Nachspiel - Radiofeature über Wintersportzentrum Oberhof
Redaktion: Hanns Ostermann/Jörg Degenhardt
Atmo Siegerehrung Biathlon
Zunächst allein stehen lassen, dann unter den Autorentext legen.
Autor
Stimmung wie in einem Fußballstadion. Der Biathlon-Weltcup beschert Oberhof im Januar eine fünfte Jahreszeit, einen Karneval im Thüringer Wald. In der Arena und am Streckenrand trotzen 20000 Menschen eisigen Temperaturen. Sie schwenken Fahnen und tanzen im Takt der Musik. Ihre Aussicht ist begrenzt, denn Nebel hat sich wie ein grauer Schleier über die Kulisse gelegt. Den Zuschauern ist das egal. Sie feiern Oberhof - und sie feiern sich selbst.
Atmo 2 Siegerehrung Biathlon Björndalen
Noch einmal kurz für Björndalen-Ehrung hochziehen.
Autor
Oberhof gilt als eine Keimzelle des deutschen Wintersports. Die kleine Gemeinde mit ihren 1600 Einwohnern hat ihren Anteil daran, dass Sportarten wie Biathlon aus dem Randgebiet der Öffentlichkeit ins Rampenlicht vorgedrungen sind, und nun im Fernsehen vor Millionen zelebriert werden. Es ist die Atmosphäre, die 100000 Zuschauer an fünf Tagen nach Oberhof lockt, und auch die Athleten beeindruckt. Der erfolgreichste Biathlet der Geschichte, der Norweger Ole Einar Björndalen:
O-Ton Ole Einar Björndalen
“Stimmung ist fantastisch. Was mir eigentlich ganz gut gefällt hier, das ist das Publikum, es sind sehr viele Deutsche hier. Aber trotzdem ist es ein sehr faires Publikum. Es gibt nichts besseres, das ist perfekt.”
Autor
Das Publikum reist nicht nur wegen des Sports nach Oberhof. Nach getaner Arbeit, nach vergebenen Medaillen, treffen sich die Zuschauer im angrenzenden Hüttendorf. Mehr als dreißig Buden verwandeln einen Weltcup zu später Stunde in einen launigen Jahrmarkt.
Atmo Festzelt
Atmo 10-20 Sekunden stehen lassen, dann unter Autorentext legen.
Autor
Alkohol fließt in Strömen, Fremde liegen sich in den Armen, mit Liedkonserven als Begleitmusik. Vor dem großen Festzelt urinieren gestandene Männer mit glasigen Augen und geröteten Wangen ihren Namen in den Schnee. Für wenige Tage im Jahr wächst das Örtchen Oberhof zu einer mittelgroßen Stadt. Mit allen Vor- und Nachteilen. 600 ehrenamtliche Helfer sichern den Weltcup-Betrieb, 16 Pendelbusse fahren die Zuschauer durchs Mittelgebirge auf 800 Meter Höhe, pausenlos. Thomas Schulz, der parteilose Bürgermeister Oberhofs, beschreibt den Sport als Lebensversicherung seiner Gemeinde.
O-Ton Thomas Schulz
“Also Oberhof besteht ausschließlich aus zwei Säulen, das ist Tourismus und Leistungssport. Mit dem Tourismus verdienen wir unser Geld und der Leistungssport ist im Grunde genommen der Träger, der diesen Ort weit über die Landesgrenzen national und international eigentlich bekannt macht. Eine Woche Biathlon-Weltcup, 15 Millionen Euro Umsatz hier in der nahen Region. Meine feste Auffassung ist immer, dass diese sportlichen Großveranstaltungen und dieser Tourismus hier in dem Ort ist im Grund genommen so was im Kleinen wie Volkswagen für Wolfsburg.”
Autor
Schulz ist ein hochgewachsener Mann mit kräftigen Händen und randloser Brille. Er sitzt am Konferenztisch seines Büros und hat die Arme verschränkt. Schulz kann auf Anfrage viele Zahlen und Statistiken abrufen, er hat gelernt, seine Stadt zu vermarkten. Mehr als achtzig Millionen Euro erwirtschaftet die Region um Oberhof jährlich im Tourismus. Sie liegt mit rund 450000 Gästen im Jahr auf Platz drei der beliebtesten Reiseziele Thüringens, hinter Erfurt und Weimar.
