Gestohlenes Meisterstück (Süddeutsche Zeitung, 30. Juli 2005)
Vor 25 Jahren wurden die DDR-Handballer Olympiasieger – ihr langjähriger Kapitän Böhme erlebte den Sieg als Bauernopfer zu Hause
ROSTOCK. Die Kneipe gibt es noch immer, sie trägt bloß einen anderen Namen. Wolfgang Böhme ist lange nicht dort gewesen, doch er erinnert sich genau an den 30. Juli 1980. Er saß im Szczecin, Stadtteil Lütten Klein, im Nordwesten Rostocks. Sein Kinn berührte den Tresen, er starrte auf den Fernseher – und weinte. Um ihn herum tanzten die Gäste auf den Tischen. Die Handballer der DDR hatten gerade Olympia-Gold gewonnen, tausende Kilometer weiter, im Sokolniki-Palast von Moskau, 23:22 nach Verlängerung gegen die übermächtige UdSSR. So traumhaft der Sieg für die DDR war, so albtraumhaft war er für Wolfgang Böhme. Er hatte nicht mitspielen dürfen, obwohl er lange Zeit der Kapitän dieses Teams war. An diesem Samstag jährt sich der größte Erfolg der gesamtdeutschen Handball-Historie zum 25. Mal – ebenso wie das gestohlene Meisterstück des Wolfgang Böhme, 55.
Aus heutiger Sicht erscheint seine Geschichte wie ein böses Märchen: Es war im Februar 1980, als Böhme nach Berlin zitiert wurde. Nach einem kurzen Gespräch wurde ihm mitgeteilt, dass seine Karriere beendet sei. Das Urteil hatte Manfred Ewald getroffen, der Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB). Ausreden? Keine Chance. Einspruch? Zwecklos. Von einer Minute zur nächsten gab es den Namen Böhme im Handball nicht mehr. „Das war ein Schock. Er hat unser Team geführt“, erinnert sich Olympiasieger und Ehrenspielführer Frank-Michael Wahl. Die DDR-Oberen, die stets stolz auf ihre sportlichen Werbeträger waren, beraubten sich selbst. Das ist so, als wäre Franz Beckenbauer vor dem WM-Sieg 1974 aus dem DFB-Team geschmissen worden – nur weil sich die Republikhüter um Willy Brandt davor fürchteten, dass er bald in New York spielen könnte.
In Wirklichkeit hatten der DTSB und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf ein Bauernopfer wie Böhme gewartet. Als sich zum dreißigsten Jahrestag der DDR bereits mehr als hundert Spitzensportler abgesetzt hatten, höhnte die Illustrierte Bunte: „Ihre Besten sind im Westen.“ Ein Signal sollte gesetzt werden, um den Flüchtlingsstrom der Athleten zu stoppen, der Leidtragende hieß Wolfgang Böhme. Zunächst warf ihm der DTSB Devisenvergehen vor. Er hatte bei Auslandsreisen munter in der Tabuzone eingekauft. Freunden und Verwandten besorgte er Uhren, Videorekorder und andere Seltenheiten. Das war verboten hinterm Stacheldraht, doch kaum jemand hielt sich an diese Regel. Zudem soll die Gefahr der Flucht bestanden haben. Böhme schildert, dass er Probleme mit seiner zweiten Ehefrau gehabt hatte, mit der ehemaligen Rodlerin Ute Rührold. In Briefen schrieb er ihr, er könne nach einem Länderspiel gleich im Westen bleiben. Die Schwiegermutter, berichtet er, erfuhr von den Harmoniestörungen. Sie fürchtete um das Wohl ihrer Tochter und meldete den Zwist dem Politbüro. Böhmes Talent als umsichtiger und wurfstarker Handballer war plötzlich nicht mehr gefragt.
An diesem Beispiel zeigt sich, wie kompromisslos die DDR-Führung selbst mit ihren Prestige-Produzenten umsprang. Neben Schwiegermüttern fahndeten in fast jedem Klub Stasi-Spitzel nach Aufmüpfigen in kurzen Hosen. Der Überwachungsstaat wurde bis ins Entmüdungsbecken ausgedehnt. Niemand durfte Schaden über das Kollektiv bringen, das war im Sport genauso wie in der Kultur. „Ich wollte nicht flüchten. Für meine Familie wäre das Leben zur Hölle geworden“, sagt Böhme. Angebote gab es zwar zur Genüge, unter anderem vom THW Kiel. Bei Europacupspielen wurden Spieler wie Böhme, Frank-Michael Wahl oder Wieland Schmidt zur Seite genommen. In schummrigen Ecken wurden ihnen unheimliche Summen zugeflüstert, schwach geworden ist keiner.
Böhmes Bruder hatte einen anderen Plan: Er heiratete eine Österreicherin und durfte über die Grenzen nach Wien, die Braut erhielt 35 000 D-Mark. Die Kosten für den Sprung aus dem Käfig erstattete der Lieblings-Onkel, später half er anderen Sportlern bei der Flucht. Wolfgang Böhme hatte es schwerer, seine Heimat wurde für ihn zum Exil. Während die früheren Kollegen nach dem Olympiasieg mit Ehrungen überhäuft wurden und mit Erich Honecker auf einer Couch sitzen durften, verkümmerte Böhme zur Staatsmarionette: Er wurde für drei Monate in die Armee eingezogen – mit 31 Jahren. Sein Sportlehrer-Diplom sollte ihm entzogen werden. In Rostock, bei seinem Heimatverein HC Empor, erhielt er Hallenverbot. Stattdessen musste er in der Provinz Talente trainieren. Auf der einen Seite diente Böhme der DDR-Führung als abschreckendes Beispiel, auf der anderen sollte er für die Jugend ein Vorbild sein.
Das Leben war umgekrempelt. Böhme flüchtete sich in Alkoholeskapaden und rettete sich von einem Aushilfsjob zum nächsten. Sein Heimtrainer Heinz Strauch musste ihn meiden, sonst hätte er selbst Probleme bekommen. Die Stasi duldete keine Gnade gegenüber Querdenkern: Fußball-Profi Lutz Eigendorf soll 1983, vier Jahre nach seiner Flucht aus der DDR, einem Mordanschlag der Stasi zum Opfer gefallen sein. Der Fußballtrainer Jörg Berger, ebenfalls ein Abtrünniger des Irrsinns und inzwischen Trainer des FC Hansa Rostock, wurde noch Jahre nach der Wende beschattet. Er spricht nicht gerne über die Vergangenheit im DDR-Korsett.
Wolfgang Böhme hat längst überwunden, dass ihm sein Meisterstück von ein paar Machtsüchtigen geraubt worden ist. 25 Jahre nach dem geklauten Olympiasieg von Moskau lebt er in der Nähe von Minden. Er ist dort als Sportlehrer tätig. Jedes Wochenende fährt er nach Basel, wo er ein Nachwuchsteam trainiert. Die lange Reise nimmt er gern in Kauf. Demnächst siedelt er ganz in die Schweiz über. Denn er hat seine Freiheit zu schätzen gelernt.










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