Versteckspieler | Inhaltsverzeichnis

1. Biografie Urban

2. Im Spiel der Aussätzigen

Der offene Rassismus wurde aus den Profiligen verdrängt, Fans flüchten sich in weniger tabuisierte Diskriminierungen – vor allem in Homophobie

3. „Fußball ist alles – auch schwul“

Immer mehr schwullesbische Fanklubs werben in den Stadien um Akzeptanz, doch ihre Mühen werden von Widerständen gebremst

4. „Ein Stück zu Hause“

Fluchtpunkt, Krisenberatung, Gemeinschaft – in schwullesbischen Sportvereinen wie dem Berliner Klub Vorspiel wird nicht nur trainiert

5. Kampf dem Klischee

Homophobie und Sexismus im Frauenfußball treten meist unterschwellig auf und basieren auf Jahrhunderte alten Geschlechterrollen

6. Lotsen in der Grauzone

Martin Schweer und Tatjana Eggeling gelten als Exoten in der Wissenschaft, die Homosexualität im Sport vernachlässigt

7. Die Mauer bröckelt

DFB-Präsident Theo Zwanziger bemüht sich um ein tolerantes Klima, die meisten Funktionäre behaupten sich dagegen als Verdrängungskünstler

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Versteckspieler | Rezensionen und Meinungen

„Das Buch ist ein gelungener Beitrag, sich einem Thema, das lange tabuisiert wurde, sachlich und qualifiziert zu widmen“

Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes

„Das Buch ist wirklich lesenswert.“

Corny Littmann, Präsident des FC St. Pauli

„Mit dem Portrait über Marcus Urban ist Ronny Blaschke ein rundum gutes Buch gelungen. Es geht ihm um eine langfristige Liberalisierung des Klimas, in dem schwule und lesbische Sportler leben. Dazu liefert Blaschkes Buch einen wichtigen Baustein.“

Deutschlandfunk

„Marcus Urban bricht ein Tabu in einer Welt, die von Männlichkeitsritualen durchdrungen ist. Seine Mission bleibt immer dieselbe: das Schweigen beenden, die Diskussion über Schwule im Fußball führen. Etwas in Bewegung bringen.“

Süddeutsche Zeitung

„Es ist die Angst vor der Ausgrenzung, die schwule Fußballer zu ihrem Doppelleben zwingt, diese Angst ist das Leitmotiv in Versteckspieler.“

Der Spiegel

„Die Qualität des Buches liegt weniger in der Aufarbeitung von Urbans Vergangenheit, aufschlussreicher sind die als Exkurse bezeichneten Randgeschichten, in denen aufgezeigt wird, wie dringend Homosexualität im Fußball ein Thema sein sollte – und wie stiefmütterlich der Aspekt nach wie vor behandelt wird.“

Neue Zürcher Zeitung

„Versteckspieler fügt der Diskussion ein neues Moment hinzu. Marcus Urban gibt dem Phänomen Männerfußball und Homosexualität einen Namen und ein Gesicht.“

Ballesterer

„Einsame Spitze. Marcus Urban fand seinen Frieden, als er den Fußball hinter sich ließ. Er schämt sich nicht mehr. Er hat sich lieben gelernt.“

taz

„Versteckspieler ist eine Geschichte aus der homophoben Welt des Sports.“

Stuttgarter Zeitung

„Homosexualität ist eines der größten Tabus im Fußball, auf dem Platz wie auf den Tribünen. Der Journalist Ronny Blaschke hat sich mit dem Tabu auseinandergesetzt.“

Die Wochenzeitung

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Versteckspieler | 1.Exkurs Im Spiel des Aussätzigen

Zwei Polizisten mussten Justin Soni Fashanu abführen. Er hatte sich geweigert, den Trainingsplatz zu verlassen. Brian Clough, der strenge Trainer von Nottingham Forrest, hatte den Stürmer 1982 rausgeschmissen. Er hatte erfahren, dass sich Fashanu in der Schwulenszene bewegte, obwohl er vorgegeben hatte, eine heterosexuelle Beziehung zu führen. Clough wollte die „verdammte Schwuchtel“, wie er es formulierte, nicht mehr in seiner Mannschaft haben. Das große Talent Fashanu, das bei Norwich City Ende der siebziger Jahre groß aufgespielt hatte, wurde zum Spottpreis weitergereicht. Er flüchtete in die USA, später nach Kanada, litt zudem unter einer Knieverletzung – doch von dieser Entlassung sollte sich der Sohn eines nigerianischen Anwalts nicht mehr erholen.

Justin Fashanu kehrte zurück nach England und wagte 1990 ein öffentliches Coming Out. Das Boulevardblatt The Sun bezahlte ihm dafür 80000 Pfund, sein Bruder hatte ihm die gleiche Summe geboten, wenn er sich nicht bekennen würde. Fashanu verknüpfte sein Outing mit dem Schicksal eines schwulen Freundes, der sich umbrachte, weil dessen Eltern ihn verstoßen hatten. Nun wollte er ein Zeichen setzen, aber es ging weiter abwärts. Er tingelte durch Talkshows, trat einer Sekte bei und behauptete, dass auch Politiker aus dem Parlament zu seinen Liebhabern gezählt haben sollen. Im März 1998 beschuldigte ihn ein 17-jähriger Junge aus Maryland, USA, dass er ihn vergewaltigt habe. Beweise gab es nicht, doch die britische Presse fällte trotzdem ein vernichtendes Urteil.

Justin Fashanu hörte das Gerücht, dass er von der Polizei gesucht würde. Der öffentliche Druck zerbrach ihn, am 2. Mai 1998 erhängte er sich in einer Garage in London, er wurde 37 Jahre alt. In einem Abschiedsbrief, den die BBC Monate später veröffentlichte, bekräftigte er noch einmal, dass der Junge bereitwillig Sex mit ihm gehabt haben soll: „Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart“, schrieb er. „Ich fühlte, dass ich wegen meiner Homosexualität kein faires Verfahren bekommen würde.“ Das Verfahren wegen Vergewaltigung wurde eingestellt.

In der Geschichte des europäischen Spitzenfußballs ist Justin Fashanu bislang der einzige Profi gewesen, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. Sein Beispiel hat vermutlich viele Spieler davon abgehalten, an die Öffentlichkeit zu gehen. Selbst Spieler, deren Laufbahnen seit langem zu Ende sind, haben sich bislang nicht zu Wort gemeldet. Ist die Lage in anderen Sportarten ähnlich trostlos?

Martina Navrátilová, eine der besten Tennisspielerinnen der Geschichte, bekannte sich als lesbisch. Ebenso wie ihre französische Kollegin Amélie Mauresmo, die deutsche Radfahrerin Judith Arndt oder die deutsche Fechterin Imke Duplitzer – alle drei sind noch aktiv. Bei den Männern outete sich der Kanadier Mark Tewksbury, ein ehemaliger Schwimmer, der seine größten Erfolge Ende der achtziger bis Anfang der neunziger Jahre feierte. Greg Louganis, mehrfacher Olympiasieger im Wasserspringen aus den USA, gestand 1994 sogar, dass er sich mit dem HI-Virus infiziert habe. Der prominenteste Teamsportler war wohl der amerikanische Basketballer John Amaechi. Vier Jahre nach seinem Karriereende in der nordamerikanischen Profiliga NBA brach er 2007 sein Schweigen.

Diese Beispiele deuten nicht automatisch darauf hin, dass in den genannten Sportarten ein toleranteres Klima herrscht als im Fußball. Es ist kaum möglich, Tennis, Radfahren oder Fechten mit Fußball zu vergleichen. Die Zuschauerzahlen sind geringer, die Publikumsstrukturen unterscheiden sich in Bildung, Zugehörigkeit und Leidensfähigkeit. Martina Navrátilová hatte es vergleichsweise einfach mit ihrer Offenbarung, sie war eine der Besten in ihrem Sport, einer Einzelsportart. Sie war allein für ihre Leistungen verantwortlich und konnte nicht über Sieg und Niederlage eines Teams entscheiden. Der Druck, der auf ihr lastete, war groß, aber er kam nicht von allen Seiten. Navrátilová wurde bewundert für ihr Auftreten. Repräsentativ ist sie als Jahrhundertsportlerin jedoch nicht.

Es muss nicht verwundern, dass in den Randsportarten wenige Sportlerinnen und Sportler als homosexuell bekannt sind, die Medien interessieren sich kaum für sie. Und diejenigen, die kein Geheimnis aus ihrer Sexualität machen, wie die Fechterin Duplitzer, beklagen Nachteile in der Sponsorensuche. Der Spitzensport kann allgemein als konservatives Feld der Gesellschaft beschrieben werden, in dem neben gepflegten Traditionen kaum alternative Lebensformen geduldet werden. Im Fußball, dem einzigen wahren Volkssport, zeigt sich diese Resistenz besonders. Von wegen Spiegelbild der Gesellschaft. In den deutschen Stadien sind noch immer relativ wenig Frauen, Immigranten und Homosexuelle zu Gast. So gleicht der Fußball eher einem Brennglas, in dem gesellschaftspolitische Probleme verschärft wahrgenommen werden. Das gilt auch für Homophobie.

Der Fußball gehört zu den letzten Spielwiesen für Männlichkeitsrituale, er ist getränkt mit Symbolen, die Klischees als maskulin einstufen: schöne Frauen, teurer Schmuck, große Autos. Er wird von Spielern und Journalisten als Kampfsport stilisiert, der dem weiblichen Naturell widerstrebt, und in dem Homosexuelle, denen oft feminine Eigenschaften zugeschrieben werden, keinen Platz haben.

Darüber hinaus besitzt der Fußball – anders als die Einzelsportarten, anders als Politik, Kultur, Wirtschaft – eine hohe Körperlichkeit. „Es gibt wohl kaum eine gesellschaftliche Sphäre, in der so viel Körperlichkeit zwischen Männern erlaubt und erwünscht ist, ohne dass diese als Homosexualität interpretiert wird“, schreibt die Ethnologin Victoria Schwenzer in „Gender Kicks. Texte zu Fußball und Geschlecht“. Spieler reißen sich nach erzielten Toren die Trikots vom Leib, stürzen sich aufeinander, umarmen sich. Die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling bezeichnete dieses Verhalten als eine mit „Ruppigkeit gepaarte Zärtlichkeit. Wenn sich die Spieler übereinander werfen, dann sieht das mehr aus wie eine Rauferei“. Ständig werden Kameradschaft, Zusammenhalt und Teamgeist gepredigt. An Sexualität denkt in diesen Momenten niemand.

Die Schlussfolgerung, der Fußball wäre eine Ursache für Homophobie, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Stadien und Spielfelder sind nicht schwulen- und lesbenfeindlicher als andere Bereiche der Gesellschaft. Laut der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ des Bielfelder Gewaltforschers Wilhelm Heitmeyer hielten 21,8 Prozent der Befragten Homosexualität im Jahr 2006 für unmoralisch. Dieser Trend dringt auf den Tribünen durch Schmähgesänge deutlicher an die Oberfläche als im Arbeitsalltag oder daheim am Kaffeetisch, schließlich spielen Anonymität und Massen eine wichtige Rolle, wenn es um den Ausbruch von Frustrationen und Ressentiments geht. So war es auch in den achtziger und frühen neunziger Jahren gewesen, als Bundesligastadien als Bühnen für offenen Rassismus und Antisemitismus missbraucht wurden.

Rassistisch motivierte Gesänge sind in den vergangenen Jahren wirksam bekämpft worden. Sie sind aber nicht verschwunden, sondern nur verdrängt worden. Vereine müssen mit hohen Strafen rechnen, sobald ihre Fans gegen Farbige oder gegen Juden hetzen. Durch diese zunehmende Tabuisierung flüchten sich manche Anhänger in andere Diskriminierungsformen, die nicht so konsequent bestraft werden, vor allem in Homophobie. Bereits in Nachwuchsmannschaften gelten Begriffe wie „Schwuchtel“ oder „Warmduscher“ als gewöhnliche Schimpfworte, die meist ohne Hintergedanken zur Abwertung des Gegners genutzt werden. In den Profiligen findet vermutlich kein Spiel ohne Homophobie statt, sei es als Einschüchterungsversuch der Spieler oder als Beleidigung der Fans.

Für schwule Spieler muss diese „Normalität“ unerträglich sein. Experten wie Tatjana Eggeling sagen, dass einige italienische Profis Models vorübergehend als Scheinehefrauen anheuern. Heinz Bonn, ehemaliger Spieler des Hamburger SV, hielt in den siebziger Jahren seine Homosexualität geheim, er wurde Alkoholiker und 1991 von einem Strichjungen ermordet.

Als der erste Profischiedsrichter bekannte sich John Blankenstein in den Achtzigern als schwul. Der Niederländer erhielt Morddrohungen und wurde von Kollegen ausgegrenzt. Der Weltverband Fifa verweigerte ihm eine Teilnahme an der WM 1990 in Italien. Die Begründung: Ein Funktionär hatte ihn in einem Fifa-Anzug in einer kanadischen Schwulenbar gesehen. Vor seinem Einsatz 1992 im Länderspiel Englands gegen Dänemark titelte die englische Boulevardzeitung Daily Mirror: „Der heutige Schiri ist schwul!“ Daneben standen „Verhaltenstipps für Spieler auf dem Rasen“.

John Blankenstein pfiff geduldig weiter und engagierte sich für die Gleichberechtigung von Homosexuellen. Er lachte, wenn ihm Funktionäre eine Prostituierte auf das Hotelzimmer schickten, um ihn „umzudrehen“. Am 25. August 2006 starb er an einem Nierenleiden. Das österreichische Fußballmagazin bezeichnete John Blankenstein als den wichtigsten Schiedsrichter der Welt.

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Versteckspieler | Prolog

Die Lange Reihe in St. Georg, nahe des Hamburger Hauptbahnhofes gelegen, ist nicht mehr die Schmuddelstraße, die sie einmal war. Die Mietpreise steigen, Imbissbuden und Gemüseläden weichen, Restaurants, Künstler und Friseure siedeln sich an. St. Georg ist ein angesagter Kiez geworden, in dem sich auch Marcus Urban wohl fühlt. Er sitzt im Café Gnosa, auf halber Höhe der Langen Reihe, einem beliebten Treffpunkt für Lesben und Schwule. Die Wände sind in einem warmen Farbton gehalten, Sessel und Stühle erinnern an die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Marcus trägt ein dunkelbraunes Hemd unter einem schwarzen Sakko, aus Wertschätzung vor der eigenen Geschichte, wie er betont. Er wird über sein Leben erzählen. Das Leben eines Versteckspielers.

Marcus Urban ist homosexuell, er war Leistungssportler, Anfang der Neunziger stand er bei Rot-Weiß Erfurt an der Schwelle zur zweiten Fußball-Bundesliga. Trainer hatten ihm eine große Laufbahn vorausgesagt. Marcus verausgabte sich, um seine Neigung zu verharmlosen, zu leugnen, zu unterdrücken. Er dachte, er sei krank, der Einzige, der ausscherte. Marcus Schneider, wie er damals hieß, als er noch den Nachnamen seines Stiefvaters trug, besuchte die Kinder- und Jugendsportschule, die KJS, in der die DDR ihre Talente zu Staatsbotschaftern aufbauen wollte. Sieben Jahre ging er auf die Sportschule, in der Fußball alles beherrschte. In einem System, das auf Kontrolle fußte, musste er sich am meisten kontrollieren. Aus Angst vor der Enttarnung, aus Furcht vor dem Rausschmiss.

Zwanzig Jahre später kann er gelassen über dieses Kapitel sprechen. Marcus hat ein schmales Gesicht und kurz geschorene Haare, seine O-Beine verraten ihn als Kicker. Er ist nun doch zu einem Botschafter geworden, er will Sensibilität für ein Thema schaffen, dem bislang die Gesichter fehlen. Homosexualität im Profifußball ist kaum erforscht, weil kein schwuler Spieler an einer Studie teilnehmen möchte. Dass es sie auch in der Bundesliga geben muss, ist unbestritten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass zwischen fünf und zehn Prozent der deutschen Männer homosexuell sind. In den oberen Spielklassen dürfte dieser Anteil geringer sein, weil viele Spieler dem Druck schon in den Nachwuchsteams nicht standhalten können. Für sie war und ist der Fußball eine Bastion der Männlichkeit, in der kein Platz für Alternativen bleibt. Handelt es sich also tatsächlich um eines der letzten großen Tabus?

Die Liste der ignoranten und diskriminierenden Zitate von prominenten Spielern, Trainern und Funktionären ist lang, sie sollen in diesem Buch keine Plattform finden. Zuletzt hatte der Trainer Christoph Daum in einer Fernsehdokumentation im Mai 2008 Schwule in Verbindung mit Kinderschändern gebracht. Die Aufregung war groß, eine akzeptable Entschuldigung blieb aus. Marcus Urban kann über solche geistigen Tiefflüge nur lachen, er hatte in seinem Leben ganz andere Sorgen. Seine Biographie soll nun helfen, ein wenig Licht in das schwarze Loch zu werfen. Die Geschichte ist nicht repräsentativ für die Probleme schwuler Fußballer. Marcus hat eine traumatische Kindheit hinter sich, die Folgen erhöhten den Druck zusätzlich. Aber welche Geschichte ist schon repräsentativ? Jeder Spieler hat seine Nöte, seine Last.

In den vielen Interviews, die für das Schreiben dieses Buches erforderlich waren, im Gnosa, in seiner Wohnung in Barmbek oder an seiner Arbeitsstelle, stockte Marcus mehrfach der Atem. Er hatte Tränen in den Augen, dann brauchte er eine Pause, hin und wieder fing er an zu Lachen oder starrte grinsend und verträumt auf einen Punkt. Manchmal merkte er erst nach neunzig Minuten, dass vor ihm ein Wasserglas stand, das er noch nicht angerührt hatte. Zu den Treffen erschien er nicht einmal zu spät, seine Unterlagen waren geordnet, wichtige Gedanken notierte er sich sofort. Es geht um seine Geschichte, seine Erinnerungen, die er loswerden und zugleich verarbeiten möchte. Diese Biografie soll nicht nur ratlosen Spielern als möglicher Leitfaden dienen – sie soll ihm selbst helfen.

Die Massenmedien haben Homosexualität im Fußball als ein Thema entdeckt, mit dem sich Auflage und Quote erzielen lässt. Immer wieder wird der Gegensatz zu Politik und Kultur herausgestellt. Der Fußball verblasse als archaisches Feld der Ewiggestrigen, so der verbreitete Eindruck. Doch ist der Unterschied wirklich so groß? Ist die Politik im Allgemeinen tolerant, weil sich in Klaus Wowereit, dem Regierenden Bürgermeister Berlins, in Ole von Beust, dem Ersten Bürgermeister Hamburgs, oder in Guido Westerwelle, dem Vorsitzenden der FDP, drei bundesweit bekannte Politiker als schwul bekennen? Sind Kunst, Kultur und Unterhaltung frei von Vorurteilen, weil Anne Will, Hella von Sinnen, Dirk Bach, Thomas Herrmanns oder Georg Uecker kein Geheimnis aus ihrer Homosexualität machen? Ist das Verhältnis so einfach zwischen Fußball und dem Rest der Gesellschaft, zwischen Schwarz und Weiß?

Natürlich ist es das nicht. Nur wenige Outings waren freiwillig, oft blieben den Prominenten keine andere Wahl angesichts der Gerüchte und des öffentlichen Drucks. In der Unterhaltungsbranche sind kaum Charakterschauspieler oder politische Kabarettisten als homosexuell bekannt, in der Wirtschaft kaum Topmanager. „Die Gesellschaft ist nicht per se liberaler geworden dadurch, dass die Herren von Beust, Westerwelle oder Wowereit als schwul bekannt sind“, sagte Klaus Wowereit der Wochenzeitung Die Zeit. „Die Probleme des einzelnen Homosexuellen sind damit nicht leichter geworden.“

Auch Wowereit oder Westerwelle müssen sich schwulenfeindliche Witze anhören, nicht immer haben sie es einfach in ihren Parteien. Homosexualität wird allenfalls geduldet, als Normalität wird sie noch lange nicht angesehen. Der Fußball ist daher keine Insel des Bösen. Auf den Tribünen und auf dem Spielfeld treten Homophobie, Klischees und Ressentiments einer ganzen Gesellschaft verschärft auf. Studien belegen, dass die Ausgrenzung zwar zurückgeht, aber noch lange nicht der Vergangenheit angehört. So soll die Selbstmordrate bei homosexuellen Jugendlichen viermal so hoch sein wie bei heterosexuellen.

Marcus Urban wird von Journalisten oft gefragt, ob er schwule Bundesligaspieler kennt, oder sogar Nationalspieler. Diese Annäherung zeigt, dass es vielen Medien nicht um Aufklärung und Bewusstseinsbildung geht, sondern um Voyeurismus und Schlagzeilen. So mancher Boulevardreporter hat Spielern schon Geld für ein Coming Out angeboten, andere halten entlarvende Fotos zurück, im Gegenzug fordern sie von den Betroffenen exklusive Informationen. Das Thema ist jedoch nicht von weltbekannten Namen abhängig, Personenkult würde die Inhalte nur überdecken.

Neben der eindringlichen Lebensgeschichte von Marcus Urban soll dieses Buch in Zwischenkapiteln weitere Einblicke bieten. Es soll verdeutlichen, warum das Wort „schwul“ schon in Jugendmannschaften zu den gängigen Schimpfwörtern zählt. Es soll erklären, warum schwullesbische Sportvereine und Fanklubs so wichtig sind. Es soll die schwierige Arbeit eines Psychologen dokumentieren, der homosexuelle Spitzensportler betreut. Und es soll einen kritischen Blick auf die Rolle der Funktionäre werfen, die sich allmählich für Schwule und Lesben im Fußball zu interessieren beginnen.

Natürlich müssen sich Manager von Klubs und Verbänden die gleiche Frage stellen lassen, wie sie Politiker vor Jahren haben hören müssen: Warum erst jetzt? Der Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe gestellt hatte, wurde erst 1994 endgültig aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen. In Satzungen der großen Bundesligavereine wird kein Wort verloren über die Bekämpfung von Homophobie. Marcus Urban möchte mit seiner Erzählung helfen, das zu ändern. So wie sich der Hamburger Stadtteil St. Georg gewandelt hat, so soll sich auch der Fußball verändern. Marcus kann mit seinem Freund Hand in Hand durch die Lange Reihe spazieren. Niemand nimmt daran heute Anstoß, das war nicht immer so.

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Im Schatten des Spiels | Inhaltsverzeichnis

1. Sehnsucht nach Schmerz

Toni Meyer verbrachte sein erstes Leben als brutaler Hooligan – in seinem zweiten sorgt er dafür, dass Jugendliche nicht den gleichen Weg gehen

2. Im Osten nichts Neues

In den Stadien der neuen Länder haben sich dunkle Abenteuerspielplätze gebildet, doch die Gewalt ist kein reines Erbe der DDR

3. Erholung mit Begleitschutz

Heinrich Schneider ist Schiedsrichter in der Kreisliga A. Manchmal ist er froh, wenn er unversehrt das Spielfeld verlässt – doch aufgeben will er nicht

4. Feuerwehr auf dem Drahtseil

Seit 25 Jahren bewegt sich die präventive Fanarbeit in Deutschland zwischen Rechtfertigungsdruck und Existenzkampf. Eine Bestandsaufnahme

5. Balltanz in der Festung

Die Sicherheitsstandards in den modernen Arenen haben dafür gesorgt, dass die Gewalt zumindest in der Bundesliga kein großes Thema mehr ist. Ein Rundgang durch das Berliner Olympiastadion

6. „Die Polizei wird von den Klubs über den Tisch gezogen

Ein szenekundiger Beamter über Korruption in der Polizei, Tricks der Vereine und Wandlungen in der Hooligan-Szene

7. System der Leidenschaft

Die Ultras unterstützen ihre Vereine bedingungslos. Doch ihre Beziehung zur Polizei ist stark belastet. Führt dieses Reizklima zu einer neuen Gewaltwelle?

