, von Zweifeln befreit. Sein Promoter, Klaus-Peter Kohl vom Universum-Boxstall, tönte einst über den Supermittelgewichtler: „Jürgen ist das größte deutsche Talent. Er kann einer der besten Boxer aller Zeiten werden.“ 1993 hatte ihn Michael Timm, der ehemalige Landestrainer von Mecklenburg-Vorpommern und jetzige Universum-Coach, in Stralsund entdeckt, wo Brähmer in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist. Sieben Kinder mussten seine Eltern erziehen, viel Geld hatten sie nicht. Doch Brähmer trainierte hart. 1996 wurde er Junioren-Weltmeister, drei Jahre später wechselte er zu Universum. Der Ausnahmeathlet gewann seine 24 Profikämpfe alle, 20 davon durch Knockout. Einmal bezwang er seinen Gegner mit gebrochener Führhand. Eine große Karriere wurde ihm prophezeit. Das Wendekind, wie er sich selbst bezeichnet, gab dem Boxerklischee ein Gesicht.
Jürgen Brähmer hält die Arme verschränkt vor der Brust. Er will nicht auf seine Vergangenheit eingehen. Er weiß, was er kann, sportlich. Er ist stolz darauf, das zeigt sein Gesichtsausdruck. Aber weiß er auch, was er nicht kann? So sehr er seine Gegner im Ring beherrschte, so sehr glitt ihm das Leben aus den Händen. Er lernte Freunde kennen, die ihn an alles erinnerten, nur nicht an seine Pflichten. Er hatte sich stets in der Großfamilie verstecken können, doch er versagte, als er seine eigenen Entscheidungen treffen musste. 1998 erhielt er eine Jugendstrafe, vielen seiner ehemaligen Schulfreunde erging es so. Autoklau, Alkoholexzesse und Prügeleien machten Brähmer so bekannt wie seine Schlagkraft zwischen den Seilen. 2002 rammte er ohne Führerschein ein anderes Auto und flüchtete. Der Geschädigte folgte ihm und stellte ihn in einer Sackgasse. Sekunden später lag er bewusstlos auf dem Beton. Brähmer hatte zugeschlagen – und musste in Haft. Seit Februar dieses Jahres ist er im offenen Vollzug. Derzeit ist das unbezahlbare Talent also wertlos.
Der Weg zurück ist beschwerlich. Jeden Tag fährt Brähmer aus der Justizvollzugsanstalt in Waldeck bei Rostock nach Schwerin, wo ihn der Amerikaner Chuck Talhami trainiert, morgens 100 Kilometer hin, abends zurück. Um 20 Uhr muss er wieder in seiner zehn Quadratmeter großen Zelle sein. „Das nervt. Ich hätte gern den Kopf frei“, sagt er. Vor wenigen Tagen hat die Staatsanwaltschaft Schwerin einen Antrag des Landgerichts Rostock abermals abgelehnt, den Rest der Haftstrafe auf Bewährung auszusetzen. „Herr Brähmer besitzt keinen Promi-Status“, sagt Nicolette Otto, die Sprecherin des Justizministeriums Mecklenburg-Vorpommerns. Brähmer sieht das anders. Er glaubt, dass ihn die Staatsanwaltschaft als abschreckendes Beispiel benutzt: „Nur weil ich bekannter bin, habe ich es nicht leichter im Gefängnis. Im Gegenteil.“
Für einen Moment ist in seinen Augen ein Funken der Aggression zu erkennen, die ihn erst in dieses Dilemma brachte. Die Entrüstung ist jedoch schnell verflogen. Brähmer hat sich mit der Abhängigkeit arrangiert, geduldig verharrt er im Wartestand. Er fokussiert sich auf den Sport, trainiert unermüdlich. Im Gefängnis pflegt er keine Freundschaften, erzählt er, nur Bekanntschaften. Er habe genug andere Dinge im Kopf. Boxen als Therapie für einen gescheiterten Menschen – Brähmer bleibt keine andere Wahl. Seine Lehre musste er abbrechen, der Knast stand im Weg. Er hat wenig Alternativen für die Zukunft. Will so schnell wie möglich zurück in den Ring. „Ich lebe von nichts“, sagt er. Die Sehnsucht nach Normalität treibt ihn an, er hat zu viele Jahre verloren.
Ob er bereit ist für die Rückkehr? „Jürgen ist ein Mann geworden“, sagt Trainer Michael Timm: „Er ist ein lieber, herzlicher Mensch, der niemanden hasst.“ Der Haudrauf reift in der Zelle zum Sensibelchen? Diesen Eindruck vermittelt Brähmer dann doch nicht. Er ist noch immer ein Andersdenkender, ein Straßenboxer, das wird er auch bleiben. Er ist kein Henry-Maske-Verschnitt, betont er, kein Strahlemann. Er hat keinen Doktor-Titel wie die Brüder Klitschko. Er würde die Boxhandschule wohl eher aus dem Fenster werfen, bevor er sich als Marionette durch Talkshows quälen muss: „Ich sage nicht das, was andere wollen.“
Leitfiguren der Gesellschaft sehen anders aus, doch Jürgen Brähmer will höchstens ein sportliches Vorbild sein. Ob es weitere Eskapaden geben wird? „Wir können ihn beeinflussen, aber nicht führen“, glaubt Michael Timm. Im Oktober läuft die Haftstrafe ab. Dann erhält Brähmer die letzte Chance, zu beweisen, dass er kein jähzorniges Kind mehr ist. Er wird wieder auf Bewährung boxen. Um Weltmeister zu werden – und um sich vor dummen Gedanken zu schützen.










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