Jüdischen Fußballern begegnet auf dem Spielfeld regelmäßig Antisemitismus - eine traurige Tradition

BERLIN. Vernen Liebermann ist sich nicht sicher, wie seine Großeltern reagiert hätten, wären sie im Sommer 2006 in Deutschland gewesen. Oma und Opa, russische Juden aus Odessa, haben in einem Ghetto mit viel Glück den Holocaust überstanden. Seit Mitte der siebziger Jahre leben sie in New York. Der Enkel ist bei den Eltern in Berlin aufgewachsen. Liebermann (24) liebt diese Stadt. Während der WM ist er mit Tausenden über die Straßen gezogen. Ob den Großeltern das gefallen hätte? Nach allem, was vor mehr als 60 Jahren passiert war? “Aber ich bin doch auch Deutscher”, sagt Vernen Liebermann, ein redegewandter, junger Mann. “Ich habe nie woanders gelebt.” Was ihn unterscheidet, ist allein der Glaube. Er feiert die jüdischen Feste wie Chanukka. Zu Hause mit den Eltern spricht er russisch. “Für uns ist das ganz normal.” Für andere leider nicht.

Der Deutsche Liebermann hat bei der WM einen unbeschwerten Patriotismus erlebt. Der Jude Liebermann kennt andere Erfahrungen. Mit 19 wechselte er zum jüdischen Verein TuS Makkabi, im Westen Berlins. Er spielt in der Kreisliga B, wo der Spaß das Spiel dominieren soll. Oft genug war das nicht der Fall. Am 26. September 2006 spielte Makkabi bei der VSG Altglienicke. Fünfzehn Neonazis hatten sich unter die siebzig Zuschauer gemischt. “Synagogen müssen brennen”, tönte es von der Seitenlinie. Ohne Pause. In der 78. Minute verließ Makkabi aus Protest den Rasen.

Die Trainerin und ihre Spieler aus Altglienicke wollen nichts von den Demütigungen gehört haben, auch der Schiedsrichter konnte sich an nichts erinnern. Für Martin Endemann sind das die gewöhnlichen Reflexe: “Verharmlosung und gegenseitige Schuldzuweisungen sind gang und gäbe.” Der Sprecher des Bündnisses aktiver Fußballfans (BAFF) erforscht seit Jahren den Antisemitismus im Fußball. “Es handelt sich um die älteste Form des Rassismus”, sagt er und erinnert an die Anfeindungen im frühen 20. Jahrhundert. Dabei waren es vor allem jüdische Spieler, Trainer und Funktionäre, die wichtige Aufbauarbeit im deutschen Fußball geleistet haben. Einfacher wurde ihr Leben dadurch nicht.

Walther Bensemann etwa hatte 1898 in Paris das erste Länderspiel einer deutschen Auswahl organisiert. Zwei Jahre später wurde er Mitgründer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). 1933, nach der Machtübernahme der Nazis, flüchtete er in die Schweiz, wo er ein Jahr später mittellos starb. Die Sportlandschaft war nicht wieder zu erkennen. Juden durften nur noch mit jüdischen Klubs gegeneinander antreten. Am 10. November 1938 wurde ihnen jeglicher Sport verboten.

Julius Hirsch erlebte dieses Martyrium am eigenen Leib. Er nahm an den Olympischen Spielen 1912 teil und gewann zwei Deutsche Meisterschaften mit dem Karlsruher FV. 1933 musste er aus seinem Verein ausscheiden. 1938 verlor er auch seine Arbeit. Hirsch litt unter Depressionen und unternahm einen Selbstmordversuch. Er ließ sich von seiner protestantischen Frau scheiden, um sie und seine zwei Kinder vor den Nazis zu schützen. Hirsch wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Vernen Liebermann, der Kapitän der zweiten Makkabi-Mannschaft, hat sich intensiv mit der deutsch-jüdischen Fußballgeschichte beschäftigt. Er ist nicht der einzige jüdische Fußballer, dem der Sport zeitweilig zur Tortur geworden ist. Der jüdische Sportverband Makkabi Deutschland zählt 37 eigenständige Vereine mit etwa 3 000 Mitgliedern. Regelmäßig kommt es zu Schmähungen und körperlichen Angriffen, der Öffentlichkeit bekannt werden nur wenige. In Berlin wurde vor kurzem ein nicht jüdischer A-Jugend-Spieler von Makkabi als Verräter beschimpft, weil er in einem jüdischen Team spielt. Bei einem Spiel in Tempelhof haben Jugendliche den Makkabi-Spielern an der U-Bahn aufgelauert. Sie haben geschimpft, gespuckt, geschlagen. In der Männer-Verbandsliga soll ein Verein gegen Makkabi die doppelte Siegprämie angesetzt haben.