8. Wo die Mitte rechts ist

Der Rassismus im Fußball verdeutlicht die Fremdenfeindlichkeit einer ganzen Gesellschaft, er hat seine Lautstärke verloren und bedient sich einer subtilen Symbolik

9. Das Ende der Peinlichkeiten

Die offensive Antirassismus-Politik des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger offenbart die großen Versäumnisse seiner Vorgänger

10 .Er will doch nur spielen

Beschimpft, bespuckt, geschlagen: Wie der Nigerianer Adebowale Ogungbure zu einer Symbolfigur im Kampf gegen Rassismus wurde

11. „Wir haben uns gefühlt wie die Affen im Zoo“

Der jüdische Funktionär Tuvia Schlesinger und der türkische Spieler Fatih Aslan über Fremdenfeindlichkeit in der Tiefebene des Fußballs

12. Denn sie wissen nicht, was sie brüllen

Der Antisemitismus im deutschen Fußball ist fast hundert Jahre alt – mittlerweile kommt er weitgehend ohne jüdische Spieler aus

13. „Fußball ist alles – auch schwul“

Die ehemalige Fußballerin Tanja Walther engagiert sich gegen Homophobie im Fußball. Sie gibt Einblick in eines der letzten großen Tabus

14. „Im Fußball liegt eine zerstörerische Kraft“

Der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer über innere Zwänge, seltsame Süchte und die letzten Reservate der Männlichkeit

15.Das garstige Kind wird erwachsen

Die englischen Hooligans, einst gefürchtet in ganz Europa, sind von Politik und Vereinen zurückgedrängt worden – übrig geblieben ist nur der schlechte Ruf

16. Ultra rechts

Die faschistischen Fans in Italien haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass der Calcio in eine bedrohliche Krise gestürzt ist

17. „Wir müssen immer Angst um unsere Jobs haben“

Die Fanarbeiter Illya Jongeneel und Martijn Pelle über kreative Hooligans, vererbte Rivalitäten und Existenzängste im holländischen Fußball

18. Angst-Gegner

In Polen gibt es die meisten Hooligans in Europa – die Stadien dienen als Treffpunkte für Waffenschmuggler, Drogendealer und Neonazis

19. Rivalität ohne Blaulicht

Der Sportkonsum in den USA ist eine Angelegenheit der Mittelschicht, Gewalt in den Stadien gibt es so gut wie nie

20. Die Paten der Pralinenschachtel

Korruption, Drogen und Gewalt: Der Hang zur organisierten Bandenkriminalität unterscheidet die argentinischen Barrabravas von den europäischen Hooligans

21. Chronologie der Gewalt

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Die Gewalt im ostdeutschen Fussball ist kein reines Erbe der DDR (Neue Zürcher Zeitung, 21. Mai 2005)

Gut ein Jahr vor der WM sind viele kritische Augen auf den Austragungsort Deutschland gerichtet. Die Gewalt, auch in Schweizer Stadien (zuletzt am Cup-Final in Basel) eine unschöne Erscheinung, ist im Nachbarland gemäss einer Studie vor allem ein Problem des Ostens. Die Militanz der Fans ist kein Medienphänomen, wie Entscheidungsträger häufig behaupten. Dieser Beitrag versucht auf Gründe der Brutalität einzugehen.

BERLIN. Es war ein dumpfes Geräusch, das die Branche in Aufruhr versetzte. Am 1. April flog ein Feuerwerkskörper, Fabrikat «Horror-Knall», aus einem nahe gelegenen Waldgebiet in den Innenraum des Auer Erzgebirge-Stadions. Petrik Sander, der Trainer von Energie Cottbus, stürzte an der Seitenlinie des Spielfeldes zu Boden. Wenige Meter neben ihm war der Böller explodiert. Sander hielt sich die Hände vor das schmerzverzerrte Gesicht. Er rollte sich hin und her - wie ein Spieler, der gerade durch eine brutale Grätsche gestoppt wurde. Der Vorfall im Zweitligaspiel Aue gegen Cottbus lenkte die Aufmerksamkeit endgültig auf die fast vergessene Gewaltproblematik. Ob Fan-Ausschreitungen während des Länderspiels der Deutschen in Slowenien, am Mailänder Derby in der Champions League oder eben in der ostdeutschen Kleinstadt Aue: 13 Monate vor der WM und wenige Wochen vor dem Konföderationen-Cup ist die Sicherheit das Thema Nummer eins.

Im WM-Land Deutschland ist die Gewalt vor allem ein Problem des Ostens. Das belegt eine Studie des renommierten Fan-Forschers Gunter A. Pilz von der Universität Hannover. Und das belegen Zahlen. Sechsmal waren in dieser Zweitliga-Saison Anhänger der vier ostdeutschen Klubs Erzgebirge Aue, Dynamo Dresden, Energie Cottbus und Rot-Weiss Erfurt an Randalen beteiligt. Nur einmal, in der Partie Rot-Weiss Essen - Eintracht Frankfurt, waren es Fans aus den alten Bundesländern. «In Ostdeutschland hat sich eine jugendliche Subkultur gebildet. Die Leute sind geil auf Gewalt und machen alles, um auf die Titelblätter zu kommen», sagt Torsten Rudolph, Fan-Projektleiter von Dynamo Dresden, dem Klub, der die meisten gewaltbereiten Fans in Deutschland um sich schart, etwa 300 bis 500. Insgesamt, so schätzt die Polizei, gibt es in Deutschland 3000 Hooligans, also Fans der Kategorie C. Mehr als die Hälfte stammt aus den neuen Bundesländern. Hinzu kommen im Osten etwa 4000 Fans der Kategorie B, jene Gruppierung, die Gewalt in Kauf nimmt.

Wissenschafter, Verbandsfunktionäre und Politiker sprachen zuletzt immer wieder von einem Medienphänomen, einem Pauschalurteil und einem künstlichen Argument für den leidigen Ost-West-Konflikt. Doch diese Betrachtung ist zu einfach. Denn sie dokumentiert die Sorglosigkeit, mit der deutsche Entscheidungsträger den Krankheiten der Gesellschaft begegnen. Natürlich werden auch aus den alten Ländern Ausschreitungen gemeldet, aber nicht im gleichen Masse.

Die Gewalt im ostdeutschen Fussball ist nicht neu», sagt Hans-Georg Moldenhauer aus Magdeburg, der Vizepräsident des Deutschen Fussball-Bundes (DFB). Schon in den siebziger und achtziger Jahren wurde der Fussball im Osten als Plattform für Gewalt genutzt. Als besonders aggressiv galten die Anhänger der Traditionsvereine BFC Dynamo Berlin, Union Berlin oder Dynamo Dresden. Penibel hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) jeden Flaschenwurf und jede Beleidigung in den Akten festgehalten. Öffentlich wurden die Vergehen selten. Das MfS dehnte den Überwachungsstaat auf die Stadien aus, verbot den Medien die Berichterstattung über Randale und schönte die Zahl der Festnahmen. Moldenhauer musste 1990 sogar das Vereinigungs-Länderspiel BRD - DDR absagen - wegen angekündigter Ausschreitungen.

Doch die Gewalt im ostdeutschen Fussball ist kein reines Erbe der DDR. Es wäre oberflächlich, die graue Vorzeit als Fundament für den gegenwärtigen Missstand zu betrachten. Anfang der neunziger Jahre wuchs in den neuen Ländern die rechtsradikale Szene. Vornehmlich Jugendliche suchten sich ein Ventil, um ihren Frust über die Entwicklung sozialer Strukturen zu verarbeiten. Sie verloren sich im Wandel der Zeit. Diese Entwicklung ragt bis in die Gegenwart hinein. «Wo die Probleme heute am grössten sind, neigen Menschen leider schneller zu Gewalt», sagt Uwe Leonhardt, der Präsident des FC Erzgebirge Aue. Die Folge: Fans in Erfurt, Dresden oder Cottbus artikulieren ihren Frust über Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven unter dem Deckmantel des Massensports. Viele von ihnen lassen sich von Osteuropa inspirieren. Szenen wie in Aue sind in Polen an der Tagesordnung. Gegen die Militanz der Fans ist die Polizei oft machtlos.

In Deutschland ist das anders. Wenn am Sonntag der Match Dresden - Erfurt angepfiffen wird, werden mehrere hundert Polizisten für Ordnung sorgen. Eine wachsende Zahl von Beamten wird für den Fussball abgestellt. Allein der Ermittlungsgruppe «Hooligan» in Berlin, wo tausend gewaltbereite Fans registriert sind, gehören 23 szenenkundige Beamte an. «Wir haben in den letzten Jahren einen wichtigen Lernprozess durchgemacht», sagt Iris Tappendorf, die Leiterin der EG Hooligan: «Wir können jetzt besser reagieren.» Doch die Verschärfung der Sicherheitsmassnahmen birgt einen neuen Konflikt. Seit Stadien Sicherheitstrakten ähneln, wächst der Unmut der Ultras, die sich mit bengalischen Feuern und Choreografien gern in Szene setzen. Allein in Dresden wurden in dieser Saison 160 Stadionverbote ausgesprochen, in Deutschland waren es in den vergangenen zehn Jahren mehr als 2500. «Fans werden entweder als Kunden oder Problem wahrgenommen», sagt Matthias Bettag, der Sprecher von Baff, dem Bündnis aktiver Fussballfans, das sich für den Erhalt der Fan-Kultur einsetzt. Seiner Meinung nach werden langfristige Stadionverbote oft willkürlich verhängt. Folglich solidarisieren sich gemässigte Supporter und greifen zu radikalen Mitteln. Auch der Raketenwerfer von Aue, dem ein Stadionverbot auferlegt worden war, sah in seinem Wurf eine Form des Protests. In diesem Fall hatte die Strafe das Problem also nicht beseitigt, sondern nur aus dem Stadion ins Umfeld verlagert. So gelten die Ultras als gefährlicher als Hooligans, die sich zu ihren Schlägereien meist in der Abgeschiedenheit treffen.

Es ist fast unmöglich, der Gewalt im ostdeutschen Fussball Einhalt zu gebieten. Zumal sich der DFB, die Vereine und das Innenministerium mit einer fragwürdigen Prävention selber im Weg stehen. Ein einheitliches Konzept ist nicht zu erkennen. Klubfunktionäre fordern noch immer ein rigoroses Durchgreifen: «Wir müssen Exempel statuieren», sagt etwa Jochen Rudi, der Präsident von Dynamo Dresden. Er würde die Gewalttäter sogar zur Erziehung in Haft bringen. Dagegen plädieren Betreuer für einen moderaten Kurs. Torsten Rudolph, Dresdens Fan-Projektchef: «Wir müssen so früh wie möglich mit der Aufklärung beginnen, am besten schon in den Schulen.»

Das ist angesichts der leeren Kassen schwierig. Die Fan-Projekte in den neuen Bundesländern werden künstlich am Leben erhalten. Bei Dynamo Dresden arbeiten lediglich zwei hauptamtliche Mitarbeiter, der Etat von 80 000 Euro ist niedrig, liegt aber über dem anderer Ostklubs. Die Vereine bitten den Staat um mehr Hilfe, da sozialpädagogische Betreuung nahezu unmöglich geworden ist. Der Staat schiebt die Verantwortung zurück an die Vereine. Treffend illustriert wird das am Beispiel des Bundeslandes Sachsen. «Gegen Versäumnisse wie jahrelange unprofessionelle Fan-Betreuung ist der Staat machtlos», sagt Thomas de Maizière, Sachsens Innenminister. Allerdings ist der Freistaat eines von zwei Bundesländern, die sich nicht an der Drittel-Finanzierung beteiligen. Dieses Projekt des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit besagt, dass der DFB 30 000 Euro für ein Fan-Projekt in der zweiten Liga bereitstellt, wenn Kommune und Land jeweils den gleichen Beitrag leisten.

Es ist nicht zu erwarten, dass sich die Gewalt verflüchtigt. Im Gegenteil: Die wachsenden Probleme in der Gesellschaft und die ungenügende Betreuung geben Grund zur Sorge, dass sich das Problem nicht nur in Dresden, Cottbus und Erfurt manifestieren wird. Der DFB, die Vereine und das Innenministerium haben nun die undankbare Aufgabe, einen Ausweg zu finden. Sie haben nicht die Macht, aus soziokulturellen Problemzonen blühende Landschaften zu machen - und damit den Frust der Nach-Wende-Verlierer zu bändigen. Die Lösung liegt vielmehr zwischen weitsichtiger Prävention und überlegter Repression. Dabei hilft es nicht immer, die Keule zu schwingen. Ohne das Problem zu verharmlosen: Prävention bedeutet nicht, Fans zwei Tage vor einem Spiel ins Gefängnis zu stecken. Sondern sich in ihre Lage zu versetzen. Fans kritisieren, dass Würdenträgern in Verband und Staat die Perspektive aus ihrem Block fehlt. Ganz falsch liegen sie damit nicht.

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Wendekind im Wartestand (Süddeutsche Zeitung, 20. Juli 2005)

Im offenen Strafvollzug trainiert der Boxer Jürgen Brähmer für eine bessere Zukunft

SCHWERIN. Jürgen Brähmer erscheint pünktlich wie immer. Um neun Uhr betritt er den Eingang der Schweriner Boxhalle. Er mag keine Überraschungsgäste, schon gar keine Journalisten. Er möchte nicht reden, sagt er grimmig, und er möchte auch nicht beim Training beobachtet werden. Er habe viele Geschichten über sich gelesen, die er selbst noch nicht kannte. Oft hatte er die Reporter danach angerufen und sich beschwert, nicht immer in höflichem Ton. Inzwischen ist es ihm egal, was über ihn erzählt und geschrieben wird. „Ich habe meinen Stempel weg. Die Leute interessiert eben nur die dunkle Seite.“

Dafür, dass er nicht reden will, sagt er erstaunlich viel. So ist er, der unberechenbare Herr B., nichts in seinem Leben ist planbar. Doch er hat eingesehen, dass er den Kampf gegen das Klischee nicht gewinnen kann: Mit Hilfe seiner Fäuste wollte er flüchten, aus einer Plattenbausiedlung im Osten in die Welt der Reichen und Schönen – stattdessen brachten ihn seine Fäuste in den Knast. So lautet Kapitel eins der Geschichte. Ob das zweite besser wird?

Breitbeinig steht der 25-Jährige im Eingang der Boxhalle. Er wirkt selbstbewusst, von Zweifeln befreit. Sein Promoter, Klaus-Peter Kohl vom Universum-Boxstall, tönte einst über den Supermittelgewichtler: „Jürgen ist das größte deutsche Talent. Er kann einer der besten Boxer aller Zeiten werden.“ 1993 hatte ihn Michael Timm, der ehemalige Landestrainer von Mecklenburg-Vorpommern und jetzige Universum-Coach, in Stralsund entdeckt, wo Brähmer in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist. Sieben Kinder mussten seine Eltern erziehen, viel Geld hatten sie nicht. Doch Brähmer trainierte hart. 1996 wurde er Junioren-Weltmeister, drei Jahre später wechselte er zu Universum. Der Ausnahmeathlet gewann seine 24 Profikämpfe alle, 20 davon durch Knockout. Einmal bezwang er seinen Gegner mit gebrochener Führhand. Eine große Karriere wurde ihm prophezeit. Das Wendekind, wie er sich selbst bezeichnet, gab dem Boxerklischee ein Gesicht.

Jürgen Brähmer hält die Arme verschränkt vor der Brust. Er will nicht auf seine Vergangenheit eingehen. Er weiß, was er kann, sportlich. Er ist stolz darauf, das zeigt sein Gesichtsausdruck. Aber weiß er auch, was er nicht kann? So sehr er seine Gegner im Ring beherrschte, so sehr glitt ihm das Leben aus den Händen. Er lernte Freunde kennen, die ihn an alles erinnerten, nur nicht an seine Pflichten. Er hatte sich stets in der Großfamilie verstecken können, doch er versagte, als er seine eigenen Entscheidungen treffen musste. 1998 erhielt er eine Jugendstrafe, vielen seiner ehemaligen Schulfreunde erging es so. Autoklau, Alkoholexzesse und Prügeleien machten Brähmer so bekannt wie seine Schlagkraft zwischen den Seilen. 2002 rammte er ohne Führerschein ein anderes Auto und flüchtete. Der Geschädigte folgte ihm und stellte ihn in einer Sackgasse. Sekunden später lag er bewusstlos auf dem Beton. Brähmer hatte zugeschlagen – und musste in Haft. Seit Februar dieses Jahres ist er im offenen Vollzug. Derzeit ist das unbezahlbare Talent also wertlos.

Der Weg zurück ist beschwerlich. Jeden Tag fährt Brähmer aus der Justizvollzugsanstalt in Waldeck bei Rostock nach Schwerin, wo ihn der Amerikaner Chuck Talhami trainiert, morgens 100 Kilometer hin, abends zurück. Um 20 Uhr muss er wieder in seiner zehn Quadratmeter großen Zelle sein. „Das nervt. Ich hätte gern den Kopf frei“, sagt er. Vor wenigen Tagen hat die Staatsanwaltschaft Schwerin einen Antrag des Landgerichts Rostock abermals abgelehnt, den Rest der Haftstrafe auf Bewährung auszusetzen. „Herr Brähmer besitzt keinen Promi-Status“, sagt Nicolette Otto, die Sprecherin des Justizministeriums Mecklenburg-Vorpommerns. Brähmer sieht das anders. Er glaubt, dass ihn die Staatsanwaltschaft als abschreckendes Beispiel benutzt: „Nur weil ich bekannter bin, habe ich es nicht leichter im Gefängnis. Im Gegenteil.“

Für einen Moment ist in seinen Augen ein Funken der Aggression zu erkennen, die ihn erst in dieses Dilemma brachte. Die Entrüstung ist jedoch schnell verflogen. Brähmer hat sich mit der Abhängigkeit arrangiert, geduldig verharrt er im Wartestand. Er fokussiert sich auf den Sport, trainiert unermüdlich. Im Gefängnis pflegt er keine Freundschaften, erzählt er, nur Bekanntschaften. Er habe genug andere Dinge im Kopf. Boxen als Therapie für einen gescheiterten Menschen – Brähmer bleibt keine andere Wahl. Seine Lehre musste er abbrechen, der Knast stand im Weg. Er hat wenig Alternativen für die Zukunft. Will so schnell wie möglich zurück in den Ring. „Ich lebe von nichts“, sagt er. Die Sehnsucht nach Normalität treibt ihn an, er hat zu viele Jahre verloren.

Ob er bereit ist für die Rückkehr? „Jürgen ist ein Mann geworden“, sagt Trainer Michael Timm: „Er ist ein lieber, herzlicher Mensch, der niemanden hasst.“ Der Haudrauf reift in der Zelle zum Sensibelchen? Diesen Eindruck vermittelt Brähmer dann doch nicht. Er ist noch immer ein Andersdenkender, ein Straßenboxer, das wird er auch bleiben. Er ist kein Henry-Maske-Verschnitt, betont er, kein Strahlemann. Er hat keinen Doktor-Titel wie die Brüder Klitschko. Er würde die Boxhandschule wohl eher aus dem Fenster werfen, bevor er sich als Marionette durch Talkshows quälen muss: „Ich sage nicht das, was andere wollen.“

Leitfiguren der Gesellschaft sehen anders aus, doch Jürgen Brähmer will höchstens ein sportliches Vorbild sein. Ob es weitere Eskapaden geben wird? „Wir können ihn beeinflussen, aber nicht führen“, glaubt Michael Timm. Im Oktober läuft die Haftstrafe ab. Dann erhält Brähmer die letzte Chance, zu beweisen, dass er kein jähzorniges Kind mehr ist. Er wird wieder auf Bewährung boxen. Um Weltmeister zu werden – und um sich vor dummen Gedanken zu schützen.

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Gestohlenes Meisterstück (Süddeutsche Zeitung, 30. Juli 2005)

Vor 25 Jahren wurden die DDR-Handballer Olympiasieger – ihr langjähriger Kapitän Böhme erlebte den Sieg als Bauernopfer zu Hause

ROSTOCK. Die Kneipe gibt es noch immer, sie trägt bloß einen anderen Namen. Wolfgang Böhme ist lange nicht dort gewesen, doch er erinnert sich genau an den 30. Juli 1980. Er saß im Szczecin, Stadtteil Lütten Klein, im Nordwesten Rostocks. Sein Kinn berührte den Tresen, er starrte auf den Fernseher – und weinte. Um ihn herum tanzten die Gäste auf den Tischen. Die Handballer der DDR hatten gerade Olympia-Gold gewonnen, tausende Kilometer weiter, im Sokolniki-Palast von Moskau, 23:22 nach Verlängerung gegen die übermächtige UdSSR. So traumhaft der Sieg für die DDR war, so albtraumhaft war er für Wolfgang Böhme. Er hatte nicht mitspielen dürfen, obwohl er lange Zeit der Kapitän dieses Teams war. An diesem Samstag jährt sich der größte Erfolg der gesamtdeutschen Handball-Historie zum 25. Mal – ebenso wie das gestohlene Meisterstück des Wolfgang Böhme, 55.

Aus heutiger Sicht erscheint seine Geschichte wie ein böses Märchen: Es war im Februar 1980, als Böhme nach Berlin zitiert wurde. Nach einem kurzen Gespräch wurde ihm mitgeteilt, dass seine Karriere beendet sei. Das Urteil hatte Manfred Ewald getroffen, der Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB). Ausreden? Keine Chance. Einspruch? Zwecklos. Von einer Minute zur nächsten gab es den Namen Böhme im Handball nicht mehr. „Das war ein Schock. Er hat unser Team geführt“, erinnert sich Olympiasieger und Ehrenspielführer Frank-Michael Wahl. Die DDR-Oberen, die stets stolz auf ihre sportlichen Werbeträger waren, beraubten sich selbst. Das ist so, als wäre Franz Beckenbauer vor dem WM-Sieg 1974 aus dem DFB-Team geschmissen worden – nur weil sich die Republikhüter um Willy Brandt davor fürchteten, dass er bald in New York spielen könnte.

In Wirklichkeit hatten der DTSB und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf ein Bauernopfer wie Böhme gewartet. Als sich zum dreißigsten Jahrestag der DDR bereits mehr als hundert Spitzensportler abgesetzt hatten, höhnte die Illustrierte Bunte: „Ihre Besten sind im Westen.“ Ein Signal sollte gesetzt werden, um den Flüchtlingsstrom der Athleten zu stoppen, der Leidtragende hieß Wolfgang Böhme. Zunächst warf ihm der DTSB Devisenvergehen vor. Er hatte bei Auslandsreisen munter in der Tabuzone eingekauft. Freunden und Verwandten besorgte er Uhren, Videorekorder und andere Seltenheiten. Das war verboten hinterm Stacheldraht, doch kaum jemand hielt sich an diese Regel. Zudem soll die Gefahr der Flucht bestanden haben. Böhme schildert, dass er Probleme mit seiner zweiten Ehefrau gehabt hatte, mit der ehemaligen Rodlerin Ute Rührold. In Briefen schrieb er ihr, er könne nach einem Länderspiel gleich im Westen bleiben. Die Schwiegermutter, berichtet er, erfuhr von den Harmoniestörungen. Sie fürchtete um das Wohl ihrer Tochter und meldete den Zwist dem Politbüro. Böhmes Talent als umsichtiger und wurfstarker Handballer war plötzlich nicht mehr gefragt.

An diesem Beispiel zeigt sich, wie kompromisslos die DDR-Führung selbst mit ihren Prestige-Produzenten umsprang. Neben Schwiegermüttern fahndeten in fast jedem Klub Stasi-Spitzel nach Aufmüpfigen in kurzen Hosen. Der Überwachungsstaat wurde bis ins Entmüdungsbecken ausgedehnt. Niemand durfte Schaden über das Kollektiv bringen, das war im Sport genauso wie in der Kultur. „Ich wollte nicht flüchten. Für meine Familie wäre das Leben zur Hölle geworden“, sagt Böhme. Angebote gab es zwar zur Genüge, unter anderem vom THW Kiel. Bei Europacupspielen wurden Spieler wie Böhme, Frank-Michael Wahl oder Wieland Schmidt zur Seite genommen. In schummrigen Ecken wurden ihnen unheimliche Summen zugeflüstert, schwach geworden ist keiner.

Böhmes Bruder hatte einen anderen Plan: Er heiratete eine Österreicherin und durfte über die Grenzen nach Wien, die Braut erhielt 35 000 D-Mark. Die Kosten für den Sprung aus dem Käfig erstattete der Lieblings-Onkel, später half er anderen Sportlern bei der Flucht. Wolfgang Böhme hatte es schwerer, seine Heimat wurde für ihn zum Exil. Während die früheren Kollegen nach dem Olympiasieg mit Ehrungen überhäuft wurden und mit Erich Honecker auf einer Couch sitzen durften, verkümmerte Böhme zur Staatsmarionette: Er wurde für drei Monate in die Armee eingezogen – mit 31 Jahren. Sein Sportlehrer-Diplom sollte ihm entzogen werden. In Rostock, bei seinem Heimatverein HC Empor, erhielt er Hallenverbot. Stattdessen musste er in der Provinz Talente trainieren. Auf der einen Seite diente Böhme der DDR-Führung als abschreckendes Beispiel, auf der anderen sollte er für die Jugend ein Vorbild sein.

Das Leben war umgekrempelt. Böhme flüchtete sich in Alkoholeskapaden und rettete sich von einem Aushilfsjob zum nächsten. Sein Heimtrainer Heinz Strauch musste ihn meiden, sonst hätte er selbst Probleme bekommen. Die Stasi duldete keine Gnade gegenüber Querdenkern: Fußball-Profi Lutz Eigendorf soll 1983, vier Jahre nach seiner Flucht aus der DDR, einem Mordanschlag der Stasi zum Opfer gefallen sein. Der Fußballtrainer Jörg Berger, ebenfalls ein Abtrünniger des Irrsinns und inzwischen Trainer des FC Hansa Rostock, wurde noch Jahre nach der Wende beschattet. Er spricht nicht gerne über die Vergangenheit im DDR-Korsett.

Wolfgang Böhme hat längst überwunden, dass ihm sein Meisterstück von ein paar Machtsüchtigen geraubt worden ist. 25 Jahre nach dem geklauten Olympiasieg von Moskau lebt er in der Nähe von Minden. Er ist dort als Sportlehrer tätig. Jedes Wochenende fährt er nach Basel, wo er ein Nachwuchsteam trainiert. Die lange Reise nimmt er gern in Kauf. Demnächst siedelt er ganz in die Schweiz über. Denn er hat seine Freiheit zu schätzen gelernt.