Atmo Schneestapfen
Atmo schon unter vorherigen Autorentextblenden und auch unter folgenden legen.
Autor
Wer das Alleinstellungsmerkmal Oberhofs begreifen will, sollte den Ort zu Fuß erkunden. Es dauert nicht lange, um alle Sportstätten abzulaufen. Bund, Land, Kommune und private Investoren haben seit dem Mauerfall mehr als sechzig Millionen Euro in die Infrastruktur investiert. Zum Beispiel in die Biathlon-Arena, die Bobbahn, die Sprungschanzen, die Rodelbahn, das Sportgymnasium, den Schießkanal, die Kältekammer, das Loipennetz, die Dreifeldersporthalle und, und, und. Ganz zu schweigen von Hotels oder Pensionen.
O-Ton Schulz
“Wir halten Infrastruktur vor für 8000 Leute, ganz einfach, weil wir so viele Tagesgäste und auch Dauergäste hier haben. Gleichwohl aber in der finanziellen Ausstattung wie jeder andere Ort, der 1500 Einwohner hat. Das hinkt natürlich zwangsläufig. Und man ist immer wieder auf Zuschüsse beziehungsweise Fremdfinanzierung irgendwo angewiesen. Wenn ich den Energiehaushalt nehme unserer Sportstätten und müsste das bezahlen, dann wäre unser Haushalt schon am Ende, und ich würde gar keine Löhne zahlen können. Das ist mit anderen Orten überhaupt nicht zu vergleichen. Aber manchmal auch ein Stück frustrierend.”
Autor
Die Biathlon-Arena trägt bereits den Namen einer Bank. Durch diese Einnahmen wächst die Infrastruktur, die Sportler profitieren. Langläufer Axel Teichmann, Biathletin Andrea Henkel Bobfahrer André Lange oder Kombinierer Ronny Ackermann sammeln fleißig Medaillen. In wenigen Tagen, wenn die Olympischen Winterspiele in Vancouver laufen, werden die Oberhofer wieder ihren eigenen Medaillenspiegel aufstellen. Sie feiern sich dann als kleine, unabhängige Nation, auf Augenhöhe mit den Weltmächten des Sports. Fast dreihundert Medaillen bei den wichtigsten Wettkämpfen haben Oberhof bekannt gemacht. Erfolge locken Touristen und sichern dem Ort das ökonomische Gefüge. Ein ewiger Kreislauf, vermutlich einmalig in Deutschland.
Musik
David Gray, Flame Turns Blue (Lost Songs, 2000), Warner Music, LC 015557
O-Ton Schulz (im Auto fahrend und erklärend)
“Man hat damals beschlossen, und hat gesagt, gut, okay, dieses Oberhof, mitten im Herzen des Thüringer Waldes, entwickeln wir zu einem Mekka des Wintersports. Das muss wohl die Triebfeder gewesen sein, die Aktion ?Rose? ins Leben zu rufen, in der wirklich vor fast allen Häusern des damaligen Oberhofs ein LKW stand, muss wohl an einem Samstag gewesen sein, und die Leute hatten vier Stunden Zeit zu packen, durften wirklich nur leicht bewegliche Güter mitnehmen. Ihre persönliche Habe, Möbel und so weiter blieben stehen ? und dann wurden die Leute zwangsenteignet.”
Autor
Bürgermeister Thomas Schulz steuert sein Auto durch die verschneiten Straßen Oberhofs. Die Architektur seiner Heimat sagt viel über ihre Geschichte aus. In den fünfziger und sechziger Jahren ließ Walter Ulbricht Oberhof zu einer Medaillenfabrik hochrüsten. Hier sollte die Stärke der sozialistischen Körperkultur demonstriert werden. Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung, die während der ?Aktion Rose? den Plänen der Parteibonzen weichen musste. Es entstanden Bettenburgen und feine Restaurants. Um die Jahrhundertwende hatte sich hier noch der Hochadel erholt, nun kamen verdiente Bürger der DDR im ?Kurort der Werktätigen? mit ihren Helden in Kontakt. Die Armee übernahm den Sportverein. Aufwändige Teamsportarten wurden fallengelassen, stattdessen zählten medaillenintensive Disziplinen ? wie Langlauf, Skisprung, Biathlon oder Bob.