“Wie soll man das verstehen, wenn es nicht um den Aufstieg geht?”, fragt Klubchef Tuvia Schlesinger. “Die wollen es den Juden zeigen.” Dabei spielt es anscheinend keine Rolle, dass die Mannschaften alle Nationalitäten und Religionen vereinen, und die jüdischen Spieler oftmals in der Unterzahl sind. “Die meisten Leute wissen nicht, was sie dort von sich geben”, sagt der Makkabi-Vorsitzende Schlesinger.

1898 wurde in Berlin der erste jüdische Sportverein der Welt ins Leben gerufen, der Turnverein Bar Kochba. In dessen Nachfolge gründete sich 1970 Makkabi. Tuvia Schlesinger sagt nun, dass er schon oft überlegt hat aufzuhören: “Wenn der Spaß verloren geht, wenn der Beruf darunter leidet, die Konzentration, der Schlaf, dann muss man über Rücktritt nachdenken.”

Meistens kommt der Antisemitismus im Fußball heutzutage sogar ohne jüdische Spieler aus. Mit dem Ausbruch des offenen Rassismus Anfang der achtziger Jahre wurden auch die Juden wieder Zielscheibe von Anfeindungen. Dass man die jüdischen Spieler und Funktionäre im Profifußball an einer Hand abzählen kann, spielt dabei keine Rolle. Regelmäßig werden die Schiedsrichter als “Scheiß Jude” beschimpft oder es wird per Gesang eine Bahn nach Auschwitz gebaut. In Dresden werden Teams aus der Hauptstadt als “Juden Berlin” empfangen. Die Fans stilisieren ihre Gegner zudem zu Kapitalisten, während die eigene Mannschaft die Rolle des unterdrückten Außenseiters annimmt.

Zu den heftigsten Schmähungen kam es im September 1996 bei einem Länderspiel zwischen Polen und Deutschland in Zabrze. Das Stadion, ehemals Adolf-Hitler-Kampfbahn, liegt nur dreißig Kilometer von Auschwitz entfernt. Hunderte Neonazis grölten: “Wir fahren nach Polen, um die Juden zu versohlen.” Sie entrollten ein Transparent, darauf stand geschrieben: “Schindler Juden - wir grüßen euch.” Wieder dienten Gesänge und Symbole als Chiffre für Ausgrenzung und Diskriminierung. Inzwischen ist der Antisemitismus durch Sicherheitsmaßnahmen in die unteren Ligen verdrängt worden. Im Februar 2006 formierten sich Fans von Lok Leipzig während des A-Jugend-Spiels gegen Sachsen Leipzig zu einem Hakenkreuz. Es sind die Schlupflöcher des Fußballs.

Das hat auch Vernen Liebermann bei Makkabi erfahren müssen. Juden, Türken, Libanesen, Italiener, Araber und Deutsche haben die erste Mannschaft von Makkabi aus dem Freizeitbereich in die Verbandsliga geführt, in die höchste Berliner Klasse. Und dann ist da noch die Makkabiade, die Olympischen Spiele des jüdischen Sports. Vernen Liebermann hat in Israel daran teilgenommen. “Ein unvergessliches Erlebnis”, sagt er, und für einen Moment sind die Schreihälse aus Altglienicke ganz weit weg.

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