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Kopien einer Katastrophe (taz, 25. August. 2005)

Vor gut einem Jahr verletzte sich der Turner Ronny Ziesmer im Training so schwer, dass er seitdem im Rollstuhl sitzt. Er versucht, das Trauma durch offensive Öffentlichkeitsarbeit zu bewältigen

KIENBAUM. Und wieder senkt sich das Licht der Kamera auf den jungen Mann im Rollstuhl. Vor dem grellen Scheinwerfer bleibt nichts im Verborgenen, keine Falte, kein Blinzeln, nicht mal ein unbedeutendes Stirnrunzeln. Er redet, freundlich, geduldig, wie man ihn kennt. Beantwortet Fragen, die er schon vor Monaten beantwortet hat, wieder und wieder. Dann schweigt er, dreht sich, wendet sich, wie es sich der Fernsehreporter wünscht. Ronny Ziesmer war Leistungssportler, einer der besten deutschen Turner. Bis er vor 13 Monaten bei einem Sprung stürzte und unheilbare Halswirbelverletzungen erlitt. Den Sport musste er aufgeben, aber Leistung bringt er noch immer.

Fünf Kamerateams sind an diesem Dienstag gekommen, 20 Journalisten und ein Dutzend Ehrengäste. Sie alle stehen in der Turnhalle des Bundesleistungszentrums in Kienbaum, im Osten Berlins, dort, wo sich der Unfall am 14. Juli 2004 ereignet hatte. Sie alle kennen die Geschichte des 26-Jährigen: den tragischen Sturz, die zehnmonatige Leidenszeit im Krankenhaus, die zaghaften Fortschritte und die gefeierte Rückkehr in die Öffentlichkeit. Und trotzdem muss Ziesmer seine Erinnerungen schildern, dutzendfach. Hunderte Medienanfragen sind bei seinem Berater Eckhard Herholz eingegangen. Viele wollten den Jahrestag des Unglücks begehen. Doch Herholz platzierte den Termin bewusst etwas später, um in die Zukunft zu verweisen. Ziesmer muss viel zurückschauen, um ein bisschen nach vorn blicken zu dürfen. Er betrachtet das Ende seines ersten Lebens sachlich und distanziert.

Er hat die Mechanismen der Medienwelt verinnerlicht – mit Hilfe seines Beraters: „Ohne Unterstützung hätten sie mir schon im Krankenhaus die Bude eingerannt”, sagt Ziesmer. Also gibt er den Katastrophen-Berichterstatter. So zieht er Aufmerksamkeit auf sich, vor allem die des herzschmerzsüchtigen Boulevards, und gibt sie an jene weiter, denen er helfen möchte.

Er will ein globales Netzwerk von Geschädigten und Unterstützern knüpfen mit dem pathetischen Titel: „Allianz der Hoffnung”. Während der Pressekonferenz in Kienbaum wird er auf dem Podium von Gästen aus ganz Deutschland flankiert. Zum Beispiel von Herbert Tröscher, dem Gründer der Neuraxo Biotec GmbH in Düsseldorf. Das Unternehmen arbeitet an der Entwicklung eines Medikaments zur Behandlung von Querschnittsgelähmten. Noch fehlen 2,5 Millionen Euro Eigenkapital, um die ersehnte Marktreife zu forcieren. Jahrelang bemühte sich Tröscher um Investoren. „Diese Behandlung könnte tausenden Menschen helfen”, sagt er und ergänzt: „Sie würde den Wissenschaftsstandort Deutschland stärken und Arbeitsplätze schaffen.” Klingt nach viel Verantwortung? Ronny Ziesmer will sie auf sich nehmen, dafür beantwortet er auch die dümmsten Fragen zehnmal pro Stunde. Er möchte Sensibilität für diese Branche schaffen. Ihm wird das leichter fallen als Marketingstrategen. Er spricht nicht von Aufbruch, er erwirkt ihn.

Besuche bei Kanzler Schröder und CDU-Politiker Schäuble hat er hinter sich. In Kienbaum nahm er an einem Workshop für Rollstuhlfahrer teil. Mit dem so genannten Handbike möchte er in ferner Zukunft an den Paralympics teilnehmen. Er hat seine eigene Wohnung in der Cottbuser Innenstadt bezogen, will demnächst ein umgebautes Auto steuern und im Herbst ein Studium der Biotechnologie in Senftenberg beginnen. Selbst die Gesundheitsministerin Brandenburgs, Dagmar Ziegler, ist in Kienbaum, bedankt sich artig für den Tatendrang des prominenten Patienten und berichtet von den Problemen ihres Ressorts. Eine solche Plattform wird ihr selten geboten. Ziesmer hat eine Minderheit ins Rampenlicht gerückt und ist zum Aufklärer für rund 170.000 Querschnittsgelähmte in Deutschland geworden. „Für unsere Zunft ist er ein Glücksfall”, sagt Heinrich Köberle, vierfacher Paralympics-Sieger in der Leichtathletik: „Er ist ein Kämpfer.”

Die Grenze zum Marketing ist nicht mehr weit. Ziesmer kann wenig dafür. Er will die Öffentlichkeit nicht meiden, denn er hat große Pläne. Die Konsequenz: mediales Mitleid. Darauf hätte Ziesmer schon Minuten nach seinem Sturz verzichten können. Als er vor zwei Jahren deutscher Mehrkampfmeister wurde, hatte kein Kameralicht sein Gesicht angestrahlt, die Meldungen in den Zeitungen hätte er nicht mal mit einer Lupe entdeckt. Nun hat er durch die Behinderung eine Bekanntheit erlangt, die ihm keine olympische Goldmedaille hätte bescheren können. Das Pressearchiv wächst, Artikel mit großen Buchstaben und Mitschnitte von Fernsehreportagen gehen täglich ein. Namhafte Entscheidungsträger bitten um seine Hilfe. Vor dem Unfall kannten sie nicht mal seinen Namen. Mit diesem Paradoxon hat Ziesmer sich arrangiert: „Es ist ein komisches Gefühl. Aber ich empfinde diese Termine als positiven Stress.”

Man möchte ihm das glauben. Doch wer ihn in der Sporthalle beobachtet, der sieht, dass ihm die Presseversorgung nicht nur Spaß bringt. Manchmal atmet er tief durch, hebt beide Augenbrauen, dann verschwindet das Lächeln für einen Moment. Andreas Hirsch, der Bundestrainer des Turner-Bundes, kann das nachvollziehen. Auch er muss viele Interviews geben. So viele Journalisten hatte er noch nie in der Halle. Er möchte nicht missverstanden werden, die Persönlichkeit Ziesmers hat sein Leben bereichert, doch er sagt auch: „Wir stehen hier nur im Hintergrund und werden begafft wie die Affen im Zoo.” Die Leitfigur seiner Sportart ist dem Sport längst verloren gegangen. Das weiß er, das hat er akzeptiert. Verstanden hat er es nicht.

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Dschungel am Rande des Irrsinns (Süddeutsche Zeitung, 29. Dezember 2005)

In Hongkong fesseln Galopprennen die Massen – und Pferdewetten finanzieren den Sozialetat

HONGKONG. Die Schnellbahnen nach Lo Wu, in den Nordosten von Hongkong, sind schon am Mittag überfüllt. Auf halber Strecke, zwischen den Bergen von Maon Shan und den Hochhaussiedlungen von Sha Tin, leeren sie sich. Tausende schieben sich auf einer schmalen Brücke über eine Autobahn, hinein in die riesige Arena von Sha Tin, wo das sportliche Herz Hongkongs schlägt.

Pferderennen stehen in der Gunst am Höchsten. Das sagt zumindest Julia Tsang, die Sprecherin des veranstaltenden Hong Kong Jockey Clubs. Doch deshalb sind an diesem Tag nicht 60 000 Menschen nach Sha Tin gekommen. Der Volkssport Nummer eins in Hongkong sind nicht die Pferderennen, sondern das Wetten auf die Pferderennen. Höchstens 30 000 Zuschauer haben auf der Tribüne Platz genommen, um die Rennen mit eigenen Augen zu verfolgen, die Stimmung ist entsprechend mau. Alle anderen sitzen oder stehen in den acht klimatisierten Etagen des Stadions. Schauen auf hunderte Bildschirme, Videoleinwände und Displays. Hören kreischende Reporterstimmen, lesen ein Dutzend Pferdesport-Zeitungen, füllen tausende Wettscheine aus. Oder schlendern von einem der Fast-Food-Restaurants zu den Boutiquen oder Kindertagesstätten. Die Rennbahn von Sha Tin ist keine Sportstätte nach dem Vorbild des alten Europas. Sie ist ein kleiner Dschungel am Rande des urbanen Irrsinns, der Elemente aus Bahnhof, Messegelände, Casino und Supermarkt vereint. Das Chaos hat Methode – und es hinterlässt beste Erträge.

Der Hong Kong Jockey Club zählt zu den Schaltzentralen der Wirtschaftsmetropole, in der sieben Millionen Menschen leben. Im vergangenen Jahr hat er 97,19 Milliarden Hongkong-Dollar umgesetzt, umgerechnet rund zehn Milliarden Euro. Neunzig Prozent dieser Summe wurden durch Pferdesport- und Fußballwetten erzielt. Das ist dreimal so viel, wie im vergangenen Jahr in ganz Deutschland durch Sportwetten umgesetzt worden ist. Seit über 150 Jahren finden in Hong Kong Pferderennen statt. „Die Leute hier lieben die Wetten, sie lieben den Nervenkitzel“, erklärt Amy Chan Ka Tim, Journalistin bei der Tageszeitung Apple Daily, „das gehört zu ihrer Kultur.“

Deutlich wird das nicht nur in Sha Tin oder Happy Valley, der zweiten großen Rennbahn, im Südosten von Hongkong Island. Deutlich wird das an jeder Ecke, zum Beispiel in Kowloon, einem der zentralen Siedlungskerne. Aus dem Hintergrund dringt das Geräusch der Presslufthämmer, in den überfüllten Straßenschluchten fängt sich eine drückende Schwüle, ein Geruchs-Gemisch aus Dieselschwaden und chinesischer Küche. Und trotzdem sticht in diesem Meer der Reize immer wieder das blaue Logo des Hong Kong Jockey Clubs heraus. In der Hankow Street zum Beispiel, wo eine der über 100 Wettannahmestellen liegt, stehen am Nachmittag etwa 200 Menschen an sieben Schaltern Schlange. Auf großen Monitoren werden die Rennbilder aus Sha Tin übertragen. „Dabei ist es heute relativ ruhig“, sagt Kenny Mui, einer der Mitarbeiter. Wie seine Kollegen trägt er himmelblaues Hemd und himmelblaue Weste. Die Mehrheit wettet per Telefon und Internet. Rund 1,5 Millionen Hongkong-Chinesen setzen ihr Geld regelmäßig auf Pferde oder Fußballer.

Dass das Wohlbefinden Hongkongs auch auf den Schultern des Glücksspiels lastet, klingt paradox, ist aber Tradition: Elf Prozent des gesamten Steueraufkommens und fast ein Drittel des Sozialetats der Stadt trägt der Jockey Club, er betreut rund 100 gemeinnützige Projekte. Zudem beschäftigt er 4000 feste und 12 000 freie Mitarbeiter. Es wird als Privileg angesehen, Trainer oder Jockey im Club zu sein. Dem Deutschen Andreas Schütz ist das gelungen, er darf Anfang 2006 von Köln nach Sha Tin wechseln. Einfache Mitglieder dagegen bezahlen ein Vermögen an Aufnahmegebühren, rund 25 000 Euro, dennoch beträgt die Wartezeit Jahre.

Bei diesen Fakten bleibt die Frage, warum ausgerechnet Hongkong dem Pferde- und Wettfieber verfallen ist. Schließlich steht die ehemalige britische Kronkolonie seit 1997 wieder unter chinesicher Verwaltung. Noch sind die Spuren des vereinten Königreichs allerdings nicht verschwunden. Für den Europäer ist die allmähliche Rekolonisierung mit bloßen Augen nicht zu erkennen. Metro-Stationen heißen noch immer Prince Edward und Straßen noch immer Oxford Road. Der Linksverkehr ist geblieben, auch die Währung und das Rechtssystem haben weiter Bestand. So wie sich weitgereiste Gäste stets gewundert haben, wie diese kapitalistische Enklave am Fuße des kommunistischen Chinas zu einer Finanzmetropole heranwachsen kann, so wundern sie sich auch über den Boom auf den Rennbahnen. Zumal Sportwetten ansonsten in China strikt verboten sind. Auf den gut 40 Rennbahnen des Landes wurden seit Jahrzehnten keine Pferde gesichtet. Es ist kaum vorstellbar, was passieren würde, wenn die Regierung in Peking den Markt für Sportwetten öffnen würde. „Das wird niemals passieren“, sagt Kenny Mui in der Hankow Street. Zu groß ist die Angst, dass die Kontrolle verloren geht. Seit langem blüht der illegale Wettmarkt, Korruption, Geldwäsche und Spielmanipulationen sind an der Tagesordnung. In Hongkong hingegen werden Millionen für Kontrollen ausgegeben. Bei dem kleinsten Verstoß werden Jockeys oder Pferdebesitzern die lukrativen Lizenzen entzogen. „Hongkong hat eben einen Vorsprung an Tradition“, sagt Kenny Mui.

Dann wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Das letzte Rennen in Sha Tin läuft gerade. Doch der Tag ist noch lang, im Dezember ist Hochsaison. Spät am Abend empfängt Borussia Dortmund den FC Bayern. Kenny Mui erwartet bis Mitternacht viel Betrieb. Ob viele Wetter in Hongkong die Spieler der Bundesliga kennen, Claudio Pizarro oder Roman Weidenfeller „Ich glaube nicht“, sagt Kenny Mui und hebt die Schultern: „Aber spielt das für die Wetten eine Rolle?“

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Schlupflöcher eines Sports (Berliner Zeitung, 28. Dezember 2006)

Jüdischen Fußballern begegnet auf dem Spielfeld regelmäßig Antisemitismus - eine traurige Tradition

BERLIN. Vernen Liebermann ist sich nicht sicher, wie seine Großeltern reagiert hätten, wären sie im Sommer 2006 in Deutschland gewesen. Oma und Opa, russische Juden aus Odessa, haben in einem Ghetto mit viel Glück den Holocaust überstanden. Seit Mitte der siebziger Jahre leben sie in New York. Der Enkel ist bei den Eltern in Berlin aufgewachsen. Liebermann (24) liebt diese Stadt. Während der WM ist er mit Tausenden über die Straßen gezogen. Ob den Großeltern das gefallen hätte? Nach allem, was vor mehr als 60 Jahren passiert war? “Aber ich bin doch auch Deutscher”, sagt Vernen Liebermann, ein redegewandter, junger Mann. “Ich habe nie woanders gelebt.” Was ihn unterscheidet, ist allein der Glaube. Er feiert die jüdischen Feste wie Chanukka. Zu Hause mit den Eltern spricht er russisch. “Für uns ist das ganz normal.” Für andere leider nicht.

Der Deutsche Liebermann hat bei der WM einen unbeschwerten Patriotismus erlebt. Der Jude Liebermann kennt andere Erfahrungen. Mit 19 wechselte er zum jüdischen Verein TuS Makkabi, im Westen Berlins. Er spielt in der Kreisliga B, wo der Spaß das Spiel dominieren soll. Oft genug war das nicht der Fall. Am 26. September 2006 spielte Makkabi bei der VSG Altglienicke. Fünfzehn Neonazis hatten sich unter die siebzig Zuschauer gemischt. “Synagogen müssen brennen”, tönte es von der Seitenlinie. Ohne Pause. In der 78. Minute verließ Makkabi aus Protest den Rasen.

Die Trainerin und ihre Spieler aus Altglienicke wollen nichts von den Demütigungen gehört haben, auch der Schiedsrichter konnte sich an nichts erinnern. Für Martin Endemann sind das die gewöhnlichen Reflexe: “Verharmlosung und gegenseitige Schuldzuweisungen sind gang und gäbe.” Der Sprecher des Bündnisses aktiver Fußballfans (BAFF) erforscht seit Jahren den Antisemitismus im Fußball. “Es handelt sich um die älteste Form des Rassismus”, sagt er und erinnert an die Anfeindungen im frühen 20. Jahrhundert. Dabei waren es vor allem jüdische Spieler, Trainer und Funktionäre, die wichtige Aufbauarbeit im deutschen Fußball geleistet haben. Einfacher wurde ihr Leben dadurch nicht.

Walther Bensemann etwa hatte 1898 in Paris das erste Länderspiel einer deutschen Auswahl organisiert. Zwei Jahre später wurde er Mitgründer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). 1933, nach der Machtübernahme der Nazis, flüchtete er in die Schweiz, wo er ein Jahr später mittellos starb. Die Sportlandschaft war nicht wieder zu erkennen. Juden durften nur noch mit jüdischen Klubs gegeneinander antreten. Am 10. November 1938 wurde ihnen jeglicher Sport verboten.

Julius Hirsch erlebte dieses Martyrium am eigenen Leib. Er nahm an den Olympischen Spielen 1912 teil und gewann zwei Deutsche Meisterschaften mit dem Karlsruher FV. 1933 musste er aus seinem Verein ausscheiden. 1938 verlor er auch seine Arbeit. Hirsch litt unter Depressionen und unternahm einen Selbstmordversuch. Er ließ sich von seiner protestantischen Frau scheiden, um sie und seine zwei Kinder vor den Nazis zu schützen. Hirsch wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Vernen Liebermann, der Kapitän der zweiten Makkabi-Mannschaft, hat sich intensiv mit der deutsch-jüdischen Fußballgeschichte beschäftigt. Er ist nicht der einzige jüdische Fußballer, dem der Sport zeitweilig zur Tortur geworden ist. Der jüdische Sportverband Makkabi Deutschland zählt 37 eigenständige Vereine mit etwa 3 000 Mitgliedern. Regelmäßig kommt es zu Schmähungen und körperlichen Angriffen, der Öffentlichkeit bekannt werden nur wenige. In Berlin wurde vor kurzem ein nicht jüdischer A-Jugend-Spieler von Makkabi als Verräter beschimpft, weil er in einem jüdischen Team spielt. Bei einem Spiel in Tempelhof haben Jugendliche den Makkabi-Spielern an der U-Bahn aufgelauert. Sie haben geschimpft, gespuckt, geschlagen. In der Männer-Verbandsliga soll ein Verein gegen Makkabi die doppelte Siegprämie angesetzt haben.

“Wie soll man das verstehen, wenn es nicht um den Aufstieg geht?”, fragt Klubchef Tuvia Schlesinger. “Die wollen es den Juden zeigen.” Dabei spielt es anscheinend keine Rolle, dass die Mannschaften alle Nationalitäten und Religionen vereinen, und die jüdischen Spieler oftmals in der Unterzahl sind. “Die meisten Leute wissen nicht, was sie dort von sich geben”, sagt der Makkabi-Vorsitzende Schlesinger.

1898 wurde in Berlin der erste jüdische Sportverein der Welt ins Leben gerufen, der Turnverein Bar Kochba. In dessen Nachfolge gründete sich 1970 Makkabi. Tuvia Schlesinger sagt nun, dass er schon oft überlegt hat aufzuhören: “Wenn der Spaß verloren geht, wenn der Beruf darunter leidet, die Konzentration, der Schlaf, dann muss man über Rücktritt nachdenken.”

Meistens kommt der Antisemitismus im Fußball heutzutage sogar ohne jüdische Spieler aus. Mit dem Ausbruch des offenen Rassismus Anfang der achtziger Jahre wurden auch die Juden wieder Zielscheibe von Anfeindungen. Dass man die jüdischen Spieler und Funktionäre im Profifußball an einer Hand abzählen kann, spielt dabei keine Rolle. Regelmäßig werden die Schiedsrichter als “Scheiß Jude” beschimpft oder es wird per Gesang eine Bahn nach Auschwitz gebaut. In Dresden werden Teams aus der Hauptstadt als “Juden Berlin” empfangen. Die Fans stilisieren ihre Gegner zudem zu Kapitalisten, während die eigene Mannschaft die Rolle des unterdrückten Außenseiters annimmt.

Zu den heftigsten Schmähungen kam es im September 1996 bei einem Länderspiel zwischen Polen und Deutschland in Zabrze. Das Stadion, ehemals Adolf-Hitler-Kampfbahn, liegt nur dreißig Kilometer von Auschwitz entfernt. Hunderte Neonazis grölten: “Wir fahren nach Polen, um die Juden zu versohlen.” Sie entrollten ein Transparent, darauf stand geschrieben: “Schindler Juden - wir grüßen euch.” Wieder dienten Gesänge und Symbole als Chiffre für Ausgrenzung und Diskriminierung. Inzwischen ist der Antisemitismus durch Sicherheitsmaßnahmen in die unteren Ligen verdrängt worden. Im Februar 2006 formierten sich Fans von Lok Leipzig während des A-Jugend-Spiels gegen Sachsen Leipzig zu einem Hakenkreuz. Es sind die Schlupflöcher des Fußballs.

Das hat auch Vernen Liebermann bei Makkabi erfahren müssen. Juden, Türken, Libanesen, Italiener, Araber und Deutsche haben die erste Mannschaft von Makkabi aus dem Freizeitbereich in die Verbandsliga geführt, in die höchste Berliner Klasse. Und dann ist da noch die Makkabiade, die Olympischen Spiele des jüdischen Sports. Vernen Liebermann hat in Israel daran teilgenommen. “Ein unvergessliches Erlebnis”, sagt er, und für einen Moment sind die Schreihälse aus Altglienicke ganz weit weg.

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Lernen aus der Katastrophe (Berliner Zeitung, 17. Februar 2006)

Aufgrund präventiver Maßnahmen gelten die englischen Hooligans heute als relativ problemlos

LONDON. Bryan Drew ist ein freundlicher Mann, der wie auf Knopfdruck einen strengen Blick aufsetzen kann. Mit fester Stimme sagt er: “Unsere Fans haben die Wahl: Sie können Lärm machen, singen und tanzen. Wir lassen sie in Ruhe. Aber wenn sie Schaden anrichten, dann machen wir ihnen das Leben schwer.” Er stand zuletzt oft in Kontakt mit seinen europäischen Kollegen, traurige Geschichten hörte er: Ein toter Hooligan in Paris, ein toter Polizist in Italien, randalierende Fans von Feyenoord Rotterdam, Krawalle in Griechenland, in der Türkei - und im deutschen Osten. Er selbst kann kaum von größeren Sorgen berichten. Das ist erstaunlich, denn Bryan Drew bekämpft die Fangewalt in England, dem Geburtsland des Hooliganismus. “Doch das ist Vergangenheit”, sagt er. “Wir haben viel dazugelernt.”

Sein Büro liegt im Süden von London. Seit fast 20 Jahren ist er Leiter der United Kingdom Football Policing Unit (UKFPU), der Koordinationsstelle der englischen Polizei. Sie ist vergleichbar mit der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze in Düsseldorf (ZIS), die Informationen über Fans sammelt und auswertet. Tatsächlich hat die englische Sicherheitspolitik die größten Fortschritte gemacht. Doch die Maßnahmen wurden nicht aus eigenem Antrieb getroffen, der Druck war groß geworden. Bryan Drew formuliert es so: “Es klingt paradox, doch ohne die Katastrophen hätte sich vermutlich wenig verbessert.”

Die Chronik verzeichnet etliche englische Tragödien. Am 11. Mai 1985 verbrennen 56 Zuschauer auf einer Holztribüne in Bradford. Am 29. Mai 1985 sterben 39 Menschen beim Finale um den Landesmeister-Cup zwischen Liverpool und Juventus Turin in Brüssel. Englische Fans hatten die gegnerischen Anhänger attackiert und eine Mauer im Heysel-Stadion zum Einsturz gebracht. Liverpool erhielt eine sechsjährige Sperre für alle internationalen Wettbewerbe. In England setzte Hysterie ein - mit den falschen Konsequenzen: Die Stadien verwandelten sich in Käfige. Auch deshalb starben am 15. April 1989 beim Spiel des FC Liverpool gegen Nottingham Forrest in Sheffield 96 Menschen bei einer Massenpanik. “Die Ereignisse in Hillsborough markieren den Wendepunkt”, sagt Polizeidirektor Drew. “Bis 1989 haben wir nur auf die Verfolgung der Hooligans geachtet. Seitdem konzentrieren wir uns auf die öffentliche Sicherheit.” Die Regierung von Premierministerin Thatcher berief eine Kommission ein. Diese Entscheidung war wie in Deutschland vor der Verabschiedung des Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit 1992 längst überfällig.

Die englischen Ermittler kamen 1990 zu dem Schluss, Stehplätze und Zäune aus den Stadien zu entfernen und Notausgänge zu erweitern. 30 neue Arenen und über 200 Haupttribünen wurden seither errichtet. Mittels Kameras erkannte Krawallmacher verbannte man zum Teil lebenslang. Klubs veröffentlichten Fahndungsfotos und knüpften den Kauf von Tickets an die Vorlage des Ausweises. Aus Angst vor Sperren investierten die Klubs hohe Summen in Kampagnen gegen Rassismus. Und das zu einer Zeit, als sich in Deutschland niemand für Gewalt im Fußball verantwortlich fühlte.

In England beobachten nun uniformierte Polizisten und Fahnder in Zivil die Fanszene. “Die englische Polizei hat sich am schnellsten angepasst, ihr blieb nichts anderes übrig”, sagt Martijn Pelle, Fan-Experte aus Rotterdam. “Die Polizei versucht, Eskalation um jeden Preis zu vermeiden. In Holland oder Italien ist das leider nicht immer so.” Fast die Hälfte aller Profispiele in England kommt inzwischen ohne Polizeipräsenz aus. Auch die steigenden Kartenpreise haben einen gewissen Einfluss: So kostet das billigste Ticket bei einem früheren Problemklub wie dem FC Millwall in der dritten Liga immerhin 21 Pfund (32 Euro). Die Wahrscheinlichkeit, dass größere Gruppen von aggressiven Jugendlichen ins Stadion gelangen, sinkt damit.