Archiv Jingle einer alten Wintersportübertragung, dann Kommentar von Oertel
Autor
Nach dem Mauerfall musste Oberhof sein Gesicht verändern. Die Besucherzahlen gingen zurück, große Hotels wurden überflüssig. Ihre Abrisse schlugen Lücken in das Stadtbild, kleinere Pensionen und Cafés kamen in Mode. Diesem Rückbau steht die Expansion des Sports gegenüber. Der neueste Beleg windet sich am Hang entlang, zwischen Biathlonarena und Rennschlittenbahn. Für mehr als 14 Millionen Euro ist der vielleicht größte Kühlschrank Europas entstanden. In der Skilanglaufhalle können Leistungssportler nun auch im Hochsommer bei Minusgraden trainieren.
Atmo Dirk Bremermann betritt die Skihalle
“Und das ist halt über diesen elektronischen Chip gesteuert, auf dem ist das Stundenkontingent gespeichert, den hält man also einmal hiervor, dann öffnet sich die Tür, ab da wird gezählt. Jetzt ist man auf dem Schnee, wenn man wieder rausgeht, ist man wieder in der Schleuse drin, hält den Chip wieder vor das Terminal und dann wird gestoppt. Also selbst, wenn man kurz einen Kaffee trinken geht oder auf Toilette geht, wird die Zeit nicht mit erfasst. Jetzt sind wir auf der Piste, sozusagen, Ski unterschnallen, dann geht’s direkt los.”
Autor
Dirk Bremermann, der Marketingchef der Oberhofer Sportstätten, lädt zu einem Rundgang durch die neue Halle ein, die eine Gesamtfläche von 100000 Quadratmetern hat. Dicke Betonpfeiler stützen den Bau, endlose Metallrohre schlängeln sich durchs Areal, nur die Werbeplakate an der Seitenwand spenden ein wenig Farbe. Unter der Decke hängen vier Schneekanonen, an ihren Düsen kleben kleine Eiszapfen. 32 Kameras leuchten jeden Winkel aus. Dirk Bremermann, der aus Köln nach Oberhof gezogen ist, gerät ins Schwärmen über den zwei Kilometer langen Rundkurs.
O-Ton Dirk Bremermann
“Wir haben 1600 Leistungssportler pro Monat hier in der Halle und 1700 Breitensportler, weit über 3000, das war so die erhoffte Zahl, die wir uns vorgenommen hatten. Es wird super angenommen. 11000 passive Besucher pro Monat, das ist eine Riesenzahl, und von daher sind wir natürlich in einer ganz glücklichen Situation.”
Autor
Durch die Fenster fällt ein mattes Licht. In der Mitte der Halle thront ein riesiger Berg Kunstschnee, als Reserve für die Außenwelt, falls die Temperaturen steigen. In der Skihalle liegt die Lufttemperatur bei minus vier Grad, die Luftfeuchtigkeit beträgt siebzig bis neunzig Prozent. Bis 11 Uhr am Vormittag gehört sie den Leistungssportlern, danach beginnt der Publikumsverkehr. Manchmal drängeln dutzende Bustouristen aus dem Foyer Richtung Balkon, der einen guten Blick auf die Halle bietet. Sie lassen sich im angrenzenden Bistro nieder, decken sich im Skigeschäft mit einer neuen Ausrüstung ein oder beobachten die Profis bei der Pflege ihres Materials.
O-Ton Bremermann
“Wir haben natürliche viele Zielgruppen, die wir hier ansprechen, also nicht nur die Touristen, die kommen, sondern auch Skiindustrie, ja, Vereine, Verbände, die hier nach Oberhof kommen, um die Halle zu nutzen, weil man hier Laborbedingungen in der Halle hat, sehr gute Tests durchführen kann. Wir sind sehr stark daran interessiert, dass hier natürlich ausländische Nationalmannschaften trainieren.”
