Lernen aus der Katastrophe (Berliner Zeitung, 17. Februar 2006)
Aufgrund präventiver Maßnahmen gelten die englischen Hooligans heute als relativ problemlos
LONDON. Bryan Drew ist ein freundlicher Mann, der wie auf Knopfdruck einen strengen Blick aufsetzen kann. Mit fester Stimme sagt er: “Unsere Fans haben die Wahl: Sie können Lärm machen, singen und tanzen. Wir lassen sie in Ruhe. Aber wenn sie Schaden anrichten, dann machen wir ihnen das Leben schwer.” Er stand zuletzt oft in Kontakt mit seinen europäischen Kollegen, traurige Geschichten hörte er: Ein toter Hooligan in Paris, ein toter Polizist in Italien, randalierende Fans von Feyenoord Rotterdam, Krawalle in Griechenland, in der Türkei - und im deutschen Osten. Er selbst kann kaum von größeren Sorgen berichten. Das ist erstaunlich, denn Bryan Drew bekämpft die Fangewalt in England, dem Geburtsland des Hooliganismus. “Doch das ist Vergangenheit”, sagt er. “Wir haben viel dazugelernt.”
Sein Büro liegt im Süden von London. Seit fast 20 Jahren ist er Leiter der United Kingdom Football Policing Unit (UKFPU), der Koordinationsstelle der englischen Polizei. Sie ist vergleichbar mit der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze in Düsseldorf (ZIS), die Informationen über Fans sammelt und auswertet. Tatsächlich hat die englische Sicherheitspolitik die größten Fortschritte gemacht. Doch die Maßnahmen wurden nicht aus eigenem Antrieb getroffen, der Druck war groß geworden. Bryan Drew formuliert es so: “Es klingt paradox, doch ohne die Katastrophen hätte sich vermutlich wenig verbessert.”
Die Chronik verzeichnet etliche englische Tragödien. Am 11. Mai 1985 verbrennen 56 Zuschauer auf einer Holztribüne in Bradford. Am 29. Mai 1985 sterben 39 Menschen beim Finale um den Landesmeister-Cup zwischen Liverpool und Juventus Turin in Brüssel. Englische Fans hatten die gegnerischen Anhänger attackiert und eine Mauer im Heysel-Stadion zum Einsturz gebracht. Liverpool erhielt eine sechsjährige Sperre für alle internationalen Wettbewerbe. In England setzte Hysterie ein - mit den falschen Konsequenzen: Die Stadien verwandelten sich in Käfige. Auch deshalb starben am 15. April 1989 beim Spiel des FC Liverpool gegen Nottingham Forrest in Sheffield 96 Menschen bei einer Massenpanik. “Die Ereignisse in Hillsborough markieren den Wendepunkt”, sagt Polizeidirektor Drew. “Bis 1989 haben wir nur auf die Verfolgung der Hooligans geachtet. Seitdem konzentrieren wir uns auf die öffentliche Sicherheit.” Die Regierung von Premierministerin Thatcher berief eine Kommission ein. Diese Entscheidung war wie in Deutschland vor der Verabschiedung des Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit 1992 längst überfällig.
Die englischen Ermittler kamen 1990 zu dem Schluss, Stehplätze und Zäune aus den Stadien zu entfernen und Notausgänge zu erweitern. 30 neue Arenen und über 200 Haupttribünen wurden seither errichtet. Mittels Kameras erkannte Krawallmacher verbannte man zum Teil lebenslang. Klubs veröffentlichten Fahndungsfotos und knüpften den Kauf von Tickets an die Vorlage des Ausweises. Aus Angst vor Sperren investierten die Klubs hohe Summen in Kampagnen gegen Rassismus. Und das zu einer Zeit, als sich in Deutschland niemand für Gewalt im Fußball verantwortlich fühlte.
In England beobachten nun uniformierte Polizisten und Fahnder in Zivil die Fanszene. “Die englische Polizei hat sich am schnellsten angepasst, ihr blieb nichts anderes übrig”, sagt Martijn Pelle, Fan-Experte aus Rotterdam. “Die Polizei versucht, Eskalation um jeden Preis zu vermeiden. In Holland oder Italien ist das leider nicht immer so.” Fast die Hälfte aller Profispiele in England kommt inzwischen ohne Polizeipräsenz aus. Auch die steigenden Kartenpreise haben einen gewissen Einfluss: So kostet das billigste Ticket bei einem früheren Problemklub wie dem FC Millwall in der dritten Liga immerhin 21 Pfund (32 Euro). Die Wahrscheinlichkeit, dass größere Gruppen von aggressiven Jugendlichen ins Stadion gelangen, sinkt damit.
Zahlen unterstützen diesen Trend: In der Saison 2005/2006 wurden 3 462 Festnahmen gemeldet. Im Vergleich zu 2004/05 entspricht das einem Rückgang von sieben Prozent. Schon in den Jahren zuvor war die Quote gesunken. Im Großraumbüro der United Kingdom Football Policing Unit sind zwanzig Mitarbeiter tätig. Dem deutschen Pendant, der ZIS in Düsseldorf, steht weniger als die Hälfte zur Verfügung. Sie ist unterbesetzt, öffentlich zugeben will das niemand. Doch das ist Kritik auf hohem Niveau: Im Rest Europas befinden sich ähnliche Einrichtungen noch in der Entwicklung. “Wir haben die Kommunikationsstörungen vielleicht am schnellsten beseitigt”, sagt Bryan Drew. “Unsere Null-Toleranz-Politik hat sich bewährt.” Viele Fans sehen das anders, für sie hat das Spiel seine Seele verloren.
Kevin Miles möchte das nicht so stehen lassen. Er ist einer der Koordinatoren der Football Supporters Federation (FSF), der Vereinigung der organisierten Fans. Jahrzehntelang wurden die Anhänger von den Vereinen und dem englischen Verband FA nicht ernst genommen, sondern nur als Spendengeber gesehen. Die FSF hat fast 150 000 Mitglieder. Sie ist kein Dachverband für sozial-präventive Fanarbeit wie in Deutschland. Dennoch genießt die FSF hohes Ansehen. Während der WM 2006 stellte die Regierung 150 000 Euro zur Verfügung, unter anderem für 50 Mitarbeiter. Selbst Spielergewerkschaft und Verband zahlen ihren Beitrag pünktlich. In Italien ist das undenkbar, auch in Holland wird Jahr für Jahr über die Finanzierung der Projekte gestritten. Ganz zu schweigen von den Problemligen in Osteuropa. “Wir können uns vor Sponsoren kaum retten”, sagt Kevin Miles. Allmählich werden die Fans in England nicht mehr pauschal als Hooligans wahrgenommen.”Heutzutage ist es wahrscheinlicher, dass die englischen Fans angegriffen werden”, so Miles. Er übertreibt, aber seine Botschaft wird deutlich.
Gemessen an den Krawallen bei der WM 1998 in Frankreich oder der EM 2000 in Holland und Belgien, als Hunderte Hooligans festgenommen wurden, hat sich die Lage beruhigt. Grund dafür ist auch der Football Disorder Act, den die Regierung unter Premierminister Blair 2000 verabschiedete. Als Reaktion auf die Ausschreitungen in Belgien wurden Reisepässe von Hooligans eingezogen und Meldeauflagen verhängt. Bei der WM in Deutschland mussten rund 3 500 Engländer daheim bleiben. Es blieb weitgehend friedlich. Für viele war das die eigentliche Überraschung des Turniers.










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