Zahlen unterstützen diesen Trend: In der Saison 2005/2006 wurden 3 462 Festnahmen gemeldet. Im Vergleich zu 2004/05 entspricht das einem Rückgang von sieben Prozent. Schon in den Jahren zuvor war die Quote gesunken. Im Großraumbüro der United Kingdom Football Policing Unit sind zwanzig Mitarbeiter tätig. Dem deutschen Pendant, der ZIS in Düsseldorf, steht weniger als die Hälfte zur Verfügung. Sie ist unterbesetzt, öffentlich zugeben will das niemand. Doch das ist Kritik auf hohem Niveau: Im Rest Europas befinden sich ähnliche Einrichtungen noch in der Entwicklung. “Wir haben die Kommunikationsstörungen vielleicht am schnellsten beseitigt”, sagt Bryan Drew. “Unsere Null-Toleranz-Politik hat sich bewährt.” Viele Fans sehen das anders, für sie hat das Spiel seine Seele verloren.

Kevin Miles möchte das nicht so stehen lassen. Er ist einer der Koordinatoren der Football Supporters Federation (FSF), der Vereinigung der organisierten Fans. Jahrzehntelang wurden die Anhänger von den Vereinen und dem englischen Verband FA nicht ernst genommen, sondern nur als Spendengeber gesehen. Die FSF hat fast 150 000 Mitglieder. Sie ist kein Dachverband für sozial-präventive Fanarbeit wie in Deutschland. Dennoch genießt die FSF hohes Ansehen. Während der WM 2006 stellte die Regierung 150 000 Euro zur Verfügung, unter anderem für 50 Mitarbeiter. Selbst Spielergewerkschaft und Verband zahlen ihren Beitrag pünktlich. In Italien ist das undenkbar, auch in Holland wird Jahr für Jahr über die Finanzierung der Projekte gestritten. Ganz zu schweigen von den Problemligen in Osteuropa. “Wir können uns vor Sponsoren kaum retten”, sagt Kevin Miles. Allmählich werden die Fans in England nicht mehr pauschal als Hooligans wahrgenommen.”Heutzutage ist es wahrscheinlicher, dass die englischen Fans angegriffen werden”, so Miles. Er übertreibt, aber seine Botschaft wird deutlich.

Gemessen an den Krawallen bei der WM 1998 in Frankreich oder der EM 2000 in Holland und Belgien, als Hunderte Hooligans festgenommen wurden, hat sich die Lage beruhigt. Grund dafür ist auch der Football Disorder Act, den die Regierung unter Premierminister Blair 2000 verabschiedete. Als Reaktion auf die Ausschreitungen in Belgien wurden Reisepässe von Hooligans eingezogen und Meldeauflagen verhängt. Bei der WM in Deutschland mussten rund 3 500 Engländer daheim bleiben. Es blieb weitgehend friedlich. Für viele war das die eigentliche Überraschung des Turniers.

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Leben in der Einbahnstraße (Berliner Zeitung, 22. August 2008)

Die Sportförderung der Bundeswehr gerät in die Kritik, sie bietet den Athleten kaum Perspektiven

PEKING. Der Name soll hier nicht genannt werden, aus Persönlichkeitsgründen. Vor einigen Wochen betrat ein erfahrener Sportler das Büro eines Bundestagsmitgliedes. Er war Sportsoldat der Bundeswehr gewesen, er hatte jahrelang trainiert, um erfolgreich zu sein, für ein Studium oder eine Ausbildung blieb kein Platz. Nun, nach dem Ende seiner Karriere, stand er vor der Frage, womit er künftig seinen Lebensunterhalt bestreiten würde. So bat er das Bundestagsmitglied um Hilfe; notfalls, sagte er, könne er als Fahrer eines Politikers arbeiten.

Die Fitness des Ministers

Insgesamt gehören in Deutschland derzeit 704 Athleten in 18 Sportfördergruppen der Bundeswehr an. 127 von ihnen waren oder sind in Peking aktiv, das entspricht fast einem Drittel des Olympiateams. Mit rund 25 Millionen Euro fördert das Bundesministerium der Verteidigung den Spitzensport in diesem Jahr. Vor einigen Tagen gab Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) in der chinesischen Hauptstadt eine Pressekonferenz. Stolz verwies er auf die Medaillengewinner aus der Bundeswehr. Er sagte: “Es geht um das Ansehen Deutschlands. Sportförderung ist wichtiger denn je.” Kritik am System halte er für unangebracht, vielmehr seien die Athleten Vorbilder für die gesamte Bundeswehr. “Wir brauchen fitte Soldatinnen und Soldaten für die Auslandseinsätze.” Für die Bundeswehr ist der Sport eine Art Öffentlichkeitsarbeit.

Wolfgang Maennig kann dieser Argumentation nicht so recht folgen. Er wurde 1988 Olympiasieger im Rudern, inzwischen ist er Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg. Auf einem Kongress des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Berlin hatte er das Fördermodell der Bundeswehr hinterfragt. Damals saß auch Michael Vesper, der Generaldirektor des DOSB, auf dem Podium. In Peking sagt Vesper nun, angesprochen auf die Kritik: “Wir gehen sehr selbstbewusst mit unseren Soldaten um. Die Bundeswehr ist einer unserer größten Förderer, ohne sie könnten wir den Erfolg nicht zeigen. Die Meinung von Herrn Maennig ist eine absolute Einzelmeinung.”

Eine Einzelmeinung? Maennig bestätigt, dass sich nach der Diskussion Funktionäre und Politiker bei ihm bedankt hätten für seine offenen Worte. Er sagt, er habe nichts dagegen, dass die Bundeswehr Sportler fördert, ihm gehe es um deren Zukunft: “Die Bundeswehr muss dafür sorgen, dass der Übergang in das normale Leben leicht fällt.” Zwei Drittel ihrer Arbeitszeit nutzen Sportsoldaten für Training und Wettkämpfe, ein Drittel für militärische Ausbildung. Eine Investition in die Zukunft sind diese Lehrgänge selten, kaum ein Athlet bleibt nach seiner Laufbahn in der Bundeswehr. Anders sieht es bei der Bundespolizei, beim Zoll, oder, wie neuerdings in Eisenhüttenstadt, bei der Feuerwehr aus, die ebenfalls Sportler fördern: Hier können Athleten eine Ausbildung absolvieren. Eine langfristige Tätigkeit ist wahrscheinlicher.

Auch die Bundeswehr bietet ihren Athleten Fortbildungsmöglichkeiten an, nur werden diese viel zu selten wahrgenommen, glaubt Claudia Verdicchio, Sportsoldatin aus Freiburg, die in Peking als Schützin angetreten ist. Ihre Geschichte verdeutlicht das Dilemma der Förderung. Mit 19 stand sie vor der Entscheidung: Sie wollte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin beginnen. Ihr Trainer riet ihr zum Beitritt einer Sportfördergruppe, sonst könne sie Olympia abschreiben. Später unterbrach Verdicchio aus eigenem Antrieb ihre Zeit bei der Bundeswehr. Sie ließ sich zur Steuerfachangestellten ausbilden. “Nicht jeder ist so vernünftig”, sagt sie. “Viele machen es sich leicht.”

Wissenschaftler Maennig hält Vorgänge wie diese für einen Irrglauben. Demnächst möchte er in einer Studie ermitteln, ob Sportsoldaten tatsächlich bessere Leistungen vollbringen als Athleten, die zugleich studieren oder eine Ausbildung leisten. Maennigs Vermutung: “Bei Sportlern, die ausschließlich trainieren und Wettkämpfe bestreiten, kann sich Lethargie einstellen. Andere, die studieren, trainieren oft effektiver.” Er fordert: “Die Bundeswehr darf Fortbildung nicht nur anbieten - sie muss sie von den Sportlern abfordern.”

Zum Ende der Olympischen Spiele wird in Deutschland traditionell über die Sportförderung diskutiert. Derzeit zeigt sich eine Spaltung. Der DOSB hat seine Forderung durchgesetzt: Die Bundeswehr wird die Planstellen auf die Rekordzahl 824 heben, um in der Medaillenhatz konkurrenzfähig zu bleiben. Der Bund der Steuerzahler hingegen vermisst Transparenz. Wird Deutschland von einem Staatssport dominiert, wenn weit mehr als 1 000 Athleten in Uniformen stecken? Ist dieses Modell, das Ende der sechziger Jahre während des Kalten Krieges geschaffen und von totalitären Systemen wie der Sowjetunion und China auf die Spitze getrieben wurde, noch zeitgemäß? Sind Steuerausgaben in dieser Höhe angebracht, im Zeitalter des systematischen Dopings?

Fragen über Fragen, die eine prüfende Debatte entfacht haben. Dagmar Freitag, sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, will beim Verteidigungsminister ihre Bedenken anbringen. “Wir haben die Verpflichtung, nicht nur an Medaillen zu denken”, sagt die Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV). “Sportförderung darf keine Einbahnstraße sein.” Freitag will ermitteln lassen, welche Berufswege die Sportsoldaten in den vergangenen Jahren eingeschlagen haben. Ihr Kollege im Sportausschuss des Bundestages, Winfried Hermann von den Grünen, plädiert dafür, Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende mehr zu berücksichtigen.

Der Vorwurf des Direktors

Auch außerhalb der Politik scheint sich ein Wandel zu vollziehen. Michael Ilgner, Geschäftsführer der Deutschen Sporthilfe, sagt, dass seine Stiftung die Förderung nach den Spielen intensiver auf Studenten ausrichten möchte. Helmut Digel, Direktor des Sportinstituts der Universität Tübingen, wirft indes den Hochschulen vor, zu wenig für den Spitzensport zu leisten. In einem Punkt sind sich alle einig: Der Staat müsse von der privaten Wirtschaft entlastet werden. Bis es so weit ist, springt die Bundeswehr ein. “Der Spitzensport, den wir fördern, hat unmittelbare Auswirkung auf den Breitensport”, sagt Minister Jung. Skispringen oder Biathlon kann er nicht gemeint haben.

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Kopftücher willkommen (Süddeutsche Zeitung, 27. Dezember 2008)

Für muslimische Mädchen ist Sport auch in Deutschland keine Selbstverständlichkeit – die Begeisterung wächst trotzdem spürbar

BERLIN. Seit zwanzig Jahren ist Gabriele Kremkow Sportlehrerin, sie hat ein Gespür für Talente, doch manchmal hilft ihr das wenig. Vor kurzem wollte sie ein Mädchen mit türkischer Herkunft für einen Leichtathletikverein empfehlen. Das Mädchen war selbstbewusst, pfiffig, es hatte gute Ausdauer und lief schneller als alle anderen. Gabriele Kremkow glaubte fest daran, dass das Mädchen viele Medaillen gewinnen könnte, bei einem Verein landete es nicht. Die Eltern hatten etwas dagegen, sie wollten nicht mit sich reden lassen – und wieder blieb ein Talent unentdeckt.

Kreuzberg, nahe Südstern. Die Carl-von-Ossietzky-Oberschule ist eine der größten Schulen Berlins, 120 Lehrer, 1300 Schüler, neunzig Prozent von ihnen stammen aus Einwandererfamilien. Die Schule liegt in einer Umgebung, die allgemein als sozialer Brennpunkt umschrieben wird. Gabriele Kremkow, die pädagogische Koordinatorin, könnte lange über ihre Sorgen reden; über Kinder, die allein aufstehen, ohne Frühstück, weil ihre Eltern morgens nicht aus dem Bett kommen, oder über den dramatischen Bildungsabsturz. Aber sie nähert sich den Problemen von der anderen Seite, spricht lieber über Lösungen. „Der Sport ist für unsere Arbeit von groß;;er Bedeutung”, sagt sie. Wenn sie bei den Berliner Politikern einen Wunsch frei hätte, würde sie die Zahl der wöchentlichen Sportstunden von drei auf fünf erhöhen. Für die tägliche Auslastung.

Es geht Gabriele Kremkow nicht nur um Konzepte gegen den Bewegungsmangel, es geht ihr vor allem um Integration. Studien haben nachgewiesen, dass körperliche Betätigung in Gruppen die Kommunikation und den Gemeinschaftssinn fördert – unabhängig von der Herkunft. Das Selbstbewusstsein, das Schüler im Turnen oder im Basketball gewinnen, übertragen sie auf den Mathe- oder Erdkundeunterricht. Hört sich gut an? Ist aber nicht leicht umzusetzen. Trainingsübungen anzubieten oder beim Weitsprung Hilfestellung zu geben, ist nicht genug. Gabriele Kremkow muss sich mit Religion auseinandersetzen, mit Glaubensfragen – und mit der Bedeutung des Kopftuches.

Mit dem Ende der Grundschule und dem Beginn der Pubertät werden Mädchen und Jungen im Sport wie fast überall getrennt unterrichtet. Im Schnitt sind es fünf muslimische Mädchen pro Klasse, die mit dreizehn oder vierzehn ein Kopftuch anlegen, auch im Sport. Die Gründe dafür liegen in der traditionellen und religiösen Erziehung. Sobald Jungen durch die Fenster in die Halle schauen, setzt Gekreische ein, und die Mädchen laufen in eine sichtgeschützte Ecke. „Wir können eine Meinung haben, aber es steht uns nicht zu, über Religion zu urteilen”, sagt Kremkow. Sie achtet genau auf die Kopfbedeckungen, wegen der Verletzungsgefahr. Die Tücher müssen speziell gewickelt und im Nacken gebunden sein, der Hals muss frei bleiben. Deshalb springen und sprinten die Mädchen im Sommer mit Rollkragenpullover, um den Körper ganz zu bedecken.

Die Ehre der Eltern

Rund 400 000 muslimische Mädchen leben in Deutschland, die meisten stammen aus der Türkei. Gabriele Kremkow führt viele Gespräche mit den Eltern, um für den Sportunterricht zu werben, unterstützt von den Sozialpädagogen der Schule. Bei einer Sportart hat sie größere Probleme: Immer wieder kommt es vor, dass Muslime ihren Töchtern das Schwimmen verbieten. Sie fürchten, dass Bewegungen und Kleidung der Mädchen aufreizend sein könnten und ihre Jungfräulichkeit untergraben werde. 1993 entschied des Bundesverwaltungsgericht, dass dieser Boykott zulässig ist, sofern er stichhaltig begründet wird. Die Mädchen stürzt dies oft in einen Gewissenskonflikt. Zum einen respektieren sie die Ehre der Eltern, zum anderen wollen sie von Mitschülern nicht ausgeschlossen werden. Notfalls schwimmen sie in Radlerhosen und Hemden.

Kremkow sieht sich als Vermittlerin. In Kreuzberg hat nur jedes vierte Kind zu Hause schwimmen gelernt, im Berliner Schnitt jedes zweite. An den Schulen in Kreuzberg lernen es aber bei weitem nicht alle. Mehr als ein Viertel bleibt hier Nichtschwimmer, im bürgerlichen Zehlendorf sind es nur fünf Prozent. Ein Beweis für Verweigerung? „Sport muss Spaß machen”, sagt Gabriele Kremkow, ihr geht es um die Wirkung. „Wir dürfen niemanden mit Leistungsdruck abschrecken.” An vielen Schulen schicken Lehrer muslimische Schülerinnen zum Frauenschwimmen, das inzwischen in zahlreichen Badeanstalten angeboten wird.

Nicht alle Lehrer siedeln das Thema Integration so hoch an, viele sind davon überfordert. Ihre Stundenzahlen wachsen, Vertretungen werden selten eingestellt, manchmal muss der Unterricht ganz ausfallen. In der Carl-von-Ossietzky-Oberschule wurden dennoch Arbeitsgemeinschaften im Basketball, Badminton, Volleyball gegründet, besonders beliebt ist Mädchenfußball. Die Schülerinnen reißen sich um einen Platz beim jährlichen Antigewaltturnier – der Erfolg wird hier nicht nur in Toren gemessen.

Osnabrü;ck, Universität. Der Sportdidaktiker Ulf Gebken kennt dieses Prinzip. Mit Hilfe des DFB fördert er in Niedersachsen Projekte für Fußballerinnen mit Migrationshintergrund, die Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen sind in ganz Deutschland anerkannt, „Wir fördern das Selbsthilfepotenzial”, sagt Gebken. „Mädchen können Übungsleiterinnen oder Schiedsrichterinnen werden und damit Verantwortung in unserer Gesellschaft übernehmen.”

Schulen haben es nicht immer leicht, Musliminnen für Sport zu begeistern – Vereine haben es richtig schwer. Laut einer Studie der Universität Frankfurt am Main von 2002 sind weniger als fünf Prozent der erwachsenen Einwanderer in Sportklubs aktiv, bei ihren Töchtern ist die Zahl noch niedriger. „Wir müssen die Mädchen sorgsam an unsere Strukturen gewöhnen”, erzählt Gebken. In einigen islamischen Ländern sind Vereine Männerdomäne. In Deutschland schrecken Sprachbarrieren und Anmeldebürokratie ab, vielen Familien fehlt das Geld. So kommen die Kinder in der Grundschule erstmals zum Sport.

Ulf Gebken ist in Hannover-Vahrenheide, dem Ausgangspunkt seiner Projekte, auf viele Hindernisse gestoßen, die auch Kollegen in anderen Städten kennen. „Wenn wir muslimische Mädchen für den Sport gewinnen möchten, müssen wir die ganze Familie ansprechen”, sagt er. Vereinsvertreter führen besorgte Väter durch Duschkabinen oder Umkleidetrakte, sie verweisen auf den freundlichen Hausmeister und die gute Straßenbeleuchtung des Heimweges, oder sie fahren die Mädchen selbst nach Hause. Vor Auswärtsreisen oder Trainingslagern werden Bedingungen wieder und wieder besprochen: Alkoholverbot, getrennte Schlafräume, vegetarisches Essen.

„Leider wird dieses Thema nicht überall ernst genommen”, kritisiert Gebken. Vor einem Jahr schickte ein Schiedsrichter in Bremen eine muslimische Nachwuchsspielerin des KSV Vatan Spor vom Platz. Wegen ihres Kopftuches. Der Schiedsrichter berief sich auf die Regeln des Weltfußballverbandes Fifa, der religiöse Botschaften verbietet. Hatte der Unparteiische Recht? War er unwissend? Oder doch intolerant? Die Empörung war groß. Theo Zwanziger, der Präsident des DFB, ein Förderer des Frauenfußballs, stellt klar: „Kein Mädchen soll dem Fußball verloren gehen, weil es ein Kopftuch trägt.” Legt man den demografischen Wandel zu Grunde, dürften Sportverbände wie der DFB bald auch im Leistungssport auf Migrantinnen angewiesen sein. Sportartikelhersteller haben reagiert und moderne, sichere Kopftücher, so genannte Tschadors, in ihr Sortiment aufgenommen.

Frankfurt am Main, Westend. Hanane ist eine bescheidene Frau, ihren Nachnamen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Dass sie ein gelungenes Beispiel für Integration durch Sport sein soll, ist ihr fast unangenehm. Hanane, 23, wurde in Marokko geboren. Vor sechs Jahren kam sie mit ihrem Ehemann nach Deutschland. Das Kopftuch gehört zu ihrer Religion wie Fasten und Beten. „Ich trage es für mich, nicht für meine Eltern, niemand zwingt mich dazu.” Wenn in Deutschland über innerfamiliäre Gewalt diskutiert wird, haben viele das Kopftuch vor Augen. „Das ist oberflächlich”, sagt Hanane. Sie möchte keine Exotin sein: „Ich bin keine Fremde mehr.”

Sie bestimmt, wen sie heiratet

Hanane gehört zu einer neuen, selbstbewussten Generation von Musliminnen, die sich für ihr Kopftuch entscheiden, es ist ein Symbol ihrer Identität und kein Zeichen von Unterdrückung. Sie bestimmt, wen sie heiratet, wo sie lebt und für wen sie arbeitet. In Frankfurt hat sie den Realschulabschluss nachgeholt und wurde Arzthelferin. In dieser Zeit hat sie sich einem Projekt des Landessportbundes Hessen angeschlossen. In einer Gymnastikgruppe lernte sie andere Frauen kennen und verbesserte ihr Deutsch.

Vor einem Jahr ließ sie sich zur Übungsleiterin ausbilden. Seit kurzem leitet sie eine Sportgruppe für Mütter und Kinder. Es sind Frauen, die unter sich sein wollen und einen Verein meiden, weil sie glauben, dort mehr leisten zu müssen als ihre deutschen Kolleginnen. Noch sind Frauen wie Hanane selten, die Scheu vor einem Ehrenamt ist groß. Es gibt wenige nichtdeutsche Schiedsrichterinnen, Funktionärinnen oder Trainerinnen.

„Eine Fußballtrainerin mit Kopftuch?” – Hanane sinniert etwas, aber der Gedanke gefällt ihr: „Das wäre wirklich ein Farbtupfer!”

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Der lange Lauf gegen das Virus (Berliner Zeitung, 19. Februar 2009)

Sport kann HIV-Infizierten helfen, ein zufriedenes Leben zu führen. Doch in Vereinen begegnen sie noch immer vielen Ängsten und Vorurteilen

BERLIN. Wenn es Ralph Ehrlich schlecht geht, wenn ihm das Grübeln die Laune verdirbt, springt er aus seinem Sessel, schlüpft in seine Sportschuhe und läuft los. Durch die Straßen, den Park, stundenlang. Er verausgabt sich, bis der Schweiß tropft, erst wenn er Schmerzen in seinen Muskeln spürt, seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat, kann er sich entspannen. “Vor einiger Zeit habe ich noch überlegt, welche Medikamente ich gegen Depressionen nehmen könnte”, sagt Ehrlich. “Heute muss ich nur laufen, und ich bin ein neuer Mensch.”

Sobald Ralph Ehrlich über Sport spricht, wird sein Redefluss schneller. Das Laufen lenkt ihn vom Alltag ab. Vor dreizehn Jahren teilte ihm sein Arzt mit, dass er HIV-positiv ist. Er war geschockt, seine Familie und Freunde ebenfalls. Aber es dauerte nicht lange, bis er neuen Mut fand. “Als Positiver musst du dein Leben mit positiven Inhalten füllen.”

Ehrlich sagt das, als wäre er Therapeut. Er hat Bekannte, die sich vom Virus niederringen ließen. Sie dachten, dass ihr Leben zu Ende sei, verprassten ihr Geld, verließen ihre Wohnungen nicht mehr, gingen mit ihrem Rentenausweis auf Rabattsuche. Ralph Ehrlich änderte sein Leben, er dachte an morgen, übermorgen, weniger an heute. Er stellte seine Ernährung um, verzichtete auf Alkohol, ging früh schlafen. Und er tat das, was er zuvor nie getan hatte: Er trieb Sport.

Ralph Ehrlich, 45, groß, drahtig, wache Augen, erhielt seine Diagnose in einer Zeit, in der HIV nicht mehr einem sofortigen Todesurteil gleichkam. Mitte der Neunzigerjahre erzielte die Medizin Fortschritte, antiretrovirale Substanzen konnten die Lebenszeit um zwanzig Jahre verlängern, vielleicht um dreißig. Ehrlich hatte einen Antrieb, aber er wollte sich nicht auf die Tabletten allein verlassen. Er fuhr Fahrrad, ging schwimmen. Und er lief einfach los. Wenn er seine Wohnung im Westen Berlins erschöpft erreichte, hatte er das Gefühl, dass er mithalten konnte. Trotz allem.

Vor anderthalb Jahren wurde er Mitglied eines riskanten Projekts. Zwanzig Positive trainierten für den Berliner Marathon, Frauen und Männer, Heterosexuelle und Homosexuelle, Jung und Alt. Als er sich endlich traute, seinem Hausarzt davon zu erzählen, war dieser entsetzt. Der Arzt fürchtete, Ehrlich werde sich zu Tode rennen.

Ralph Ehrlich muss laut lachen, wenn er sich daran erinnert. Er hatte gelernt, mit Grenzen zu leben, aber einsperren ließ er sich nicht: “Immer hieß es: Du sollst nicht trinken, du sollst nicht rauchen, du sollst aufpassen, du sollst, du sollst.” Er tat fortan, was er wollte.

Das Training der Gruppe war anstrengend, sie reiste zu vielen Vorbereitungsläufen. Sportler, die davon hörten, streiften sich die gleichen Hemden über und solidarisierten sich. Freundschaften entstanden, eine Bewegung war geboren. Als der Marathon im vergangenen September anstand, zitterte Ralph Ehrlich am ganzen Körper. Mehr als 42 Kilometer, eine Distanz, die offenbar nicht zu bewältigen war, wie ein riesiger Berg. Ehrlich ging den Lauf gemächlich an, nur die Ziellinie vor Augen. Er wartete auf die Rebellion seines Körpers, doch sein Körper spielte mit. Meter für Meter, Atemzug für Atemzug, Stunde für Stunde.