Autor
Das Konzept klingt revolutionär, doch die Skihalle war ausschließlich als Trainingsstätte für Leistungssportler geplant gewesen. Dass sie sich nun in einen multifunktionalen Spielplatz verwandelt, hat vor allem einen Grund: die Senkung der Kosten. Nach den ersten Prognosen wird der Betrieb der Skihalle jährlich mit rund 700000 Euro veranschlagt. Dirk Adams von Bündnis 90/Die Gründen hält diese Ausgaben für überflüssig, der Abgeordnete des Thüringer Landtages bewertet das Projekt aus umweltpolitischer Sicht.
O-Ton Dirk Adams
“Im Prinzip müssen wir davon ausgehen, dass Tausend Tonnen CO2 durch diese Skihalle ausgestoßen werden. Die Skihalle hat ja den Sinn, in den immer milder werdenden Wintern trotzdem einen langen Laufbetrieb in Oberhof zu ermöglichen. Ich glaube, da sägt man den Ast ab, auf dem man sitzt. Man will hier dem Klimawandel ein Schnippchen schlagen, indem man eine Halle baut, die dann zu mehr Klimawandel, nämlich zur Klimakatastrophe führt, das wir eben gar keine Winter mehr haben.”
Autor
Laut Adams entspreche der jährliche Stromverbrauch dem Verbrauch von 430 Einfamilienhäusern. Für den Bau wurden auf sechs Hektar Waldfläche etwa 600 Kubikmeter abgeholzt, darunter hundert Jahre alte Fichten. Die Grünen hatten daher zur Eröffnung im vergangenen Sommer ein Plakat ausgerollt, worauf stand: “Klimaschutz geht anders!” Dirk Adams berichtet von gemischten Reaktionen.
O-Ton Adams
“Es waren besonders Sportberichterstatter da, die von dieser Aktion gar nichts wissen wollten und auch die Presseinformation dazu eigentlich abgelehnt haben. Es gab Sportler, die mich sozusagen am Rande angesprochen haben, gesagt haben: ,Wir brauchen das nicht?. Es gab aber auch Leute, die total begeistert gewesen sind und gesagt haben, damit wird jetzt Oberhof abschließend weltberühmt, weil wir diese Halle haben. Es gab auch Polizisten, die nicht nur ihrer Tätigkeit, sozusagen, mich von den Prominenten dort fernzuhalten, nachgegangen sind, sondern mich auch schwer beschimpft haben, dass man die Region damit verunglimpfen würde, wenn man diese Skihalle jetzt nicht toll finden würde.”
Autor
Oberhof hängt am Tropf von Leistungssport und Tourismus. Sind die Opfer, die diese Abhängigkeit mit sich bringt, zu groß? Absolution erhielt die Stadt von der schwarz-roten Landesregierung. Oberhof wurde 2009 im Koalitionsvertrag verankert. In dem Papier heißt es: ?Die Koalitionspartner sind sich einig, die Stadt Oberhof als sportliches und touristisches Zentrum im Thüringer Wald insbesondere durch den Ausbau der touristischen Infrastruktur weiterzuentwickeln.? Ein Satz, der Dirk Bremermann gefallen dürfte. Der Marketingchef der Skihalle begegnet der Kritik mit Gelassenheit ? und mit wirtschaftlichen Argumenten.
O-Ton Bremermann
“Ja, natürlich, also kritische Töne gibt es immer, wenn große Bauwerke irgendwo aus dem Boden gestampft werden, sage ich mal. Aber ich denke, die Kritiker sind schon sehr stark verstummt. Dadurch, dass wir hier wirklich sehr, sehr gute Besucherzahlen haben und darüber große Einnahmen natürlich generieren können hier. Und für den Standort Oberhof ist das immens wichtig. Es werden viele Arbeitsplätze dadurch gesichert. Und von daher ist das ganze eine Erfolgsgeschichte.”