Bei Kilometer 38 brachen Tränen aus ihm heraus, Ralph Ehrlich hatte Pessimisten und eigene Zweifel buchstäblich abgehängt. Elf Läuferinnen und Läufer der Gruppe passierten schließlich das Ziel, beschwerdefrei. “Unvergesslich, fantastisch.” Ralph Ehrlichs Stimme überschlägt sich, er breitet seine Arme aus, symbolisiert etwas Großes. “Wir haben allen gezeigt, dass wir nicht aufs Abstellgleis gehören, sondern noch etwas leisten können.” Er spricht von dem Virus wie von einem hinterlistigen Gegner, der stark ist, verbissen, aber nicht unschlagbar. “Von dieser Krankheit lasse ich mich nicht besiegen!”

Seit Wochen sitzt Ehrlich täglich mehrere Stunden am Schreibtisch, versendet Briefe, Mails, Einladungen. Er ist Sprecher der Berliner Aidshilfe, ehrenamtlich, er möchte dort eine Laufgruppe gründen. Er sucht Sponsoren, Ausrüster, medizinische Unterstützung, er hat mit den Organisatoren des Berliner Marathons gesprochen. Gemeinsam könnten sie im Sommer einen Lauf organisieren. Sie könnten zeigen, dass sie stärker sind als das Virus.

Bernhard Bieniek staunt, als er von diesem Vorhaben hört, aber so hoffnungsvoll wie Ehrlich will er nicht klingen. Der Mediziner reagiert sachlich. Seit zwanzig Jahren beschäftigt sich der Berliner Arzt mit HIV, seit 2000 führt er eine Schwerpunktpraxis für Infektionskrankheiten in Friedrichshain. “Sport hat einen wesentlichen Einfluss auf Psyche und Körperlichkeit von HIV-Positiven”, sagt Bieniek.

Er kann das medizinisch belegen. Zum Beispiel mit der Lipodystrophie, Fettverteilungsstörungen. Bei vielen Positiven wird Fett an Armen, Beinen oder im Gesicht abgebaut und am Rumpf angelagert. Sport könne diesen Prozess eindämmen, erklärt Bieniek. Auch das Herzinfarktrisiko kann vermindert, das Immunsystem gestärkt werden. Außerdem werden durch Sport Endorphine freigesetzt, die Positiven macht das weniger anfällig für Stimmungsschwankungen.

Doch Hochleistungssport empfiehlt Bieniek seinen Patienten nicht. Die Überlastung werde schneller erreicht, die Regeneration beanspruche Zeit. Bieniek rät zu einer genauen Abstimmung zwischen Therapie, Medikamenten und Sport. Nebenwirkungen dürften nicht unterschätzt werden. Zum Beispiel Neuropathien, Erkrankungen des Nervensystems. Sie können Gefühlsstörungen in den Füßen auslösen, so dass man den Auftritt beim Laufen nicht mehr genau spüren und sich verletzen kann.

Nach Angaben von Unaids, einer Organisation der Vereinten Nationen, sind weltweit etwa 33 Millionen Menschen mit HIV infiziert. In Deutschland sind es 56 000, achtzig Prozent davon sind Männer. Nicht jeder nutzt den Sport als Schutzschild wie Ralph Ehrlich. Die Mehrheit seiner Patienten habe sich zuletzt auf die medizinische Entwicklung verlassen, sagt Bernhard Bieniek. “Heute wird der Lebensstil nicht mehr so oft verändert. Früher wurde der Sport als Strohhalm gesehen, der Besserung versprach.”

Symbolfigur des Strohhalmprinzips bleibt Magic Johnson. 1991 hatte sich der Basketballstar der Los Angeles Lakers zu HIV bekannt. Er motivierte sich, trainierte weiter, motivierte andere. Ein Jahr später gewann er mit den USA Olympisches Gold in Barcelona.

Unbeschwert blieb sein Leben nicht. Gegner und Mitspieler äußerten ihre Angst vor Ansteckung. Über die gleichen Sorgen kann Johnsons Landsmann Greg Louganis berichten. In den Siebziger- und Achtzigerjahren war er Olympiasieger und Weltmeister im Wasserspringen. Auch er trägt den Virus in sich. Groß war seine Furcht bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Bei einem Sprung hatte er sich am Kopf verletzt, blutend war er ins Wasser gefallen. Louganis dachte an seine Konkurrenz, weniger an sich. Hätten sich die anderen Sportler anstecken können, fragte er sich, verursachte er Lebensgefahr?

Auch heute noch seien solche Ängste tief verwurzelt, sagt Arzt Bernhard Bieniek, dabei sind sie medizinisch unbegründet. “Der Virus hätte im chlorierten Wasser nicht lange überlebt.” Seine Stimme wird lauter, als er gegen den Irrglauben anredet. “Die Ansteckung erfolgt durch Sperma und Blut.” Nicht durch Speichel, Schweiß, Tränen. Bis auf Boxen kann Bieniek auf Anhieb keinen Sport nennen, in dem Blut fließt. Und selbst wenn: “Es müsste in die Wunde eines anderen gerieben werden. Das gibt es nicht.”

Trotzdem vermeiden Sportverbände seit Jahren das Restrisiko und predigen die Vorsorgeregel, blutende Athleten müssen sofort ihren Wettkampf unterbrechen. In diesem Klima der Panik behalten viele Sportler ihre Infektion für sich. Wie viele wohl im Verborgenen mit dem Virus leben? In der Fußballkreisklasse, in der Betriebsgymnastikgruppe oder im Turnverein? Michael Stich, ehemaliger Tenniskollege des 1991 an Aids gestorbenen Michael Westphal, hat 1994 eine Stiftung gegründet, um das Bewusstsein für HIV zu schärfen. In einer seiner Kampagnen heißt es: “Schweigen grenzt aus.” Michael Stich zufolge müssen es viele sein, die mit einem Geheimnis trainieren - so ohrenbetäubend laut sei das Schweigen in manchen Vereinen.

Klaus Wittke rührt gedankenverloren in seinem Tee. Seit 1991 weiß er, dass er HIV-positiv ist. Er schloss sich damals der Schwimmgruppe Positeidon an, seit fünf Jahren leitet er sie. So konnte er Verantwortung tragen, gestalten, anspornen - und seinen Schock betäuben. Er sagt, Positeidon würde auf positive Resonanz stoßen. Als es nun um einen Besuch bei der Gruppe in einer Schwimmhalle im Süden Berlins geht, stimmt ein Vertreter des Bades zu, aber unter einer Bedingung: “Ich unterstütze die Gruppe, aber lassen Sie in Ihrem Artikel bitte Ort und Namen der Halle weg, sonst vergrätzen Sie andere Gäste.” Klaus Wittke lächelt milde.

“Ich genieße jeden beschwerdefreien Tag.” Klaus Wittke, 54, klein, durchtrainiert, hat sich Gelassenheit angewöhnt. In den ersten Jahren von Positeidon mussten die Schwimmer überredet werden, sie wollten sich nicht entblößt zeigen, das Virus hatte Spuren hinterlassen. Nach den Schwimmstunden entbrannten im Café hitzige Diskussionen - über Therapien, Arztempfehlungen, Pillendosierungen. Positeidon wurde kleiner. Mitglieder starben. “Heute ist das zum Glück anders”, sagt Wittke, drückt den Rücken durch und richtet sich auf. “Die Beständigkeit ist groß.” Seine eigenen Medikamente füllen keinen Schuhkarton mehr, heute reicht ihm eine Dose Pillen.

Bei Positeidon ist ihm das Miteinander wichtig, der Plausch nach dem Sport, die Radtour im Sommer, die Weihnachtsfeier. Die Mitglieder schaffen sich ihre eigene Öffentlichkeit, befreiend, und trotzdem bleiben sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wittke ist ein schwimmender Seelsorger, er hört beklemmende Geschichten, sie handeln von Angriffen, Ausgrenzung, Mobbing, Diskriminierung, Einsamkeit. Viele Mitstreiter sind finanziell auf Positeidon angewiesen. Sie haben ihre Arbeit verloren, leben von Hartz IV oder einer winzigen Rente. Den normalen Eintritt in eine Schwimmhalle oder die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio könnten sie nicht zahlen.

Gestützt wird Positeidon durch Spendengeld der Berliner Aidshilfe. Solche Angebote sind rar, gerade in der Provinz, deshalb ziehen viele Positive nach Berlin. “Es kostet viel Kraft, einen Sponsor zu finden”, sagt Wittke. Dabei sei der Sport im Verein doch so wichtig. Einige Schwimmer haben bei Positeidon ihr Selbstwertgefühl neu entdeckt, sagt Wittke. Sie arbeiten wieder, basteln an ihren Karrieren, denken an morgen, übermorgen. Ohne Versteckspiel.

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Vorurteile und Anmaßungen (Neue Zürcher Zeitung, 21. Juni 2009)

Am Konföderationen-Cup steht Südafrika ein Jahr vor der Fussball-WM unter Beobachtung der Medien

Johannesburg

Die Schlagzeile war nicht zu übersehen. «Und hier soll die WM stattfinden?», titelte ein deutscher Boulevard-Reporter, die Antwort gab er sich selbst: «Es besteht Lebensgefahr!» Belege? Der Journalist besuchte den Ellis Park in Johannesburg, eines von zehn Stadien für die Weltmeisterschaft 2010. Er entdeckte 1,5 Zentimeter lange Schrauben, die aus dem Boden herausragten, er erspähte Beton, der nicht sauber geglättet war, er mass zwischen den Sitzreihen zu wenig Beinfreiheit. Wie werden seine Leser wohl reagieren, die nie in Südafrika gewesen sind?

Sizwe Mdebe hat eine Vermutung: «Viele Europäer werden Afrika für rückständig und seine Bewohner für unfähig halten.» Mdebe, geboren und aufgewachsen in Südafrika, kennt beide Perspektiven. Er hat als Schüler ein Jahr in Deutschland verbracht, seit einigen Jahren betreibt er in Kapstadt eine Internetsite über Fussball. Stundenlang sucht er in ausländischen Portalen nach Eindrücken über seine Heimat. «Die Europäer glauben viel zu wissen, ohne viel zu fragen.» Er würde die Probleme nie leugnen, die Kriminalität, die Armut, die Nachwehen der Apartheid, die schlechte Infrastruktur. «Das ist schlimm, keine Frage. Aber man darf Südafrika nicht auf seine Sorgen reduzieren.»

Streit um Plastic-Tröten

Eine Woche ist der Konföderationen-Cup alt, die sportlich wertlose Generalprobe der WM. Die Organisatoren wurden mit kleinen und grossen Herausforderungen konfrontiert, mit einem Diebstahl im Hotel der ägyptischen Mannschaft, einem überlasteten Transportsystem, streikenden Ordnern. «Ein Gastgeber muss seine Rolle erst finden», sagt Mdebe. In Frankfurt war während des Konföderationen-Cups 2005 das Stadiondach defekt, Wassermassen schossen auf den Rasen. Ein vergleichbarer Vorfall in Johannesburg würde weltweit Empörung auslösen. «Die Südafrikaner werten ausländische Medien genau aus», sagt Martin Schäfer, Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Pretoria. «Am negativsten berichten die Deutschen.» Die Südafrikaner müssen sich nicht nur gegen logistische Unwägbarkeiten stemmen, sondern auch gegen den Eurozentrismus ihrer kritischen Beobachter. «Die kommen mit ihren Massstäben zu uns», sagt Sizwe Mdebe. «Warum lassen sie sich nicht einfach auf die afrikanische Kultur ein?»

Es ist spannend zu beobachten, wie zwei Mentalitäten auf engem Raum aufeinanderprallen. Auf der einen Seite das Streben nach Perfektion der Fifa und die beharrliche Suche der ausländischen Medien nach Schwächen des Gastgebers. Auf der anderen Seite die Gelassenheit der Südafrikaner, die Zuversicht, der Wunsch nach Anerkennung. «Für viele Menschen hier ist es sehr verletzend, dass andere Nationen ihnen so wenig zutrauen», sagt Horst R. Schmidt, Schatzmeister des Deutschen Fussball-Bundes und Berater der WM-Organisatoren in Johannesburg.

In Südafrika fokussiert sich die höchste Form der Anmassung auf ein Geräusch, das wie eine Horde aufgebrachter Elefanten klingt. Der spanische Spieler Xabi Alonso möchte die Plastic-Trompeten Vuvuzela, die in jedem südafrikanischen Haushalt zu finden sind, verbieten lassen. Auch einige Fernsehstationen fühlen sich von den Tröten genervt. «Das ist Teil unserer Geschichte», sagt Sizwe Mdebe, er würde auch nicht nach Spanien reisen, um gegen Stierkämpfe zu protestieren. Die Wurzeln der Vuvuzela liegen Jahrhunderte zurück, Stämme hatten mit dem Geräusch ihre Versammlungen eingeleitet. Dieses Ritual soll die Fifa über Nacht verbieten? Warum pegeln die TV-Sender nicht einfach ihre Aussenmikrofone herunter?

Probleme im normalen Rahmen

Eine Debatte wie diese reisst alte Gräben auf. «Vielleicht haben die Europäer nicht gemerkt, dass sie nicht mehr unsere Kolonialherren sind», schrieb die südafrikanische Zeitung «The Weekender». Wer drei oder vier Spiele erlebt hat, sehnt sich nicht nach dem Niederbrüllen der gegnerischen Fans in Europa zurück. Die Zuschauer in Johannesburg, Pretoria, Rustenberg, Bloemfontein trommeln, tanzen, tröten. Sie zeigen stolz ihre bemalten Gesichter, gebastelten Kostüme, ohne einen Funken Aggression. Darunter Weisse, die in der Vergangenheit zum Rugby und Kricket gegangen waren. Was Gastfreundschaft, Animation, Identifikation betrifft, brauchen sich die Südafrikaner vor keinem früheren WM-Gastgeber zu verstecken.

Es bleibt ein Jahr bis zum Eröffnungsspiel der WM – Zeit, um Probleme zu thematisieren wie die explodierenden Organisationskosten und die knappen Übernachtungskapazitäten. Aber bleibt auch Zeit, um Vorurteile von einst zu korrigieren? «Für uns stand nie in Frage, dass die Stadien nicht fertig werden», sagt Robert Hormes vom Hamburger Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner, das an den Bauten in Kapstadt, Durban und Port Elizabeth mitgewirkt hat. «Wer nach Südafrika kommt, muss bereit sein für Improvisationen.» Mehr als 2500 Arbeiter werkeln an der Arena in Kapstadt, viele sind ungelernt, in Deutschland würde die Hälfte reichen.

Es gab Streiks, falsche geologische Gutachten, Pannen auf dem Bau. «Normale Probleme, für die wir eine Antwort haben.» Im Dezember, sieben Monate vor Anpfiff, werden alle zehn WM-Stadien fertig sein. Das wollte Robert Hormes einem Fernsehteam aus Deutschland mitteilen. Zwei Tage wurde er gefilmt, am Ende war er in dem Beitrag wenige Sekunden zu sehen. Der Rest war reserviert für Südafrikas Armenviertel, für Morde, Aids und Rassismus.

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Die Tore der anderen (Süddeutsche Zeitung, 25. Juni 2009)

15 Jahre nach dem Ende der Apartheid wächst Südafrikas Fußball allmählich zusammen

Soweto – Lucky Stylianou spielte Fußball zur falschen Zeit am falschen Ort, dafür musste er ins Gefängnis, manchmal ein paar Stunden, manchmal einen Tag. Die Gesetze der Apartheid schrieben vor, wohin er gehen durfte. Sein Arbeitsplatz gehörte zur verbotenen Zone. 1978 war er zu den Kaizer Chiefs gewechselt, einen der beliebtesten Klubs Südafrikas, beheimatet in Soweto, dem größten Township des Landes. Er war der erste weiße Spieler im Verein, der einzige Weiße auf dem Rasen, manchmal der einzige Weiße im Stadion. „Eine verrückte Zeit”, sagt er. „Das vergesse ich nie.”

Er scheint noch immer nicht glauben zu können, dass die Hautfarbe im Fußball einmal wichtiger war als Talent. Acht Jahre hat er für die Kaizer Chiefs gespielt und Titel gewonnen, das Regime hat ihn kritisch beobachtet, lebensgefährlich wurde es nicht. Er hatte einen Vorteil gegenüber anderen, er war prominent. Er musste sich nicht dem Zwang von getrennten Toiletten oder Hauseingängen unterwerfen, die schwarzen Fans vergötterten ihn, die Polizisten sahen oft über Vergehen hinweg.

Lucky Stylianou, 57, steht für Vergangenheit und Zukunft, inzwischen ist er Jugendkoordinator bei den Kaizer Chiefs. Er steht am Spielfeldrand im Orlando-Stadion, im Herzen Sowetos gelegen, umgeben von brüchigen Häusern und Wellblechhütten. Seine Spieler, die nicht älter sind als siebzehn, kicken gegen die Reserve der brasilianischen Nationalmannschaft. Er applaudiert, gibt Anweisungen, im Hintergrund klicken Kameras. An diesem Donnerstag trifft der Rekordweltmeister im Halbfinale des Confederations-Cups auf Südafrika, für den Gastgeber der WM 2010 ist es das wichtigste Spiel seit Jahren. „Ein Glücksfall, ein großer Traum”, sagt Stylianou. „Unser Fußball war lange von der Welt isoliert, wir haben viel nachzuholen.”

Grenzgänger in den Stadien

Als die Apartheid 1994 zu Ende ging, waren die Talente, die Stylianou betreut, gerade geboren. Sie wissen wenig von Rassentrennung, Erniedrigung, Zerstörung von Existenzen. Es gehört zu seinem Bildungsauftrag, ihnen die Geschichte einer zerrissenen Sportart näher zu bringen. 1892 wurde der südafrikanische Fußballverband (Fasa) ausschließlich für Weiße gegründet, sie spielten ihre Meisterschaften, während Schwarze, Farbige und Asiaten in der Abgeschiedenheit unter sich kicken mussten, auf Schotter und Straßen. 1957 wollte das Land entweder eine rein schwarze oder weiße Auswahl zur Afrika-Meisterschaft entsenden, ein Affront gegenüber den anderen Nationen, Südafrika wurde disqualifiziert. Vier Jahre später verbannte auch der Weltverband Fifa den Kapstaat aus seinen Wettbewerben.

Die Begeisterung der Weißen ging zurück, sie konzentrierten sich auf Rugby und Kricket, Talente wie Torwart Gary Bailey wechselten nach Europa. In den Armenvierteln wurde Fußball beliebter. „Die Leute haben alles um sich herum vergessen”, erzählt Stylianou. „In keinem anderen Land habe ich so viel Begeisterung erlebt.” Das Derby in Soweto, der Heimat Nelson Mandelas, zwischen den Kaizer Chiefs und den Orlando Pirates, wurde zum Höhepunkt des Jahres. Die Weißen verfolgten höchstens den englischen Fußball. Wer sich für die Tore der anderen interessierte, musste mit Strafen rechnen, Gefängnis, Passentzug, Drohanrufen.

Mitte der achtziger Jahre folgten Stylianou immer mehr Grenzgänger in die Stadien, ein Zeichen für den wachsenden Zorn gegenüber dem Regime. Im Dezember 1991 vereinten sich die getrennten Verbände zur South African Football Association (Safa), der Basis des südafrikanischen Fußballs. Bafana,die Nationalmannschaft, wurde zu einem Symbol der Regenbogennation, in der elf Sprachen gesprochen werden, 1996 wurde sie zu Hause Afrika-Meister. Die Regierung bewarb sich gezielt um die Austragung sportlicher Großereignisse, um die Vereinigung zu stärken. Anders als im Rugby verzichteten die Fußballer auf eine Quotenregelung, sie wollten ethnische Mischung nicht erzwingen.

„Fußball ist Integration”, sagt Rowen Fernandez, Ersatztorwart Bafanas, unter Vertrag bei Arminia Bielefeld. Er ist neben Stammspieler Matthew Booth einer von zwei Weißen in der Auswahl für den Confederations Cup, das entspricht dem Bevölkerungsanteil in Südafrika, der bei zwölf Prozent liegt. Anders sieht es auf den Tribünen aus, zu den Ligaspielen verirren sich wenige Weiße, sie haben Angst vor Übergriffen. „Alles Klischees”, sagt Lucky Stylianou. Die WM soll helfen, auch die großen Vereine, Pirates und Chiefs, wollen ihre Zielgruppen erweitern. „Es ist wie zu meiner Zeit”, sagt Stylianou. „Die guten Spieler wollen alle zu den Kaizer Chiefs, egal welche Hautfarbe.” In seinem Jugendteam steht kein Weißer, wieder ist er allein. „Heute hat das zum Glück andere Gründe”, sagt er und lacht. „Bei mir entscheidet ausschließlich Leistung.”

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Anders aber nicht besonders (WDR Sport Inside, 25. Januar 2010)

Zehnminütiger Fernsehbeitrag über Makkabi - die jüdische Sportbewegung

Autoren: Ronny Blaschke/ Jochen Leufgens

Das Sendemanuskript

Ein Hallen-Fußballturnier für Kinder wie viele an diesem Wochenende. Ausrichter: nicht Eintracht, sondern Makkabi Frankfurt. Auf der Brust kein Adler – sondern der Davidstern. 1500 Mitglieder hat der Verein, ist damit der größte seiner Art in Deutschland, Makkabi – das ist die jüdische Sportbewegung.

Offen allerdings für alle Religionen. Für die einen geht Makkabis Bedeutung damit über den Sport hinaus, für die anderen ist Makkabi irgendwie auch Makel.

Alon Meyer (Vorsitzender Makkabi Frankfurt und zweiter Vorsitzender Makkabi Deutschland):

“Wenn wir zu einem Spiel fahren, hören wir noch viel zu oft, da kommen die Juden. Zu oft ist es irgendwas besonderes, wenn man mit einem Davidstern aufläuft und als Nichtjude bei Makkabi spielt. Wir wollen den Leuten erklären, dass Makkabi ein normaler Verein ist, natürlich mit jüdischer Herkunft, und natürlich etwas anderes, aber etwas besonderes.”

Aber wenn Makkabi spielt, spielt man besonders. Das soll nicht mehr sein. Jugendturnier in Frankfurt, Kabine 37 Makkabi-Vereine existieren in Deutschland, insgesamt etwa 4000 Mitglieder. Viele von ihnen sind aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Die meisten – natürlich – spielen Fußball. Aber etwa auch das eher unolympische Bridge ist im Angebot. In einem sind sich die Sportarten einig: Freitags ruht der Betrieb. Sabbatruhe. Makkabi ist eben anders. Und zumindest die Geschichte des Vereins ist besonders.

1898 wird in Berlin Bar Kochba gegründet, der erste jüdische Sportverein der Welt. Später die Umbenennung in Makkabi - nach dem Freiheitskämpfer Judas Makkabäus. In ganz Europa entstehen ähnliche Vereine, als Reaktion auf die zunehmende Unterdrückung von Juden. Die prägen den Begriff des Muskeljuden, wollen Stärke demonstrieren. Makkabi wird bereits in den Anfängen politisch aufgeladen.

Er hat im Deutschen Sportmuseum in Köln an einer Ausstellung über den jüdischen Sport mitgewirkt: Historiker Robin Streppelhof. Er schildert die Makkabi-Bewegung als Versuch eines Gegenmittels. Gegen Jahrhunderte alte Klischees.

Robin Streppelhof (Sporthistoriker):

“Für das Judentum war es immer so, dass man eher nicht in physische Bereiche gekommen ist. Juden sind häufig in Bereiche hineingekommen, die eher geistiger Natur waren, weniger physischer Natur. Und das hängt auch mit der Studie der Tora zusammen, dagegen hat man sich aufgelehnt, unter anderem mit der Makkabi-Bewegung.”

Nazizeit Theresienstadt Das Dritte Reich. Das Ende von Makkabi. Der Arierparagraph verpflichtet alle Vereine, jüdische Mitglieder auszuschließen. 1938 werden Sportaktivitäten für Juden verboten, Makkabi aufgelöst. Eine sportliche Aufgabe haben die Juden noch: Im KZ Theresienstadt führt Hitler ein perfides Fußballspiel zwischen Wärtern und Juden auf, um die Weltöffentlichkeit ruhig zu stellen. Wenige Tage später werden die meisten der jüdischen Spieler und Zuschauer in Auschwitz ermordet.

Makkabi gründet sich in Deutschland erst 1964 wieder. Der deutsche Sport hat seine unrühmliche Vergangenheit lange verdrängt. Dieter Graumann ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden. Lange hatte er mehr Geschichtsbewusstsein im Sport gefordert, lange vergeblich.

Dieter Graumann (Vizepräsident Zentralrat der Juden, ehemaliger Präsident von Makkabi Frankfurt):

“Das erste Gespräch, dass ich mit einem hochrangigen Fußballfunktionär geführt habe ist so verlaufen, dass er sagte: Mit Euch hat man immer nur Ärger. Das war eine Täter-Opfer-Umkehr im klassischen Sinne. Herr Zwanziger, der damals Schatzmeister des DFB war, hat sich in die Gespräche eingeschaltet, das hätte er gar nicht tun brauchen, und hat eine große Sensibilität bei diesem Thema entwickelt.”

Rote Karte gegen Rassismus Der Fremdenfeindlichkeit keine Chance – der Sport will heute endlich die Lehren der Vergangenheit für die Zukunft gezogen haben. An diesem Mittwoch jährt sich die Befreiung von Auschwitz zum 65. Mal. In den deutschen Stadien soll daran am Wochenende erinnert werden. Prävention mit Hilfe der Geschichte.

Theo Zwanziger (DFB-Präsident):

“Für mich war es wichtig, dass junge Leute, die einmal Führungsspieler sein werden, Israel besuchen, sich dort sportlich betätigen, aber auch Yad Vashem sehen und Jerusalem, um, wenn sie nach Hause kommen, ein Stück nachdenklicher zu sein, als wenn sie es bei einem Besuch von England oder Frankreich wären.”

Auch bei Makkabi Frankfurt hören sie die Ansprüche, die der DFB an sich selbst stellt. Wohlwollend. Aber Jugendtrainer Alex Wasserstein weiß auch, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine erhebliche Lücke klafft. Vor allem abseits der Fernsehkameras.

Alex Wasserstein (Jugendtrainer Makkabi Frankfurt):

“Die Bemühungen des DFB greifen in der ersten, zweiten und dritten Liga sicherlich, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass gerade im Amateurfußball die Maßnahmen des DFB nicht zum Tragen kommen.”

Alon Meyer (Vorsitzender Makkabi Frankfurt und zweiter Vorsitzender Makkabi Deutschland):

Deutschland Antisemitismus erfahren wir leider heute immer noch. Wenn es früher, als ich noch Jugendlicher war die Gewaltbereitschaft aus der rechten Szene kam, hat sie sich verschoben in die Szene des muslimischen Raums.”

Immer häufiger wird der Sport zur Bühne des Nahost-Konfliktes. Nur ein Beispiel: Die israelische Basketballmannschaft Bnei Hasharon wird im vergangenen Jahr in Ankara angegriffen. Muslime protestieren gegen die Politik Israels. Als Projektionsfläche wählen sie den Sport. Das Spiel endet, bevor es richtig begonnen hat.

Auch das größte jüdische Sportfest, die Makkabiade, wird immer wieder zum Spielball der Politik. Der antijüdischen – aber auch der israelischen selbst. Mehrfach wurden die Spiele von palästinensischen Anschlägen und Drohungen überschattet. Bei einem Anschlag während der vorletzten Makkabiade starben drei Menschen.

Dabei soll die alle vier Jahre stattfindende Makkabiade eigentlich Frieden und Zusammenkunft sein: Bededeutung und Symbolik sind nicht zufällig an die Olympischen Spiele angelehnt. Zugelassen sind ausschließlich Sportler jüdischen Glaubens. Im vergangenen Jahr nahmen 7000 Athleten teil, aus 65 Ländern, darunter 200 aus Deutschland.

Die Makkabiade bewegt sich sportlich zwischen Breiten- und Spitzensport. Und manchmal bringt sie sogar bekannte Gesichter hervor. Wie das amerikanische Schwimm-Idol Mark Spitz. Oder einen Jungen namens Heinrich Alfred, später besser bekannt als Henry Kissinger. Nur eines ist die Makkabiade nicht: unpolitisch.

Robin Streppelhof (Sporthistoriker):

“Auf der Makkabiade wird ja auch meistens zur Aliah aufgerufen, also zum Aufstieg der Juden, die in der Diaspora leben, um nach Israel zu kommen. Viele Juden kommen ja zum ersten Mal zur Makkabiade nach Israel, und versuchen dort, die Kultur besser kennenzulernen. Insofern wird natürlich ganz klar eine politische Botschaft ausgesendet. Wie die gesamte Makkabiade ein politisches Zeichen sein soll. Zeigen soll, dass Israel stark ist.”

Die Makkabi-Vereine in Deutschland sind anders als die Makkabiade für alle Religionen offen. Auch deshalb müssen sich ihre Mitglieder immer wieder eine Frage stellen lassen: Muss es Makkabi, muss es den jüdischen Oberbegriff, heute im Sport überhaupt noch geben?

Thomas Bach (DOSB-Präsident):

“Die gleichen Fragen muss man sich stellen auch bei ethnischen Vereinen. Und auch hier kann ich nur aufrufen, wenn sich solche Vereine gründen, sei es auf ethnischer oder religiöser Basis, dass sie sich dann öffnen, und ihrer Verantwortung gerecht werden, und sie sich nicht abschließen und so nicht zur Abschottung oder gar Ghettoisierung beitragen.”

Dieter Graumann (Vizepräsident Zentralrat der Juden, ehemaliger Präsident von Makkabi Frankfurt):

“Im Verein kommt alles zusammen, uns sind jüdische und nichtjüdische Sportler willkommen, aber der Charakter eines jüdischen Vereins sollte schon erhalten bleiben. Denn sonst hätte es natürlich keinen Sinn mehr, sonst wäre es eine Wischiwaschi-Sache. Wir müssen auch mit unseren Mitteln versuchen, die Identität zu schaffen, zu festigen und dafür zu sorgen, dass die jüdische Flamme in die Köpfe und Herzen der Jugendlichen hineingetragen wird. Dafür ist der Sport ein gutes Instrument.”

Makkabi – eine Sportbewegung, die integriert – aber auch instrumentalisiert. Und instrumentalisiert wird. Und die damit nicht nur anders ist - sondern eben doch besonders.

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Medaillenschmiede im Wald (DRadio Kultur, 31. Januar 2010)

Nachspiel - Radiofeature über Wintersportzentrum Oberhof

Redaktion: Hanns Ostermann/Jörg Degenhardt

Atmo Siegerehrung Biathlon

Zunächst allein stehen lassen, dann unter den Autorentext legen.

Autor

Stimmung wie in einem Fußballstadion. Der Biathlon-Weltcup beschert Oberhof im Januar eine fünfte Jahreszeit, einen Karneval im Thüringer Wald. In der Arena und am Streckenrand trotzen 20000 Menschen eisigen Temperaturen. Sie schwenken Fahnen und tanzen im Takt der Musik. Ihre Aussicht ist begrenzt, denn Nebel hat sich wie ein grauer Schleier über die Kulisse gelegt. Den Zuschauern ist das egal. Sie feiern Oberhof - und sie feiern sich selbst.

Atmo 2 Siegerehrung Biathlon Björndalen

Noch einmal kurz für Björndalen-Ehrung hochziehen.

Autor

Oberhof gilt als eine Keimzelle des deutschen Wintersports. Die kleine Gemeinde mit ihren 1600 Einwohnern hat ihren Anteil daran, dass Sportarten wie Biathlon aus dem Randgebiet der Öffentlichkeit ins Rampenlicht vorgedrungen sind, und nun im Fernsehen vor Millionen zelebriert werden. Es ist die Atmosphäre, die 100000 Zuschauer an fünf Tagen nach Oberhof lockt, und auch die Athleten beeindruckt. Der erfolgreichste Biathlet der Geschichte, der Norweger Ole Einar Björndalen:

O-Ton Ole Einar Björndalen

“Stimmung ist fantastisch. Was mir eigentlich ganz gut gefällt hier, das ist das Publikum, es sind sehr viele Deutsche hier. Aber trotzdem ist es ein sehr faires Publikum. Es gibt nichts besseres, das ist perfekt.”

Autor

Das Publikum reist nicht nur wegen des Sports nach Oberhof. Nach getaner Arbeit, nach vergebenen Medaillen, treffen sich die Zuschauer im angrenzenden Hüttendorf. Mehr als dreißig Buden verwandeln einen Weltcup zu später Stunde in einen launigen Jahrmarkt.

Atmo Festzelt

Atmo 10-20 Sekunden stehen lassen, dann unter Autorentext legen.

Autor

Alkohol fließt in Strömen, Fremde liegen sich in den Armen, mit Liedkonserven als Begleitmusik. Vor dem großen Festzelt urinieren gestandene Männer mit glasigen Augen und geröteten Wangen ihren Namen in den Schnee. Für wenige Tage im Jahr wächst das Örtchen Oberhof zu einer mittelgroßen Stadt. Mit allen Vor- und Nachteilen. 600 ehrenamtliche Helfer sichern den Weltcup-Betrieb, 16 Pendelbusse fahren die Zuschauer durchs Mittelgebirge auf 800 Meter Höhe, pausenlos. Thomas Schulz, der parteilose Bürgermeister Oberhofs, beschreibt den Sport als Lebensversicherung seiner Gemeinde.

O-Ton Thomas Schulz

“Also Oberhof besteht ausschließlich aus zwei Säulen, das ist Tourismus und Leistungssport. Mit dem Tourismus verdienen wir unser Geld und der Leistungssport ist im Grunde genommen der Träger, der diesen Ort weit über die Landesgrenzen national und international eigentlich bekannt macht. Eine Woche Biathlon-Weltcup, 15 Millionen Euro Umsatz hier in der nahen Region. Meine feste Auffassung ist immer, dass diese sportlichen Großveranstaltungen und dieser Tourismus hier in dem Ort ist im Grund genommen so was im Kleinen wie Volkswagen für Wolfsburg.”

Autor

Schulz ist ein hochgewachsener Mann mit kräftigen Händen und randloser Brille. Er sitzt am Konferenztisch seines Büros und hat die Arme verschränkt. Schulz kann auf Anfrage viele Zahlen und Statistiken abrufen, er hat gelernt, seine Stadt zu vermarkten. Mehr als achtzig Millionen Euro erwirtschaftet die Region um Oberhof jährlich im Tourismus. Sie liegt mit rund 450000 Gästen im Jahr auf Platz drei der beliebtesten Reiseziele Thüringens, hinter Erfurt und Weimar.

Atmo Schneestapfen

Atmo schon unter vorherigen Autorentextblenden und auch unter folgenden legen.

Autor

Wer das Alleinstellungsmerkmal Oberhofs begreifen will, sollte den Ort zu Fuß erkunden. Es dauert nicht lange, um alle Sportstätten abzulaufen. Bund, Land, Kommune und private Investoren haben seit dem Mauerfall mehr als sechzig Millionen Euro in die Infrastruktur investiert. Zum Beispiel in die Biathlon-Arena, die Bobbahn, die Sprungschanzen, die Rodelbahn, das Sportgymnasium, den Schießkanal, die Kältekammer, das Loipennetz, die Dreifeldersporthalle und, und, und. Ganz zu schweigen von Hotels oder Pensionen.

O-Ton Schulz

“Wir halten Infrastruktur vor für 8000 Leute, ganz einfach, weil wir so viele Tagesgäste und auch Dauergäste hier haben. Gleichwohl aber in der finanziellen Ausstattung wie jeder andere Ort, der 1500 Einwohner hat. Das hinkt natürlich zwangsläufig. Und man ist immer wieder auf Zuschüsse beziehungsweise Fremdfinanzierung irgendwo angewiesen. Wenn ich den Energiehaushalt nehme unserer Sportstätten und müsste das bezahlen, dann wäre unser Haushalt schon am Ende, und ich würde gar keine Löhne zahlen können. Das ist mit anderen Orten überhaupt nicht zu vergleichen. Aber manchmal auch ein Stück frustrierend.”

Autor

Die Biathlon-Arena trägt bereits den Namen einer Bank. Durch diese Einnahmen wächst die Infrastruktur, die Sportler profitieren. Langläufer Axel Teichmann, Biathletin Andrea Henkel Bobfahrer André Lange oder Kombinierer Ronny Ackermann sammeln fleißig Medaillen. In wenigen Tagen, wenn die Olympischen Winterspiele in Vancouver laufen, werden die Oberhofer wieder ihren eigenen Medaillenspiegel aufstellen. Sie feiern sich dann als kleine, unabhängige Nation, auf Augenhöhe mit den Weltmächten des Sports. Fast dreihundert Medaillen bei den wichtigsten Wettkämpfen haben Oberhof bekannt gemacht. Erfolge locken Touristen und sichern dem Ort das ökonomische Gefüge. Ein ewiger Kreislauf, vermutlich einmalig in Deutschland.

Musik

David Gray, Flame Turns Blue (Lost Songs, 2000), Warner Music, LC 015557

O-Ton Schulz (im Auto fahrend und erklärend)

“Man hat damals beschlossen, und hat gesagt, gut, okay, dieses Oberhof, mitten im Herzen des Thüringer Waldes, entwickeln wir zu einem Mekka des Wintersports. Das muss wohl die Triebfeder gewesen sein, die Aktion ?Rose? ins Leben zu rufen, in der wirklich vor fast allen Häusern des damaligen Oberhofs ein LKW stand, muss wohl an einem Samstag gewesen sein, und die Leute hatten vier Stunden Zeit zu packen, durften wirklich nur leicht bewegliche Güter mitnehmen. Ihre persönliche Habe, Möbel und so weiter blieben stehen ? und dann wurden die Leute zwangsenteignet.”

Autor

Bürgermeister Thomas Schulz steuert sein Auto durch die verschneiten Straßen Oberhofs. Die Architektur seiner Heimat sagt viel über ihre Geschichte aus. In den fünfziger und sechziger Jahren ließ Walter Ulbricht Oberhof zu einer Medaillenfabrik hochrüsten. Hier sollte die Stärke der sozialistischen Körperkultur demonstriert werden. Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung, die während der ?Aktion Rose? den Plänen der Parteibonzen weichen musste. Es entstanden Bettenburgen und feine Restaurants. Um die Jahrhundertwende hatte sich hier noch der Hochadel erholt, nun kamen verdiente Bürger der DDR im ?Kurort der Werktätigen? mit ihren Helden in Kontakt. Die Armee übernahm den Sportverein. Aufwändige Teamsportarten wurden fallengelassen, stattdessen zählten medaillenintensive Disziplinen ? wie Langlauf, Skisprung, Biathlon oder Bob.

Archiv Jingle einer alten Wintersportübertragung, dann Kommentar von Oertel

Autor

Nach dem Mauerfall musste Oberhof sein Gesicht verändern. Die Besucherzahlen gingen zurück, große Hotels wurden überflüssig. Ihre Abrisse schlugen Lücken in das Stadtbild, kleinere Pensionen und Cafés kamen in Mode. Diesem Rückbau steht die Expansion des Sports gegenüber. Der neueste Beleg windet sich am Hang entlang, zwischen Biathlonarena und Rennschlittenbahn. Für mehr als 14 Millionen Euro ist der vielleicht größte Kühlschrank Europas entstanden. In der Skilanglaufhalle können Leistungssportler nun auch im Hochsommer bei Minusgraden trainieren.

Atmo Dirk Bremermann betritt die Skihalle

“Und das ist halt über diesen elektronischen Chip gesteuert, auf dem ist das Stundenkontingent gespeichert, den hält man also einmal hiervor, dann öffnet sich die Tür, ab da wird gezählt. Jetzt ist man auf dem Schnee, wenn man wieder rausgeht, ist man wieder in der Schleuse drin, hält den Chip wieder vor das Terminal und dann wird gestoppt. Also selbst, wenn man kurz einen Kaffee trinken geht oder auf Toilette geht, wird die Zeit nicht mit erfasst. Jetzt sind wir auf der Piste, sozusagen, Ski unterschnallen, dann geht’s direkt los.”

Autor

Dirk Bremermann, der Marketingchef der Oberhofer Sportstätten, lädt zu einem Rundgang durch die neue Halle ein, die eine Gesamtfläche von 100000 Quadratmetern hat. Dicke Betonpfeiler stützen den Bau, endlose Metallrohre schlängeln sich durchs Areal, nur die Werbeplakate an der Seitenwand spenden ein wenig Farbe. Unter der Decke hängen vier Schneekanonen, an ihren Düsen kleben kleine Eiszapfen. 32 Kameras leuchten jeden Winkel aus. Dirk Bremermann, der aus Köln nach Oberhof gezogen ist, gerät ins Schwärmen über den zwei Kilometer langen Rundkurs.

O-Ton Dirk Bremermann

“Wir haben 1600 Leistungssportler pro Monat hier in der Halle und 1700 Breitensportler, weit über 3000, das war so die erhoffte Zahl, die wir uns vorgenommen hatten. Es wird super angenommen. 11000 passive Besucher pro Monat, das ist eine Riesenzahl, und von daher sind wir natürlich in einer ganz glücklichen Situation.”

Autor

Durch die Fenster fällt ein mattes Licht. In der Mitte der Halle thront ein riesiger Berg Kunstschnee, als Reserve für die Außenwelt, falls die Temperaturen steigen. In der Skihalle liegt die Lufttemperatur bei minus vier Grad, die Luftfeuchtigkeit beträgt siebzig bis neunzig Prozent. Bis 11 Uhr am Vormittag gehört sie den Leistungssportlern, danach beginnt der Publikumsverkehr. Manchmal drängeln dutzende Bustouristen aus dem Foyer Richtung Balkon, der einen guten Blick auf die Halle bietet. Sie lassen sich im angrenzenden Bistro nieder, decken sich im Skigeschäft mit einer neuen Ausrüstung ein oder beobachten die Profis bei der Pflege ihres Materials.

O-Ton Bremermann

“Wir haben natürliche viele Zielgruppen, die wir hier ansprechen, also nicht nur die Touristen, die kommen, sondern auch Skiindustrie, ja, Vereine, Verbände, die hier nach Oberhof kommen, um die Halle zu nutzen, weil man hier Laborbedingungen in der Halle hat, sehr gute Tests durchführen kann. Wir sind sehr stark daran interessiert, dass hier natürlich ausländische Nationalmannschaften trainieren.”

Autor

Das Konzept klingt revolutionär, doch die Skihalle war ausschließlich als Trainingsstätte für Leistungssportler geplant gewesen. Dass sie sich nun in einen multifunktionalen Spielplatz verwandelt, hat vor allem einen Grund: die Senkung der Kosten. Nach den ersten Prognosen wird der Betrieb der Skihalle jährlich mit rund 700000 Euro veranschlagt. Dirk Adams von Bündnis 90/Die Gründen hält diese Ausgaben für überflüssig, der Abgeordnete des Thüringer Landtages bewertet das Projekt aus umweltpolitischer Sicht.

O-Ton Dirk Adams

“Im Prinzip müssen wir davon ausgehen, dass Tausend Tonnen CO2 durch diese Skihalle ausgestoßen werden. Die Skihalle hat ja den Sinn, in den immer milder werdenden Wintern trotzdem einen langen Laufbetrieb in Oberhof zu ermöglichen. Ich glaube, da sägt man den Ast ab, auf dem man sitzt. Man will hier dem Klimawandel ein Schnippchen schlagen, indem man eine Halle baut, die dann zu mehr Klimawandel, nämlich zur Klimakatastrophe führt, das wir eben gar keine Winter mehr haben.”

Autor

Laut Adams entspreche der jährliche Stromverbrauch dem Verbrauch von 430 Einfamilienhäusern. Für den Bau wurden auf sechs Hektar Waldfläche etwa 600 Kubikmeter abgeholzt, darunter hundert Jahre alte Fichten. Die Grünen hatten daher zur Eröffnung im vergangenen Sommer ein Plakat ausgerollt, worauf stand: “Klimaschutz geht anders!” Dirk Adams berichtet von gemischten Reaktionen.

O-Ton Adams

“Es waren besonders Sportberichterstatter da, die von dieser Aktion gar nichts wissen wollten und auch die Presseinformation dazu eigentlich abgelehnt haben. Es gab Sportler, die mich sozusagen am Rande angesprochen haben, gesagt haben: ,Wir brauchen das nicht?. Es gab aber auch Leute, die total begeistert gewesen sind und gesagt haben, damit wird jetzt Oberhof abschließend weltberühmt, weil wir diese Halle haben. Es gab auch Polizisten, die nicht nur ihrer Tätigkeit, sozusagen, mich von den Prominenten dort fernzuhalten, nachgegangen sind, sondern mich auch schwer beschimpft haben, dass man die Region damit verunglimpfen würde, wenn man diese Skihalle jetzt nicht toll finden würde.”

Autor

Oberhof hängt am Tropf von Leistungssport und Tourismus. Sind die Opfer, die diese Abhängigkeit mit sich bringt, zu groß? Absolution erhielt die Stadt von der schwarz-roten Landesregierung. Oberhof wurde 2009 im Koalitionsvertrag verankert. In dem Papier heißt es: ?Die Koalitionspartner sind sich einig, die Stadt Oberhof als sportliches und touristisches Zentrum im Thüringer Wald insbesondere durch den Ausbau der touristischen Infrastruktur weiterzuentwickeln.? Ein Satz, der Dirk Bremermann gefallen dürfte. Der Marketingchef der Skihalle begegnet der Kritik mit Gelassenheit ? und mit wirtschaftlichen Argumenten.

O-Ton Bremermann

“Ja, natürlich, also kritische Töne gibt es immer, wenn große Bauwerke irgendwo aus dem Boden gestampft werden, sage ich mal. Aber ich denke, die Kritiker sind schon sehr stark verstummt. Dadurch, dass wir hier wirklich sehr, sehr gute Besucherzahlen haben und darüber große Einnahmen natürlich generieren können hier. Und für den Standort Oberhof ist das immens wichtig. Es werden viele Arbeitsplätze dadurch gesichert. Und von daher ist das ganze eine Erfolgsgeschichte.”

Autor

Der Grüne Dirk Adams ist ein Kritiker, der nicht verstummt ist. Er schüttelt den Kopf, wenn er solche Argumente hört. Darf man für ökonomischen Erfolg die Umwelt vernachlässigen? Lässt sich ein hoher Ausstoß von Kohlendioxid mit Arbeitsplätzen aufwiegen? Dirk Adams hat klare Antworten und zieht eine Parallele zum Oberhofer Spaßbad. Die Rennsteigtherme wurde 1996 eröffnet und ist längst wieder geschlossen. Die Betriebkosten hätte die Stadt nicht zahlen können. Könnte auch die Skihalle zu einem Millionengrab werden?

O-Ton Adams

“Ich befürchte, dass die Kosten weit höher sind, als man sie bisher prognostiziert hat.”

Autor

Die meisten Oberhofer sind stolz auf ihre Skihalle. Sie ist zu einem Symbol für den Spitzensport des 21. Jahrhunderts geworden. Für den Kommerz, für die Technologisierung und für das Bedürfnis, alles kontrollieren zu wollen. Doch die entscheidende Frage bleibt: Sind die Goldmedaillen der Zukunft das wert?

Musik

Coldplay: Parachutes 0:00 ? 0:18 (Parachutes, 2000) EMI Records, LC 0299

Atmo Aktenrascheln mit einsetzendem O-Ton

Blättern am Ende unter den Autorentext legen.

“Also dies hier ist meine Stasiopferakte, auf die ich sieben Jahre lang habe warten müssen, ist über 280 Seiten stark, und das mit damals 21 Jahren. Also da habe ich schon geschluckt, das ist schon richtig menschenverachtend.”

Autor

Auch Andreas Heß ist eine Symbolfigur für Oberhof. Er sitzt vor dem Kamin im Wohnzimmer seines Elternhauses, in der kleinen Gemeinde Goldisthal, siebzig Kilometer von Erfurt entfernt. Heß ist ein kräftiger Mann von 52 Jahren, mit kantigen Gesichtszügen und Händen so groß wie Schaufeln. Wieder einmal ist er in seine Stasiakte vertieft, die so dick ist wie ein Versandhauskatalog. In den siebziger Jahren war er zweimal Junioren-Weltmeister im Biathlon, er galt als großes Talent und glaubte, eine große Karriere vor sich zu haben.

O-Ton Andreas Heß

“Bis zum 13. Oktober 1979, da wurde ich über Nacht vom Leistungssport entbunden, so nannte sich das, und zwar, wegen, für mich eine Lappalie: ich hatte damals die Nachtruhe für zwei Stunden nicht eingehalten, hab mich damals mit meiner Freundin getroffen. Und als ich zurückkam, da war schon alles in Aufruhr, und manche haben sich gefreut schon, dass sie mir eine auswischen könnten. Zufällig war der Generalsekretär da vom Deutschen Skilaufverband der DDR, der mit wortwörtlich sagte: ,Sofort nach Hause fahren!? Und, ja, das war? s dann mit der Olympiakarriere. Damals, mit 21 Jahren, war mein Leben beendet.”

Autor

Andreas Heß kann bis heute nicht begreifen, warum sein Name aus dem Gedächtnis des Oberhofer Sports getilgt werden sollte. Eine Flucht in den Westen war für ihn nie in Frage gekommen. Die Staatssicherheit hatte ihn trotzdem ins Visier genommen ? schon im Alter von zwölf Jahren. Lag es daran, dass sein Vater sich geweigert hatte, der SED beizutreten? Acht Spitzel waren zwischenzeitlich auf den jungen Heß angesetzt. Nach der Entlassung wurde er auch aus der Armee und seinem Sportstudium geschmissen, sein Leben sollte sich über Nacht grundlegend verändern. Es gab nur noch eine Richtung: nach unten.

O-Ton Heß

“Gefeiert worden im Ort und ein Jahr drauf war ich Staatsfeind Nummer eins. Also abtrainieren durfte ich nicht mehr in Oberhof, weil ich Schande über die Biathlon-Mannschaft des ASK-Oberhof gebracht hätte. Die haben mich dann ein Vierteljahr abtrainieren lassen, ganz allein auf mich gestellt, ohne ärztliche Betreuung. Also dieses… , dieser , ich muss das mal richtig formulieren.”

Autor

Der Blick von Andreas Heß gefriert, immer wieder wird er von Fassungslosigkeit übermannt, immer wieder wandern seine Gedanken in den Herbst 1979. Er sagt, er habe nie wieder richtig Fuß fassen können, weder privat noch beruflich. Er hatte Abitur, musste sich aber als Hilfsarbeiter durchschlagen, zuletzt als Hausmeister einer Anwaltskanzlei. Schuld daran waren unter anderem Harald Böse, sein ehemaliger Trainer, alias IM ?Horst Sommer?; und Karl-Heinz Wolf, sein einstiger Teamkollege, alias IM ?Ernst?. Sie vermerkten jeden Frauen-Besuch von Andreas Heß und sie schlugen Alarm, wenn er Geld aus dem Westen erhielt.