Autor
Der Grüne Dirk Adams ist ein Kritiker, der nicht verstummt ist. Er schüttelt den Kopf, wenn er solche Argumente hört. Darf man für ökonomischen Erfolg die Umwelt vernachlässigen? Lässt sich ein hoher Ausstoß von Kohlendioxid mit Arbeitsplätzen aufwiegen? Dirk Adams hat klare Antworten und zieht eine Parallele zum Oberhofer Spaßbad. Die Rennsteigtherme wurde 1996 eröffnet und ist längst wieder geschlossen. Die Betriebkosten hätte die Stadt nicht zahlen können. Könnte auch die Skihalle zu einem Millionengrab werden?
O-Ton Adams
“Ich befürchte, dass die Kosten weit höher sind, als man sie bisher prognostiziert hat.”
Autor
Die meisten Oberhofer sind stolz auf ihre Skihalle. Sie ist zu einem Symbol für den Spitzensport des 21. Jahrhunderts geworden. Für den Kommerz, für die Technologisierung und für das Bedürfnis, alles kontrollieren zu wollen. Doch die entscheidende Frage bleibt: Sind die Goldmedaillen der Zukunft das wert?
Musik
Coldplay: Parachutes 0:00 ? 0:18 (Parachutes, 2000) EMI Records, LC 0299
Atmo Aktenrascheln mit einsetzendem O-Ton
Blättern am Ende unter den Autorentext legen.
“Also dies hier ist meine Stasiopferakte, auf die ich sieben Jahre lang habe warten müssen, ist über 280 Seiten stark, und das mit damals 21 Jahren. Also da habe ich schon geschluckt, das ist schon richtig menschenverachtend.”
Autor
Auch Andreas Heß ist eine Symbolfigur für Oberhof. Er sitzt vor dem Kamin im Wohnzimmer seines Elternhauses, in der kleinen Gemeinde Goldisthal, siebzig Kilometer von Erfurt entfernt. Heß ist ein kräftiger Mann von 52 Jahren, mit kantigen Gesichtszügen und Händen so groß wie Schaufeln. Wieder einmal ist er in seine Stasiakte vertieft, die so dick ist wie ein Versandhauskatalog. In den siebziger Jahren war er zweimal Junioren-Weltmeister im Biathlon, er galt als großes Talent und glaubte, eine große Karriere vor sich zu haben.
O-Ton Andreas Heß
“Bis zum 13. Oktober 1979, da wurde ich über Nacht vom Leistungssport entbunden, so nannte sich das, und zwar, wegen, für mich eine Lappalie: ich hatte damals die Nachtruhe für zwei Stunden nicht eingehalten, hab mich damals mit meiner Freundin getroffen. Und als ich zurückkam, da war schon alles in Aufruhr, und manche haben sich gefreut schon, dass sie mir eine auswischen könnten. Zufällig war der Generalsekretär da vom Deutschen Skilaufverband der DDR, der mit wortwörtlich sagte: ,Sofort nach Hause fahren!? Und, ja, das war? s dann mit der Olympiakarriere. Damals, mit 21 Jahren, war mein Leben beendet.”
Autor
Andreas Heß kann bis heute nicht begreifen, warum sein Name aus dem Gedächtnis des Oberhofer Sports getilgt werden sollte. Eine Flucht in den Westen war für ihn nie in Frage gekommen. Die Staatssicherheit hatte ihn trotzdem ins Visier genommen ? schon im Alter von zwölf Jahren. Lag es daran, dass sein Vater sich geweigert hatte, der SED beizutreten? Acht Spitzel waren zwischenzeitlich auf den jungen Heß angesetzt. Nach der Entlassung wurde er auch aus der Armee und seinem Sportstudium geschmissen, sein Leben sollte sich über Nacht grundlegend verändern. Es gab nur noch eine Richtung: nach unten.
O-Ton Heß
“Gefeiert worden im Ort und ein Jahr drauf war ich Staatsfeind Nummer eins. Also abtrainieren durfte ich nicht mehr in Oberhof, weil ich Schande über die Biathlon-Mannschaft des ASK-Oberhof gebracht hätte. Die haben mich dann ein Vierteljahr abtrainieren lassen, ganz allein auf mich gestellt, ohne ärztliche Betreuung. Also dieses… , dieser , ich muss das mal richtig formulieren.”
Autor
Der Blick von Andreas Heß gefriert, immer wieder wird er von Fassungslosigkeit übermannt, immer wieder wandern seine Gedanken in den Herbst 1979. Er sagt, er habe nie wieder richtig Fuß fassen können, weder privat noch beruflich. Er hatte Abitur, musste sich aber als Hilfsarbeiter durchschlagen, zuletzt als Hausmeister einer Anwaltskanzlei. Schuld daran waren unter anderem Harald Böse, sein ehemaliger Trainer, alias IM ?Horst Sommer?; und Karl-Heinz Wolf, sein einstiger Teamkollege, alias IM ?Ernst?. Sie vermerkten jeden Frauen-Besuch von Andreas Heß und sie schlugen Alarm, wenn er Geld aus dem Westen erhielt.
O-Ton Heß
“Dass mich mein eigener Cheftrainer angezinkt hat bei der Stasi, der eigene Trainer, der Vertraute. Wolf ist heute noch Sportdirektor des Wintersportvereins Oberhof, Böse war bis vor zwei Jahren noch Co-Trainer der Biathlon-Nationalmannschaft der Frauen. Für mich ist das eigentlich eine Schande, dass solche Leute überhaupt in solche Funktionen gekommen sind nach der Wende. Weil heute noch da oben eine Seilschaft da ist, und die Seilschaften, die feiern sich gegenseitig.”
Autor
Andreas Heß ist seit dreieinhalb Jahren Erwerbsminderungsrentner. Er ist Opfer der Stasi, und er ist Opfer des DDR-Dopingsystems. Seine Trainer hatten ihm anabole Steroide verabreicht, sie ließen ihn in dem Glauben, er würde Vitaminpillen schlucken. So erging es vielen Athleten in Oberhof, manche von ihnen waren noch minderjährig. Die Nachwehen spürt Heß bis heute: 3300 Euro kosten im Monat die Medikamente, die er zu sich nehmen muss. Schmerzen hat er trotzdem, jeden Tag. Sein Körper ist von den Torturen gezeichnet. Dennoch fährt Andreas Heß wieder die fünfzig Kilometer nach Oberhof, zumindest einmal im Jahr, wenn der Biathlon-Weltcup ansteht. Diese Reisen sind Teil seiner persönlichen Aufarbeitung. Sie kosten ihn viel Überwindung. Vier Offiziere und mehr als hundert Inoffizielle Mitarbeiter hatten für die Stasi Informationen über Athleten gesammelt. Freunde bewachten ihre Freunde, Trainer schwärzten ihre Schüler an. Von Beginn an hatten nur linientreue Sportler und Funktionäre Zugang nach Oberhof gehabt, dem Regierungsviertel des Wintersports der DDR. Hin und wieder schauten Politiker vorbei, um die jungen Sportler an ihre Pionierpflichten zu erinnern. Wie Ministerpräsident Otto Grotewohl im Januar 1951.
Archiv Rede Grotewohl
Autor
Viele Jahre lang blieb das dichte Netz der Staatssicherheit in Oberhof geknüpft. Nach dem Mauerfall blieben einige Denunzianten dem Sportkosmos treu und erhielten wichtige Positionen. Zum Beispiel im Landessportbund Thüringen oder im Organisations-Komitee der Biathlon-WM. Wolfgang Filbrich, der Leiter des Olympiastützpunktes, schildert seine Perspektive auf die Verstrickungen. Kennen die Oberhofer kein Geschichtsbewusstsein?
O-Ton Filbrich
“Ich verstehe jetzt die Frage nicht. Es war ein Ansatz, dass unser Wettkampfleiter dort seiner Vergangenheit wegen in die Kritik gekommen ist, es hat dann vor der Weltmeisterschaft einen Austausch unseres Wettkampfleiters gegeben, der dann aber letztendlich auf die Weltmeisterschaft selbst und auch auf die Besucher der Weltmeisterschaft selbst überhaupt keine Auswirkungen hatte. Weil das ja Dinge sind, die ja irgendwo aufgearbeitet und schon länger zurück lagen. Und man hat vor der Weltmeisterschaft hat man sich dieses Thema wieder gewidmet, eigentlich zum wiederholten Male, das war ja auch schon 2004.”