O-Ton Heß

“Dass mich mein eigener Cheftrainer angezinkt hat bei der Stasi, der eigene Trainer, der Vertraute. Wolf ist heute noch Sportdirektor des Wintersportvereins Oberhof, Böse war bis vor zwei Jahren noch Co-Trainer der Biathlon-Nationalmannschaft der Frauen. Für mich ist das eigentlich eine Schande, dass solche Leute überhaupt in solche Funktionen gekommen sind nach der Wende. Weil heute noch da oben eine Seilschaft da ist, und die Seilschaften, die feiern sich gegenseitig.”

Autor

Andreas Heß ist seit dreieinhalb Jahren Erwerbsminderungsrentner. Er ist Opfer der Stasi, und er ist Opfer des DDR-Dopingsystems. Seine Trainer hatten ihm anabole Steroide verabreicht, sie ließen ihn in dem Glauben, er würde Vitaminpillen schlucken. So erging es vielen Athleten in Oberhof, manche von ihnen waren noch minderjährig. Die Nachwehen spürt Heß bis heute: 3300 Euro kosten im Monat die Medikamente, die er zu sich nehmen muss. Schmerzen hat er trotzdem, jeden Tag. Sein Körper ist von den Torturen gezeichnet. Dennoch fährt Andreas Heß wieder die fünfzig Kilometer nach Oberhof, zumindest einmal im Jahr, wenn der Biathlon-Weltcup ansteht. Diese Reisen sind Teil seiner persönlichen Aufarbeitung. Sie kosten ihn viel Überwindung. Vier Offiziere und mehr als hundert Inoffizielle Mitarbeiter hatten für die Stasi Informationen über Athleten gesammelt. Freunde bewachten ihre Freunde, Trainer schwärzten ihre Schüler an. Von Beginn an hatten nur linientreue Sportler und Funktionäre Zugang nach Oberhof gehabt, dem Regierungsviertel des Wintersports der DDR. Hin und wieder schauten Politiker vorbei, um die jungen Sportler an ihre Pionierpflichten zu erinnern. Wie Ministerpräsident Otto Grotewohl im Januar 1951.

Archiv Rede Grotewohl

Autor

Viele Jahre lang blieb das dichte Netz der Staatssicherheit in Oberhof geknüpft. Nach dem Mauerfall blieben einige Denunzianten dem Sportkosmos treu und erhielten wichtige Positionen. Zum Beispiel im Landessportbund Thüringen oder im Organisations-Komitee der Biathlon-WM. Wolfgang Filbrich, der Leiter des Olympiastützpunktes, schildert seine Perspektive auf die Verstrickungen. Kennen die Oberhofer kein Geschichtsbewusstsein?

O-Ton Filbrich

“Ich verstehe jetzt die Frage nicht. Es war ein Ansatz, dass unser Wettkampfleiter dort seiner Vergangenheit wegen in die Kritik gekommen ist, es hat dann vor der Weltmeisterschaft einen Austausch unseres Wettkampfleiters gegeben, der dann aber letztendlich auf die Weltmeisterschaft selbst und auch auf die Besucher der Weltmeisterschaft selbst überhaupt keine Auswirkungen hatte. Weil das ja Dinge sind, die ja irgendwo aufgearbeitet und schon länger zurück lagen. Und man hat vor der Weltmeisterschaft hat man sich dieses Thema wieder gewidmet, eigentlich zum wiederholten Male, das war ja auch schon 2004.”

Autor

Die Stadt ist abhängig von Leistungssport und Tourismus. Würde Geschichtsbewusstsein dieses Geflecht gefährden? Würde eine offensive Aufarbeitung Sponsoren schrecken? Die Konkurrenz ist groß unter den Olympiastützpunkten in Deutschland. Jede Medaille sichert staatliche Fördermittel, jeder Weltmeistertitel erzeugt Öffentlichkeit. Nebengeräusche scheinen unerwünscht zu sein.

O-Ton Hildigund Neubert

“Das ist nicht symptomatisch für die gesamte Aufarbeitung, sondern ich denke schon, dass es im Sport offenbar besonders schwierig ist, weil da gerade Erfolg und Verstrickung oft so eng aneinander gebunden sind. Der Deutsche Olympische Sportbund selbst hat ja bei der Diskussion um das Stasiunterlagengesetz mit großer Anstrengung noch hinein gedrückt, dass also der Deutsche Olympische Sportbund seine Kader überprüfen darf, und das Ergebnis ist, dass zu allen Olympischen Spielen stasibelastete Leute mitfahren.”

Autor

Hildigund Neubert ist seit sechs Jahren Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen. In ihrem Büro im Thüringer Landtag stapeln sich Papiere. Der Sport ist zu einem ihrer wichtigsten Forschungsfelder geworden. In Oberhof beobachtet sie seit Jahren Ignoranz und Missachtung gegenüber den Opfern. Doch nicht nur die Vergangenheit bleibt ungeklärt, Neubert sorgt sich auch um die Zukunft der künftigen Spitzensportler.

O-Ton Neubert

“Es hat sich eigentlich nichts verändert, nein. Das Problem bei dieser Kontinuität im Personal liegt ja darin, dass mit dem Personal natürlich auch geistige Einstellungen übernommen werden, dass also die Grundhaltungen zu den ganzen Dopingfragen zum Beispiel nicht wirklich hinterfragt wird. Sind das erlaubte Mittel, solange sie nicht entdeckt werden. Was darf man da, was ist ethisch zu verantworten, gibt es da überhaupt ethische Maßstäbe, die da eine Rolle spielen sollten, oder rechtfertigt der Erfolg letztlich alles.”

Autor

Das System Oberhof gilt als Erfolgsmodell, als Schaubühne für sportwissenschaftliche Errungenschaften, doch das System Oberhof ist auch ein Mahnmal. Viele Athleten haben in den vergangen Jahrzehnten einen hohen Preis zahlen müssen. Für wenige Minuten Ruhm. Dem glänzenden Image der Stadt hat das wenig anhaben können. Die Funktionäre verteidigen ihr Sport-Imperium wie eine Festung.

Atmo Sportgymnasium tobende Kinder

Unter dem Autorentext etwas länger stehen lassen

Autor

Die Dreifelderhalle in Oberhof gleicht an diesem Vormittag einem Abenteuerspielplatz. Zwölf Mädchen und Jungen toben in einer Grube, die mit Schaumstoff gefüllt ist. In diesem Sommer sollen sie eingeschult werden, doch schon im Kindergarten werden sie auf das Leben eines Leistungssportlers eingestimmt. Die Probleme des Alltags scheinen weit weg zu sein: Niemand in der Gruppe hat Übergewicht, sobald die Betreuerin etwas sagt, herrscht Ruhe. Ähnlich sieht es eine Etage höher aus, wo Reiner Jung Schüler aus der achten Klasse unterrichtet. Er ist der Direktor des Oberhofer Sportgymnasiums.

Atmo Schuldirektor gibt während der Sportstunde Anweisungen

Atmos schon unter vorherigen Autorentext beginnen.

Autor

Jung hat den Posten im August des vergangenen Jahres übernommen. Oberhof hatte ihn schon immer gereizt, nun hat er die Obhut über 220 Kinder und Jugendliche. Es sind Talente, die auch aus den alten Bundesländern gekommen sind. Sie wollen so werden wie ihre Vorbilder, ihr Ziel: einmal zu den Olympischen Spielen. Die Schüler haben einen harten Weg vor sich. Mit vielen Entbehrungen.

O-Ton Jung

“Die fangen in etwa 7:10 Uhr an, haben in der Regel bis 10 Uhr Unterricht, machen dann die erste Trainingseinheit, gehen dann wieder zum Unterricht, Nachmittagstraining, und abends vielleicht eine Physiotherapie, vielleicht eine Gymnastik. Und die enden wirklich 19, 20 Uhr, dann ist der Tagesablauf zu Ende, und das ist knallhart für die. Und wenn dann die Wochenenden noch zu zählen sind, wo sie zu Wettkämpfen sind, bleibt nicht viel Freizeit. Manche Athleten kommen alle vier Wochen nur nach Hause.”

Autor

Das Sportgymnasium ist ein funkelnder Neubau mit erstklassigen Trainingsbedingungen. Es ist das kapitalistische Nachfolgemodell der Kinder- und Jugendsportschule. In der KJS hatten die Oberhofer zu DDR-Zeiten ihre Olympiasieger herangezogen. Für 18,5 Millionen Euro wurde sie nach der Wende von Grund auf renoviert. Äußerlich ist der Bau nicht wieder zu erkennen, doch im übertragenen Sinne ist vieles gleich geblieben. In der Schule soll die Suche nach Medaillenträgern perfektioniert werden. So früh wie möglich. Und vielleicht dürfen die Talente dann irgendwann in die Bundeswehrkaserne ziehen, wenige hundert Meter weiter den Berg hinauf. Sie ist die einzige Kaserne Deutschlands, die ausschließlich von einer Sportförderkompanie genutzt wird. Auch hier fließen Staatsgelder in die Ausbildung von Weltmeistern. Nach dem Motto: Oberhofer Tradition verpflichtet.

O-Ton Jung

“Und es stimmt schon irgendwo, man erwartet von den Athleten so ein wenig die Disziplin, die man sich manchmal so wünscht aus DDR-Zeiten. Und die wird hier auch ein bisschen gelebt, und man versucht es immer noch so umzusetzen, obwohl die sozialen Verhältnisse des Landes ja manchmal einiges nicht so zulassen. Letzten Endes ist Oberhof doch ein Stück weiter weg von einer Landeshauptstadt, und hier hat sich doch noch einiges erhalten, vor allem sehr erfahrene Trainer sind hier geblieben und agieren noch sehr erfolgreich. Wird die Frage sein, wenn die mal weg sein werden, ob der Nachwuchs, der nachkommt, auch das leisten kann.”

Atmo Baggerfahren

Atmos schon unter vorherigen O-Ton blenden.

Autor

Irgendwo dröhnen in Oberhof immer die Bagger. Die Sportstadt im Thüringer Wald befindet sich in einem dauerhaften Modernisierungsprozess. Die Medaillenproduktion darf nicht stillstehen. Doch wie nachhaltig ist das System Oberhof? Sind Millionen-Investitionen sinnvoll, die in Sportarten wie Biathlon, Skispringen oder Bobfahren fließen? In Disziplinen, die mit Breitensport wenig gemein haben? Fragen, die in Oberhof nicht gern diskutiert werden, erst recht nicht vor Olympia. Stattdessen wird weiter gebaut: In diesem Jahr wird das Internat des Sportgymnasiums saniert. Die Schüler haben bald noch bessere Bedingungen auf ihrer Reise zum Olymp. Vorerst aber werden sie in Hotels untergebracht sein. Leistungssport und Tourismus helfen einander. Eine andere Wahl haben die Oberhofer ohnehin nicht. Ansonsten würde ihre Lebensversicherung in Gefahr geraten.

Musik

David Gray: January Rain (Lost Songs, 2000), Warner Music, LC 015557

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Im Schatten des Spiels | Rezensionen

„Fundierter ist das Gewaltproblem im Fußball noch nicht aufgearbeitet worden.“

Stuttgarter Zeitung

„Für Fußballbeobachter ein Muss, gar ein vorläufiges Standardwerk.“

Rund

„Eine umfassende Bestandsaufnahme: nüchtern, gewissenhaft, ohne Scheuklappen, oft erschütternd, immer erhellend.“

Frankfurter Rundschau

„Eine lesenswerte, weil authentische Bestandsaufnahme der Fankultur und vor allem der –unkultur. Blaschkes Buch ist ein weiterer Schritt zur Festigung des Bewusstseins für das Gewaltpotenzial im Umfeld der Fußballstadien.“

Das Parlament

„Umfassende, gut recherchierte Abhandlung des schwierigen Themas.“

11 Freunde

„Eine ebenso gewissenhafte wie vorurteilsfreie Recherche über Rassismus und Randale im Fußball.“

Deutsche Akademie für Fußballkultur

Im Schatten des Spiels | 1. Kapitel - Sehnsucht nach Schmerz

Toni Meyer verbrachte sein erstes Leben als brutaler Hooligan – in seinem zweiten sorgt er dafür, dass Jugendliche nicht den gleichen Weg gehen

Toni Meyer ist 15 Jahre alt, als es zum ersten Mal passiert. Er sitzt in einer Straßenbahn in Köln, stolz trägt er seinen rotweißen Schal und seine Kutte. Der schmächtige Teenager ist Fan des FC Bayern. Zum zweiten Mal begleitet er seine Mannschaft zu einem Auswärtsspiel. Er hat einige Geschichten gehört. Von den Großen, den erfahrenen Fans. Aber erlebt hat er selbst noch nicht viel. Einmal haben ihm zwei Stuttgarter die Mütze geklaut, und den Schal, doch das war nicht der Rede wert. Die Straßenbahn in Köln ist gut gefüllt, plötzlich kommt sie zum Stehen. Die Türen öffnen sich. Einige Kölner stürzen hinein, vierzig, vielleicht sind es fünfzig. Sie prügeln auf die Bayern-Fans ein und versprühen Tränengas. Toni Meyer erleidet einen Schock. Bevor er wieder klar denken kann, sind die Kölner verschwunden. Er muss sich übergeben. Zwei, drei Minuten später ist er nur noch wütend und aggressiv. Was er noch nicht wissen kann: Er wird noch oft wütend und aggressiv sein. Sehr oft.

Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte sind seit diesem Tag vergangen. Toni Meyer, der seinen wahren Namen nicht möchte, ist Anfang vierzig. Er ist noch immer schlank und sportlich. Sein mittellanges Haar verbirgt er unter einer hellbraunen Schirmmütze. Sein Gewicht hält er seit Jahren, sagt er, 72 Kilo, verteilt auf 1,84 Meter. Toni Meyer sitzt in einem kleinen Wirtshaus im Zentrum von München. Er isst Salat und trinkt Orangensaft. Er arbeitet inzwischen für eine soziale Einrichtung, er soll verhindern, dass Jugendliche auf dumme Gedanken kommen. Ausgerechnet er, muss man hinzufügen. Toni Meyer, dieser umgängliche, aufgeweckte Typ, hat ein Viertel seines Lebens als Hooligan verbracht. „Ich habe die Gewalt gebraucht“, sagt er. „Das war wie eine Sucht.“ In seiner Betonung liegt keine Bestürzung. Toni Meyer schildert seine Karriere als Schläger so entspannt wie einen Sommerurlaub. „Warum auch nicht?“, fragt er. „Für mich war das normal.“ Irgendwann empfindet man die eigenen Süchte nicht mehr als böse Überraschung.

Wie entwickelt man sich zu einem Hooligan? Toni Meyer kann das nicht auf Anhieb beantworten. Aber die gängigen Klischees darf man auf ihn nicht anwenden. Er ist in den siebziger Jahren als Einzelkind in einem gutbürgerlichen Umfeld aufgewachsen, in Berg am Laim, im Osten von München. Sein Vater hatte eine eigene Schreinerei, seine Mutter blieb zu Hause und versorgte die Familie. Toni Meyer lächelt, er weiß, welche Frage sich nun anschließt. Ob er von seinen Eltern geschlagen wurde? „Manchmal hat es von Mutter eine Watschn gegeben. Aber das war doch normal.“ Seine Kindheit war frei von Gewalt. So paradox es klingen mag, aber vielleicht war das sein Problem. Toni Meyer kam früh in die Sturm- und Drangphase, früher als seine Freunde. Die Schule fand er langweilig, er konnte nicht stillsitzen, entsprechend schlecht waren seine Zensuren. Auf die Zeltlager mit den Pfadfindern in Österreich hatte er schnell keine Lust mehr. In andere Vereine zog es ihn auch nicht. Er wollte sich nicht unterordnen und die Befehle eines Fremden ausführen, das war ihm zuwider. Er suchte größere Herausforderungen, er suchte den Kick. Das Kribbeln.

Am Anfang verlief die Suche noch harmlos. Er schubste seine Mitschüler auf dem Schulhof. Sprang von allen möglichen Erhöhungen. Fuhr mit dem Moped ohne Führerschein über die Wiesen. Irgendwann merkte er, dass der Alltag ihm keine Spannung mehr bot. Er wählte eine fremde Bühne: den Fußball. Sein Vater hatte ihn vor Jahren ins Grünwalder Stadion mitgenommen, zu den Heimspielen von 1860 München. Aber das war nicht seine Welt. Toni Meyer wollte zum FC Bayern. Mit 13 stand er zum ersten Mal in der Südkurve des Olympiastadions, im Block der treuesten Fans. Anfangs ganz unten in der ersten Reihe, die Nasen ans Zaungitter gepresst. Voller Erfurcht schaute er auf die oberen Ränge zu den älteren Anhängern. Zu den Vorbildern. „Es war die erste Stufe auf der Leiter.“ Toni Meyer wusste damals nicht, was ihn erwartet. Doch er war sich sicher: Es konnte nichts schlechtes sein. Er hätte kein Problem gehabt, mit verbundenen Augen durch ein Labyrinth zu gehen. Seine Eltern waren da anders, sie suchten keinen Reiz, sie mussten nicht verreisen, um glücklich zu sein. Der Sohn jedoch liebte das Überraschende. In der Fremde fühlte er sich heimisch.

1981. Sein erstes Auswärtsspiel mit dem FC Bayern führt Toni Meyer mit zwei Freunden nach Frankfurt. Die 15-Jährigen hängen sich an eine größere Fangruppe, in der Masse fühlen sie sich stark. Sie durchqueren das Rotlichtviertel, sehen Prostituierte und Junkies. Die Münchner Reisegruppe ist ein bisschen verängstigt. Zwei Stunden später stehen sie im Waldstadion in der Gästekurve. Toni Meyer sieht kaum etwas vom Spiel, er wirkt verloren zwischen den schwitzenden Leibern. Ein Becher Bier landet in seinem Nacken, auf seiner Schulter drückt jemand eine Zigarette aus. Fußball kann grausam sein, denkt er sich. Oder schaurigschön. Toni Meyer lernt einige Leute kennen, die in der Szene etwas zu sagen haben. Er hört viele Geschichten. Von brutalen Schlägereien und einmaligen Adrenalinstößen. Seine Neugier wächst. In Frankfurt ist noch alles harmlos, niemand kommt zu Schaden. Doch der Fußball wird ihn nie wieder los lassen.

Toni Meyer schildert diesen Tag sehr bildhaft, wie alle seine Anekdoten. Er nutzt seinen ganzen Körper. Wippt hin und her, malt mit dem rechten Zeigefinger Figuren in die Luft. Anfang der achtziger Jahre hat alles begonnen. Er trat dem Fanklub Südkurve 73 bei, kaufte sich eine Dauerkarte für das Olympiastadion, und auch auswärts war er meistens mit dabei. Irgendwann, er war noch nicht volljährig, entdeckte er den Alkohol für sich. An manchen Wochenenden schnallte er sich im Gesellschaftswagen des Zuges mit seinem Gürtel an der Theke fest. Er soff bis zur Bewusstlosigkeit, Bier, Whiskey und Wodka. Wenn er Stunden später in einer Ecke des Waggons aufwachte, schüttelte er sich kurz und robbte zurück an die Bar. „Für fast zwei Jahre war das Saufen wichtiger als der Fußball“, erzählt Toni Meyer und schüttelt verlegen den Kopf. Als würde er es bereuen.

Toni Meyer hatte sich Respekt erarbeitet, im Fanblock und an der Theke. Er war aufgestiegen in der Hierarchie der Südkurve. Der Rückhalt gab ihm ein Gefühl der Stärke. Danach hatte er sich gesehnt: Anerkennung in einer Gruppe. Ohne Korsett, ohne Vorschriften. Dieser Glaube an eine neue Freiheit hat ihn ein wenig übermütig werden lassen. Es war eine Zeit angebrochen, in der er seine ersten Erfahrungen als Fußballrowdy machte. Er prügelte sich mit gegnerischen Fans und beleidigte Polizisten. Die ersten Strafanzeigen flatterten ins Haus. Der Oberbegriff Hooligan schwappte aus England nach Deutschland. Toni Meyer brauchte eine Weile, um sich an diese Bezeichnung zu gewöhnen. Er war gut informiert, durch seine Kontakte kam er an britische Fanzeitschriften heran.

Aber Hooligan? Das klang für ihn wie der missratene Name einer Kasperlefigur. „Der englische Mob“ jedoch hatte ihn schon lange fasziniert. „Die Stärke, der Zusammenhalt“, sagt er, das musste er sich mit eigenen Augen anschauen. Mitte der Achtziger reiste er mit Freunden nach England, nach Chelsea, Millwall oder Nottingham. Er nannte das Schulungsfahrt: „Wir haben uns inspirieren lassen.“ Einmal geriet Toni Meyer mit Fans aus Birmingham in eine Schlägerei, ansonsten hielt er sich zurück. England war eine Stufe zu hoch für ihn. Noch. In der Heimat ging es erst jetzt richtig los.

In Deutschland formierten sich im Schatten der Profiklubs berüchtigte Gruppen. Die Gelsenszene in Gelsenkirchen, die Adlerfront in Frankfurt, die Red Devils in Nürnberg oder Endsieg in Berlin. Auch in München wurden Fans von der Welle des englischen Hooliganismus erfasst, die nun über Europa rollte. Zahlenmäßig konnten sie nicht mit der Konkurrenz aus dem Westen mithalten. Deshalb schlossen sich 1986 Gleichgesinnte aus den verfeindeten Lagern des FC Bayern und des TSV 1860 zusammen. „Das hat am Anfang großen Krach gegeben“, sagt Toni Meyer. Den Namen der Gruppe möchte er nicht verraten. Der harte Kern bestand aus dreißig bis vierzig Leuten, manchmal kamen auch hundert zusammen. Alkohol war nun vor den Schlägereien tabu, niemand durfte geschwächt werden. Auch die äußere Erscheinung wandelte sich. Toni Meyer legte Schal und Trikot in den Schrank. Er trug Bomberjacke, enge Röhrenjeans, Allround-Turnschuhe – und Vokuhila. Die ganze Gruppe sah so aus. Wie eine militärische Einheit.

Eines will er an dieser Stelle klarstellen. „Wir waren unpolitisch, nicht rechts und auch nicht links. Wir wollten nur die stärkere Gruppe sein und die Farben unserer Stadt verteidigen.“ Er kann sich gut an die Typen mit den rasierten Schädeln und den braunen Bunthosen erinnern. Sie standen vor den Stadiontoren, verteilten Prospekte und suchten neue Mitglieder für ihre rechtsextremistischen Parteien. „Uns hat das kalt gelassen“, sagt Toni Meyer. Der politische Hintergrund der Hooligangruppen war von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Die meisten waren unpolitisch. In Gelsenkirchen mischten viele Türken mit, in Karlsruhe Kroaten und Serben, in München gehörten zwei Farbige der Szene an. In West-Berlin dagegen war die Zahl der Rechtsradikalen groß. Toni Meyer ging es nicht um politische Botschaften, ihm ging es um Gewalt. „Der Spielplan bestimmte unseren Gegner, fast an jedem Wochenende hatte es gekracht.“ Der Fußball war eine Zeitlang nicht mehr das wichtigste. Er war Begleitmusik, Mittel zum Zweck.

In den ersten Monaten herrschte Anarchie. Regenschirme dienten als Schlaginstrumente, Zeitungen wurden zusammengerollt und verwandelten sich in Knüppel. Einige Wahnsinnige warfen Steine, Flaschen, Leuchtkugeln und Dartpfeile. Erst dann kamen die Fäuste ins Spiel. Diese lebensgefährliche Prozedur wiederholte sich Woche für Woche, die Abläufe waren stets die gleichen. Jede Gruppe hatte einen Anlaufpunkt. Vor den Spielen des FC Bayern im Ruhrgebiet zum Beispiel trafen sich die Münchner Hooligans in der Düsseldorfer Altstadt. Es gab keine Handys, es gab kein Internet. Späher wurden in die gegnerischen Lager entsandt, meistens waren es die Jüngeren, die am Bodensatz der Hierarchie auf den Aufstieg warteten. Manchmal verbündeten sie sich mit anderen Gruppen. Der FC Bayern pflegt seit Jahren eine Fanfreundschaft mit dem VfL Bochum. Irgendwann setzte sich der Mob in Bewegung, es ging weiter nach Gelsenkirchen oder Dortmund. Am Bahnhof des Zielortes warteten die Kontrahenten, in der Regel waren es blutige Empfänge. In München verhielten sie sich dagegen meist unauffällig, die Regierung unter Franz Josef Strauß hatte straffe Regeln eingeführt.

Toni Meyer fand Gefallen an seinem neuen Lebensinhalt. Wie die meisten seiner Mitstreiter bediente er nicht die Klischees, er war kein sozial frustrierter Betonkopf. Selbst Anwälte und Ärzte flüchteten als Hooligans aus dem normalen Leben. Toni Meyer hatte seine Lehre als Schreiner in München vor Jahren abgeschlossen. Berauschend waren seine Noten nicht, doch das war ihm egal. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete auf dem Bau oder als Lagerist. Karriere machen wollte er nicht. Noch nicht. Für eine längere Beziehung blieb keine Zeit, mit seinen Gedanken war er ohnehin woanders. Die Gruppe war ihm wichtig. „Die Loyalität.“ Adrenalin ist eine von den stärksten Chemikalien im menschlichen Körper. „Ich habe das gebraucht, der Alltag war wie weggeblasen“, sagt Toni Meyer und klingt wie ein Alkoholiker, der seine Sucht inzwischen besiegt hat. „Als Hooligan habe ich gemerkt, dass ich lebe, egal, ob ich ausgeteilt oder eingesteckt habe.“ Ihm war immer klar, dass sich das für Unbeteiligte sehr seltsam anhören muss.