Autor
Die Stadt ist abhängig von Leistungssport und Tourismus. Würde Geschichtsbewusstsein dieses Geflecht gefährden? Würde eine offensive Aufarbeitung Sponsoren schrecken? Die Konkurrenz ist groß unter den Olympiastützpunkten in Deutschland. Jede Medaille sichert staatliche Fördermittel, jeder Weltmeistertitel erzeugt Öffentlichkeit. Nebengeräusche scheinen unerwünscht zu sein.
O-Ton Hildigund Neubert
“Das ist nicht symptomatisch für die gesamte Aufarbeitung, sondern ich denke schon, dass es im Sport offenbar besonders schwierig ist, weil da gerade Erfolg und Verstrickung oft so eng aneinander gebunden sind. Der Deutsche Olympische Sportbund selbst hat ja bei der Diskussion um das Stasiunterlagengesetz mit großer Anstrengung noch hinein gedrückt, dass also der Deutsche Olympische Sportbund seine Kader überprüfen darf, und das Ergebnis ist, dass zu allen Olympischen Spielen stasibelastete Leute mitfahren.”
Autor
Hildigund Neubert ist seit sechs Jahren Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen. In ihrem Büro im Thüringer Landtag stapeln sich Papiere. Der Sport ist zu einem ihrer wichtigsten Forschungsfelder geworden. In Oberhof beobachtet sie seit Jahren Ignoranz und Missachtung gegenüber den Opfern. Doch nicht nur die Vergangenheit bleibt ungeklärt, Neubert sorgt sich auch um die Zukunft der künftigen Spitzensportler.
O-Ton Neubert
“Es hat sich eigentlich nichts verändert, nein. Das Problem bei dieser Kontinuität im Personal liegt ja darin, dass mit dem Personal natürlich auch geistige Einstellungen übernommen werden, dass also die Grundhaltungen zu den ganzen Dopingfragen zum Beispiel nicht wirklich hinterfragt wird. Sind das erlaubte Mittel, solange sie nicht entdeckt werden. Was darf man da, was ist ethisch zu verantworten, gibt es da überhaupt ethische Maßstäbe, die da eine Rolle spielen sollten, oder rechtfertigt der Erfolg letztlich alles.”
Autor
Das System Oberhof gilt als Erfolgsmodell, als Schaubühne für sportwissenschaftliche Errungenschaften, doch das System Oberhof ist auch ein Mahnmal. Viele Athleten haben in den vergangen Jahrzehnten einen hohen Preis zahlen müssen. Für wenige Minuten Ruhm. Dem glänzenden Image der Stadt hat das wenig anhaben können. Die Funktionäre verteidigen ihr Sport-Imperium wie eine Festung.
Atmo Sportgymnasium tobende Kinder
Unter dem Autorentext etwas länger stehen lassen
Autor
Die Dreifelderhalle in Oberhof gleicht an diesem Vormittag einem Abenteuerspielplatz. Zwölf Mädchen und Jungen toben in einer Grube, die mit Schaumstoff gefüllt ist. In diesem Sommer sollen sie eingeschult werden, doch schon im Kindergarten werden sie auf das Leben eines Leistungssportlers eingestimmt. Die Probleme des Alltags scheinen weit weg zu sein: Niemand in der Gruppe hat Übergewicht, sobald die Betreuerin etwas sagt, herrscht Ruhe. Ähnlich sieht es eine Etage höher aus, wo Reiner Jung Schüler aus der achten Klasse unterrichtet. Er ist der Direktor des Oberhofer Sportgymnasiums.
Atmo Schuldirektor gibt während der Sportstunde Anweisungen
Atmos schon unter vorherigen Autorentext beginnen.
Autor
Jung hat den Posten im August des vergangenen Jahres übernommen. Oberhof hatte ihn schon immer gereizt, nun hat er die Obhut über 220 Kinder und Jugendliche. Es sind Talente, die auch aus den alten Bundesländern gekommen sind. Sie wollen so werden wie ihre Vorbilder, ihr Ziel: einmal zu den Olympischen Spielen. Die Schüler haben einen harten Weg vor sich. Mit vielen Entbehrungen.
O-Ton Jung
“Die fangen in etwa 7:10 Uhr an, haben in der Regel bis 10 Uhr Unterricht, machen dann die erste Trainingseinheit, gehen dann wieder zum Unterricht, Nachmittagstraining, und abends vielleicht eine Physiotherapie, vielleicht eine Gymnastik. Und die enden wirklich 19, 20 Uhr, dann ist der Tagesablauf zu Ende, und das ist knallhart für die. Und wenn dann die Wochenenden noch zu zählen sind, wo sie zu Wettkämpfen sind, bleibt nicht viel Freizeit. Manche Athleten kommen alle vier Wochen nur nach Hause.”
Autor
Das Sportgymnasium ist ein funkelnder Neubau mit erstklassigen Trainingsbedingungen. Es ist das kapitalistische Nachfolgemodell der Kinder- und Jugendsportschule. In der KJS hatten die Oberhofer zu DDR-Zeiten ihre Olympiasieger herangezogen. Für 18,5 Millionen Euro wurde sie nach der Wende von Grund auf renoviert. Äußerlich ist der Bau nicht wieder zu erkennen, doch im übertragenen Sinne ist vieles gleich geblieben. In der Schule soll die Suche nach Medaillenträgern perfektioniert werden. So früh wie möglich. Und vielleicht dürfen die Talente dann irgendwann in die Bundeswehrkaserne ziehen, wenige hundert Meter weiter den Berg hinauf. Sie ist die einzige Kaserne Deutschlands, die ausschließlich von einer Sportförderkompanie genutzt wird. Auch hier fließen Staatsgelder in die Ausbildung von Weltmeistern. Nach dem Motto: Oberhofer Tradition verpflichtet.
O-Ton Jung
“Und es stimmt schon irgendwo, man erwartet von den Athleten so ein wenig die Disziplin, die man sich manchmal so wünscht aus DDR-Zeiten. Und die wird hier auch ein bisschen gelebt, und man versucht es immer noch so umzusetzen, obwohl die sozialen Verhältnisse des Landes ja manchmal einiges nicht so zulassen. Letzten Endes ist Oberhof doch ein Stück weiter weg von einer Landeshauptstadt, und hier hat sich doch noch einiges erhalten, vor allem sehr erfahrene Trainer sind hier geblieben und agieren noch sehr erfolgreich. Wird die Frage sein, wenn die mal weg sein werden, ob der Nachwuchs, der nachkommt, auch das leisten kann.”
Atmo Baggerfahren
Atmos schon unter vorherigen O-Ton blenden.
Autor
Irgendwo dröhnen in Oberhof immer die Bagger. Die Sportstadt im Thüringer Wald befindet sich in einem dauerhaften Modernisierungsprozess. Die Medaillenproduktion darf nicht stillstehen. Doch wie nachhaltig ist das System Oberhof? Sind Millionen-Investitionen sinnvoll, die in Sportarten wie Biathlon, Skispringen oder Bobfahren fließen? In Disziplinen, die mit Breitensport wenig gemein haben? Fragen, die in Oberhof nicht gern diskutiert werden, erst recht nicht vor Olympia. Stattdessen wird weiter gebaut: In diesem Jahr wird das Internat des Sportgymnasiums saniert. Die Schüler haben bald noch bessere Bedingungen auf ihrer Reise zum Olymp. Vorerst aber werden sie in Hotels untergebracht sein. Leistungssport und Tourismus helfen einander. Eine andere Wahl haben die Oberhofer ohnehin nicht. Ansonsten würde ihre Lebensversicherung in Gefahr geraten.
Musik
David Gray: January Rain (Lost Songs, 2000), Warner Music, LC 015557
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