Bald kannte jeder jeden in der Szene. Die Duelle wiederholten sich. Es kam Routine in das Leben der Schläger. Und mit der Routine wuchs die Fairness. Wurfgeschosse wurden zunehmend als unehrenhaft angesehen, als einzige Waffe war der Körper bestimmt, allerdings hielten sich nicht alle an diesen Kodex. Toni Meyer zählte nun zu den erfahrenen Kräften, in einem halben Jahrzehnt war er bis an die Spitze der Hierarchie vorgedrungen. Die Hooligans sahen sich als Elite der Fanszene. Sie kleideten sich kostspielig, trugen Chevignon-Jacken und Marken-Sportschuhe. „Wir waren ein bisschen arrogant und haben uns als das Nonplusultra angesehen“, sagt Toni Meyer. „Mit den besoffenen und grölenden Kuttenfans wollten wir nichts mehr zu tun haben.“ Der Fanblock, der Alkohol, die schwitzenden Leiber, das war nicht mehr seine Welt. Die Hooligans nahmen auf der Haupttribüne Platz, neben den Ehrengästen. Sie verhielten sich unauffällig, ihre Spielfelder waren woanders. „Die Polizisten haben oft weggeschaut. Sie wussten, dass wir keine Unbeteiligten vermöbeln wollten.“

Toni Meyer war noch immer nicht gesättigt. „Ich habe mich wie ein Junkie hoch dosiert, ich wollte mehr, immer mehr.“ Wieder suchte er die unbekannten Nischen. Den Nervenkitzel. Er reiste mit seinen Münchner Kollegen ins Ausland, folgte dem FC Bayern zu den Spielen im Europapokal und der deutschen Nationalmannschaft zu brisanten Länderspielen. Gegen England oder Holland wurden die Feinde aus der Heimat plötzlich zu Verbündeten. Für wenige Stunden war der Hass vergessen, Hooligans aus München, Dortmund oder Hamburg bildeten plötzlich einen Mob. So war es bei der Europameisterschaft 1988 in Deutschland. Und so war es auch beim Spiel der DFB-Auswahl gegen Holland am 26. April 1989 in Rotterdam. Toni Meyer bezeichnet diesen Tag als Höhepunkt.

Schon vor Wochen war klar, dass es in Rotterdam nicht friedlich zugehen würde. Die Zeitungen sind gefüllt mit Schreckensszenarien. Und sie sollen Recht behalten. Am Spieltag herrscht Chaos in der Innenstadt. Autos mit deutschen Kennzeichen werden attackiert. Rauchbomben fliegen durch die Straßen, an jeder Ecke gibt es Schlägereien. Fensterscheiben zerspringen, Gitterstäbe werden aus ihren Verankerungen gerissen. 500 Deutsche befinden sich in Rotterdam. Toni Meyer hastet durch die Gassen. Er wird von Holländern gejagt, er blickt sich um und spürt, wie der Schweiß seinen Rücken hinunter rinnt. Das ist es, wonach er sich gesehnt hat, „das ist der Kick“. Plötzlich wird ein Deutscher neben ihm von einem Pflasterstein getroffen. Er sackt zusammen, blutet, zittert am ganzen Körper, als hätte er einen epileptischen Anfall. Wie ein Kriegsopfer ziehen sie ihn über den Asphalt in einen geschützten Hauseingang. Toni Meyer wartet einen Moment, bis sein Mitstreiter versorgt ist. Dann stürzt er zurück in die Gasse und hastet weiter. Eine Warnung war der Steinschlag für ihn nicht.

Das Katz- und Mausspiel geht weiter. Wer die Katze ist, und wer die Maus, wird an jeder Ecke aufs Neue verhandelt. Toni Meyer gerät in einen Hinterhalt, er sieht nur noch fremde Gesichter. Gegner. Ihm bleibt nur eine Möglichkeit: Er holt einen orangefarbenen Schal aus seiner Jackentasche, den er einem Holländer Minuten zuvor gestohlen hat. Für einen Moment fällt er in der aufgebrachten Masse nicht auf. Bis er etwas gefragt wird – und nicht antworten kann. Er ist ertappt, und schon zieht ein Holländer ein Messer. Toni Meyer steht starr auf der Stelle, seine Gesichtszüge gefrieren, zum ersten Mal in seinem Leben verspürt er Todesangst. Bevor Schlimmeres passiert, setzt er sich in Bewegung. Er läuft so schnell er kann und flüchtet in den Hauptbahnhof, wo viele deutsche Hooligans eine Pause einlegen. Er zittert am ganzen Körper und atmet tief durch. Kurz darauf drücken ihm Freunde ein paar Bierdosen in die Hand. War ihm das eine Lehre? Ist seine ewige Sehnsucht nach Schmerz nun gestillt?

Toni Meyer überlegt nicht mal eine Sekunde. Minuten später steht er wieder draußen auf der Straße und prügelt sich mit holländischen Fans. Satt ist er noch lange nicht. Manche würden es als krank bezeichnen, als pervers, aber in diesem Moment glaubte er tatsächlich daran Geschichte zu schreiben. Der amerikanische Journalist Bill Buford kann das nachvollziehen. Er hatte englische Hooligans Jahre lang begleitet und bei Krawallen irgendwann selbst Aggressionen entwickelt, in seinem Buch „Geil auf Gewalt“ schildert er seine persönlichen Erfahrungen: „Ich spüre die Lust, ihn von hinten beim Hals zu packen und zuzudrücken, bis sein Atem aussetzt. Ich bin überzeugt, es ist ein echtes Bedürfnis und nicht nur eine gewalttätige Phantasie.“ Die Brutalität hatten ihn vollkommen eingenommen. Er bezeichnete sie als „Die Erfahrung absoluten Erfülltseins.“

Fast zwanzig Jahre nach den Krawallen in Rotterdam bekommt Tony Meyer noch immer eine Gänsehaut. Es war die heftigste Zeit des Hooliganismus und die heftigste Zeit in seinem Leben. Er hatte es geliebt, am Morgen danach in die Zeitungen zu schauen. Die beängstigenden Bilder und Schlagzeilen waren Zeugnisse seiner Aggression. Seine Eltern hingegen waren tief enttäuscht, wenn wieder eine Anzeige im Postkasten landete. Er muss lange überlegen, um die Gesamtsumme der Strafgelder zu errechnen. Vielleicht waren es umgerechnet 10000 Euro, die er an Gerichte und Geschädigte zahlen musste, vielleicht waren es mehr. Die klassischen Vergehen waren Landsfriedensbruch und Körperverletzung. Zweimal erhielt er eine Bewährungszeit, drei Jahre und zwei Jahre. In dieser Zeit hielt er sich bedeckt. So gut es eben ging. Manchmal stand er auf dem Fernsehturm in München und beobachtete, wie seine Kollegen ihre Gegner vor sich her trieben. Ein Mal war er drei Wochen im Jugendgefängnis. „Jede Sekunde ohne Freiheit ist schlimm.“

Geändert hatte sich Toni Meyer danach nicht, trotz der vielen Platzwunden und Knochenbrüche, die seine Sucht dokumentierten. Die Tournee der Torturen ging weiter. Er reiste zur WM 1990 nach Italien und zur EM 1992 nach Schweden. Er trat 1994 in Paris mit sechzig Verbündeten gegen 400 Hooligans von St. Germain an. Zwei Jahre später rächten sie sich an derselben Stelle für den ungleichen Kampf. Toni Meyer hatte noch immer nicht genug. Er suchte sich neben dem Fußball andere Nischen, in denen er sich austoben konnte. Mit Freunden fuhr er zu den Mai-Demonstrationen nach Berlin und prügelte sich mit Polizisten. Dahinter verbarg sich keine politische Haltung, betont Toni Meyer. „Ich wollte nur Spaß“. Für die Polizisten war es dagegen bitterer Ernst.

Ein Jahrzehnt dauerte sein Leben als Hooligan nun schon. Als er dreißig wurde, begann er zaghaft über seine Zukunft nachzudenken. Sollte der Bundesliga-Spielplan auf ewig seinen Alltag bestimmen? Sollte er sich noch mit vierzig vor einem Richter verantworten müssen? Toni Meyer diskutierte viel mit seinen Freunden, er merkte, dass seine Sucht nach Schmerz nachgelassen hatte. Plötzlich vermisste er eine feste Beziehung, obwohl er niemals eine hatte. Mit 27 war er Vater eines Sohnes geworden, doch mit der Mutter blieb er nicht lange zusammen. Er wollte sich nun mehr um das Kind kümmern. Er spürte seine Verantwortung, seiner Familie und sich selbst gegenüber. Zum ersten Mal ließ er sich nicht von Endorphinen steuern, zum ersten Mal dachte er an seine Gesundheit: „Das war ein Reifeprozess. Jetzt sind alle Entzugserscheinungen überwunden.“

So wie Toni Meyer sich veränderte, so veränderte sich auch die Szene der Hooligans. Die Stadien wurden sicherer, durch Blocktrennung und Kamerasysteme, die Strafen wurden drastischer. Sozialpädagogen aus Fanprojekten kümmerten sich zunehmend um jugendliche Fans. Der klassische Hooligansimus aus England, so wie ihn Toni Meyer hautnah erlebte, trat in einen Auflösungsprozess. „Heute bestimmt nicht mehr der Spielplan den Gegner, heute bestimmen die Kontakte den Gegner.“ Manchmal trifft er Schläger der neuen Generation, das lässt sich nicht vermeiden. Dann werden ihm die Geschichten brühwarm aufgetragen. Toni Meyer hat noch immer einen gewissen Status in der Szene, auch wenn er das gar nicht will. Die Münchner Hooligans verabreden ihre Schlägereien per Handy. Sie treffen sich wie die meisten anderen in Deutschland in der Abgeschiedenheit. In Waldstücken, auf Wiesen oder in Industrieanlagen. Ihr Ziel: Die Polizei darf nichts mitbekommen. Gleichstarke Gruppen stürmen aufeinander los. Eine, maximal zwei Minuten dauert ein Kampf. Manchmal stellen sie sich ein zweites Mal auf. Studenten, Ärzte, Arbeiter oder Polizisten. Der Fußball ist weit weg.

Toni Meyer hat die Seiten gewechselt, er ist nur noch Theoretiker. Er arbeitet jetzt in einer sozialen Einrichtung, die sich um Jugendliche kümmert. Er, der die Gewalt so sehr liebte, sorgt nun dafür, dass andere ihr nicht verfallen. Er hat schon viele Jugendliche vom falschen Weg abgebracht. Er wirkt auf sie ein, spricht mit ihnen und versucht Lösungen zu finden. Wenn jemand in Schwierigkeiten ist, will er den Schaden zu begrenzen. Er begleitet junge Straftäter zu den Gerichtsverhandlungen, andere besucht er zu Hause oder im Gefängnis. Immer wieder hört er die gleichen Geschichten. Von Gewalt-, Drogen und Eigentumsdelikten. Toni Meyer will seine Problemfälle nicht aufgeben. „Man darf ihnen nicht das Gefühl geben, dass sie keine Perspektive haben“, sagt er. Sätze wie diese hören die Jugendlichen oft. Doch aus seinem Mund, sagen sie, klingen sie ein bisschen glaubwürdiger.

Mit großer Freude spricht Toni Meyer über sein zweites Leben. Bereut er sein erstes? Toni Meyer schiebt seinen Teller in die Mitte des Tisches. Er überlegt einen Moment. „Warum sollte ich das bereuen?“, fragt er zurück. „So habe ich damals empfunden.“ Er geht offensiv mit seinen Erinnerungen um, er möchte sie in einem Buch veröffentlichen. Das Manuskript hat er fertig gestellt, auch die Bilder früherer Krawalle hat er bei den Fotoagenturen bezahlt. Nur die Suche nach einem Verlag gestaltet sich schwierig. Viele wollen ihm kein Forum bieten. Nicht ohne kritische Einordnung. Toni Meyer wird weiter suchen.

Bleibt eine letzte Frage. Vermisst er die Adrenalinstöße? „Nein“, sagt er. Manchmal machen sich die alten Reflexe bemerkbar. Wenn seine Freundin von jemandem angesprochen oder schief angeschaut wird, ertappt sich Toni Meyer manchmal dabei, wie die Lust der Gewalt wieder in ihm aufsteigt. Doch er kann sich beherrschen. Er holt sich den Kick nun woanders. In seiner Freizeit geht er surfen, fährt Motorrad, Kajak und Snowboard. Oder er geht ins Sportstudio und boxt. Ganz legal. Zum FC Bayern geht er nicht mehr regelmäßig, in der Hierarchie der Fankurve beansprucht er keinen Platz mehr.

Das Handy von Toni Meyer klingelt. Sein Sohn teilt ihm mit, dass er krank geworden ist und nicht zum Nachhilfe-Unterricht gehen kann. Toni Meyer wird ihn bei der Lehrerin abmelden. Er redet gern über seinen Sohn, er ist sehr stolz auf ihn. „Er befindet sich gerade in einem schwierigen Alter.“ Ob sich der Junge schon geschlagen hat? „Nein!“ Die Antwort kommt ohne Zögern. „Und darüber bin ich sehr froh.“ Toni Meyer kennt die Geschichten von Gewalt, Schmerz und seltsamen Süchten. Er muss sie nicht noch einmal hören. Erst recht nicht von seinem eigenen Sohn.

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Im Schatten des Spiels | Einleitung

Mit einer Reklametafel prügelten sie auf ihn ein, später mit seinem eigenen Gewehraufsatz. Der französische Gendarm Daniel Nivel lag bewusstlos am Boden, das Blut war auf dem Asphalt verteilt. Doch die deutschen Schläger wollten nicht von ihm lassen. Bis sein Gesicht zertrümmert und sein Schädel gebrochen war. Diese Bilder aus Lens während der Fußball-WM 1998 in Frankreich gingen um die Welt. Daniel Nivel lag wochenlang im Koma, er wird nie wieder sein altes Leben führen können. Seine Peiniger wurden zu Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren verurteilt. Die meisten von ihnen sind längst wieder frei, einer wurde schon wieder bei einer Prügelei in Brandenburg erwischt. Daniel Nivel wurde am 21. Juni 1998 zu einer Symbolfigur. In Deutschland setzten Hysterie und Panik ein. Wieder prägte eine Frage die öffentliche Diskussion: Hat der Anschlag auf Nivel die Renaissance des Hooliganismus eingeleitet? Und würde die Gewalt nun in die Stadien zurückkehren?

Beide Fragen deuteten auf Aktionismus und Kurzsichtigkeit hin. Wie so oft nach vergleichbaren Tragödien. Dabei ist die Gewalt im Fußball eine Konstante, nur ihre Form hat sich gewandelt: Der in die Jahre gekommene Hooligan, der sich verwegen gab, als unpolitisch bezeichnete und eine Sucht nach Schmerz verspürte, dominierte in Deutschland die achtziger und frühen neunziger Jahre. Er hatte sich gelöst von den Fankurven, legte Schal und Kutte in den Schrank. Er kleidete sich kostspielig, betrachtete sich als Teil der Elite. Toni Meyer, ein ehemaliger Hooligan aus München, wird in diesem Buch davon berichten.

An jenem Sommertag in Lens wurde das Ende einer schwarzen Ära eingeleitet: Der Hooligan hatte seine eigenen Grenzen gesprengt, er schlug einen unbeteiligten Polizisten zum Krüppel, dabei wollte er seine Kräfte stets nur unter seinesgleichen messen. Der ohrenbetäubende Aufschrei in den deutschen Medien gab ihm zu denken. Er wollte seine Zukunft nicht mehr aufs Spiel setzen für ein bisschen Adrenalin.

Der klassische Hooliganismus trat in einen Auflösungsprozess, das ist in England, dem Ursprungsland, oder in Holland nicht anders. Auch dort hatten erst Katastrophen einen Bewusstseinswandel auslösen können. In England waren es die todbringenden Randale von Liverpooler Fans im Heysel-Stadion von Brüssel 1985 und die Massenpanik von Sheffield 1989, die 96 Menschen das Leben kostete, in Holland war es der Mord an Carlo Picornie 1997, einem führenden Hooligan von Ajax Amsterdam. Es scheint, als müsse erst die Welt vor dem Untergang stehen, damit eine Subkultur ihre Gefahren entdeckt und eine Gesellschaft Maßnahmen ergreift. Beispiele dafür gibt es viele.

Die Gewalt ist nicht verschwunden. Die letzten Nostalgiker flüchten vor dem Licht der Öffentlichkeit. Sie prügeln sich im Verborgenen. Auf Wiesen, Parkplätzen oder Industrieanlagen. Sie sind mehr zu Kampfsportlern als Hooligans geworden. Die großen Stadien haben sie aufgegeben, die kleinen nicht ganz. Vor allem im Osten Deutschlands, in Dresden oder Leipzig, kämpft ein neuer Schläger-Typus um Aufmerksamkeit. Er kommt aus einem schwierigen sozialen Umfeld, schon in jungen Jahren fehlt ihm die Perspektive. Der Frust ist groß und so ist er empfänglich für die Lockrufe von rechts. Die ostdeutschen Amateurligen verdeutlichen die Fremdenfeindlichkeit der Gesellschaft wie unter einem Brennglas. Sie wird in der anonymen Masse offener ausgelebt. Die Grenze zwischen Hooligan und Rassist ist fließend. Daher ist die Form der Gewalt schwer zu greifen. Zumal Rassisten subtil auftreten. Sie marschieren nicht mehr in Springerstiefeln und Reichkriegsflagge auf und ab, sie wählen Codierungen und streuen ihre Propaganda verdeckt. Auch in den Stadien. Eine neue Dimension? Für eine Antwort ist es noch zu früh.

Der Öffentlichkeit ist das nicht genug. Nach der rosaroten WM 2006, bei der es kaum Zwischenfälle gegeben hatte, wird jeder Krawall und jede rassistische Parole als neue Stufe der Eskalation oder als Wiederauferstehung des Hooliganismus interpretiert. Komplexe Hintergründe werden vermengt und unsinnige Vergleiche gezogen. Die Fanarbeit, die lange von Politikern und Funktionären vernachlässigt wurde und sich nun langsam positiv entwickelt, gerät immer wieder unter Rechtfertigungsdruck. Es entsteht der Eindruck, als wäre die Gewalt im Fußball eine Mode, die Jahr für Jahr aufs Neue aufgeregt diskutiert werden müsste. Langfristige und vernünftige Konzeptvorschläge gehen in dieser Wolke des Populismus verloren. Auch das lässt sich nicht nur in Deutschland beobachten. Der italienische Fußball, der durch Gewalt und Korruption wie in einer Zwangsjacke gefangen ist, gilt als Paradebeispiel. Faschistische Ultras beherrschen seit Jahren die Kurven des Calcio.

Auch in Deutschland hat sich die Ultra-Bewegung ausgebreitet, allerdings unterscheidet sie sich enorm von ihrem italienischen Vorbild. Die Mehrheit der deutschen Ultras distanziert sich von Gewalt und politischen Hintergründen. Stattdessen predigen sie ihr obersten Ziel: Die bedingungslose Unterstützung ihres Vereins. Durch Gesänge, Choreographien und bengalische Feuer. Ihre Beziehung zu Sicherheitskräften und DFB aber ist stark belastet. Ultras reagieren sehr sensibel auf Einschränkungen. Daher wirft die Ultra-Bewegung die meisten Fragen auf. Kann dieses Reizklima zu einer neuen Gewaltwelle führen? Schließlich nehmen manche Ultras Gewalt in Kauf, um ihre Ziele zu erreichen. Kann dieses Mittel zum Zweck wie bei den Hooligans zum Selbstzweck werden? Zu purer Lust?

Dieses Buch soll keine Reportage aus dem Untergrund rechtsradikaler Schlägergruppen sein, es verzichtet auf die Dokumentation der reinen Gewaltorgien und soll aktiven Hooligans und Rassisten nicht als Mitteilungsforum dienen. Vielmehr beleuchtet es die Entwicklung in Deutschland seit dem Anschlag auf Daniel Nivel. Schildert aber auch die Szene der Hooligans in England, Italien und Polen, und es wagt einen Vergleich mit Südamerika. Welche Rituale, Motive und Ursachen liegen den Fankulturen zu Grunde? Welche Rolle spielt das soziale Milieu? Wie groß ist der Einfluss aus Wirtschaft, Politik und Geschichte? Dieses Buch legt Wert auf die Verflechtungen zwischen den Gewaltphänomenen im Fußball und den Krankheiten der Gesellschaft. Es lässt Fans, Aktivisten, Sozialarbeiter, Wissenschaftler, Funktionäre, Politiker und Polizisten zu Wort kommen – und es nimmt die Perspektive der Opfer an. Zugleich prüft es Gegenstrategien von Fanprojekten und Ordnungskräften. Und es setzt es sich mit Versäumnissen von Politikern und Funktionären auseinander – davon hat mehr als genug gegeben.

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Termine

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Veranstaltung

31.10.2008   Konrad-Adenauer-Stiftung Bonn Gewalt auf dem Fußballplatz: Zerstören Extremisten den Sport? (Workshop)
06.07.2008   Emirates-Stadium London Europäischer Fankongress (Tagung)
29.06.2008 10:00 Uhr Verein für Zeitgeschichte, Braunau am Inn Faszination Fußball (Vortrag)
28.06.2008   Volksbühne Berlin Sicherheitspolitik bei Fußball-EM in Österreich und Schweiz (Vortrag)
24.05.2008   DKB-Arena Rostock Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus im Fußball (Diskussion)
23.05.2008   Köln Zweiter Aktionsabend gegen Homophobie im Fußball (Tagung)
19.05.2008   Studentisches Kulturzentrum Potsdam Im Schatten des Spiels – Rassismus und Randale im Fußball (Lesung)
16.05.2008 20:00 Uhr Galerie “TheArter” Berlin Torwort (Lesung)
08.05.2008 19:30 Uhr Heinrich-Böll-Stiftung MV, Kosmos Rostock Fußball und Fanverhalten (Diskussion)
12.04.2008 21:00 Uhr Goal-Shop Kreuzberg Im Schatten des Spiels – Rassismus und Randale im Fußball (Lesung)
04.-06.04.2008   Haus Buchenried, Starnberger See Fußball im Nationalsozialismus (Tagung)

Arbeitsproben

Versteckspieler (Verlag Die Werkstatt, Oktober 2008)

Im Schatten des Spiels (Verlag Die Werkstatt, April 2007)

Ausgewählte Arbeiten

Vita

Herkunft:

Geboren am 15. September 1981 in Rostock
Aufgewachsen in Gresenhorst und Völkshagen, Landkreis Nordvorpommern

Stationen:

Seit 2005

Freier Journalist in Berlin
Als Autor tätig u. a. für Süddeutsche Zeitung, Die ZEIT, Berliner Zeitung, Spiegel Online, taz, Neue Zürcher Zeitung, Deutschlandradio und WDR
1999 – 2005 Freier Journalist in Ribnitz-Damgarten und Rostock, Redaktioneller Mitarbeiter der Ostsee-Zeitung (Lokales und Sport)

Ausbildung:

2001 – 2005 Studium der Sport- und Politikwissenschaften an der Universität Rostock
2000 Abitur, Richard-Wossidlo-Gymnasium in Ribnitz-Damgarten, Landkreis Nordvorpommern

Praktika:

2009 Westdeutscher Rundfunk
2004

2003

Süddeutsche Zeitung

Berliner Zeitung

2003 Hamburger Abendblatt
2001 Sport Bild
1999 Welt am Sonntag

Bücher:

„Versteckspieler. Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban“ (2008), Verlag Die Werkstatt
„Im Schatten des Spiels – Rassismus und Randale im Fußball“ (2007), Verlag Die Werkstatt

Ehrungen:

2009 Sportjournalist des Jahres (Medium-Magazin)
2007 Deutscher Fußball-Kulturpreis 2007, Fußballbuch des Jahres
2007 „Der lange Atem“ des Vereins Berliner Journalisten für die Berichterstattung über Gewalt im Fußball
2005 Sparkassenpreis für Sportjournalismus, Kategorie Nachwuchs

Arbeitsschwerpunkte:

Gewalt- und Diskriminierungsformen (Hooliganismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie)
Fankulturen und Integration im Fußball
Sportsoziologische Themen
Sportberichterstattung im Nordosten Deutschlands und von Großereignissen wie der Fußball-WM 2006, der EM 2008 oder Olympia 2008
Moderationen: “Theater trifft Fußball” in Hamburger Kammerspielen (2010)

Diskussion über Homophobie im Fußball in Hamburg; Integrations-Veranstaltung des Berliner Fußballverbandes; Debatte über WM und Südafrika in Dortmund (alle 2009)

Integrations-Veranstaltung der Uni Hannover; Seminar für Sportjournalisten über die mediale Aufarbeitung von Gewalt im Fußball in Dortmund; Antigewalttagung in Rostock (alle 2008)

Fankongress in Leipzig; Rechtsextremismus-Debatte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin (alle 2007)

Diverse Vorträge, Lesungen, Seminare, Workshops

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