Die Gewalt im ostdeutschen Fussball ist kein reines Erbe der DDR (Neue Zürcher Zeitung, 21. Mai 2005)
Gut ein Jahr vor der WM sind viele kritische Augen auf den Austragungsort Deutschland gerichtet. Die Gewalt, auch in Schweizer Stadien (zuletzt am Cup-Final in Basel) eine unschöne Erscheinung, ist im Nachbarland gemäss einer Studie vor allem ein Problem des Ostens. Die Militanz der Fans ist kein Medienphänomen, wie Entscheidungsträger häufig behaupten. Dieser Beitrag versucht auf Gründe der Brutalität einzugehen.
BERLIN. Es war ein dumpfes Geräusch, das die Branche in Aufruhr versetzte. Am 1. April flog ein Feuerwerkskörper, Fabrikat «Horror-Knall», aus einem nahe gelegenen Waldgebiet in den Innenraum des Auer Erzgebirge-Stadions. Petrik Sander, der Trainer von Energie Cottbus, stürzte an der Seitenlinie des Spielfeldes zu Boden. Wenige Meter neben ihm war der Böller explodiert. Sander hielt sich die Hände vor das schmerzverzerrte Gesicht. Er rollte sich hin und her - wie ein Spieler, der gerade durch eine brutale Grätsche gestoppt wurde. Der Vorfall im Zweitligaspiel Aue gegen Cottbus lenkte die Aufmerksamkeit endgültig auf die fast vergessene Gewaltproblematik. Ob Fan-Ausschreitungen während des Länderspiels der Deutschen in Slowenien, am Mailänder Derby in der Champions League oder eben in der ostdeutschen Kleinstadt Aue: 13 Monate vor der WM und wenige Wochen vor dem Konföderationen-Cup ist die Sicherheit das Thema Nummer eins.
Im WM-Land Deutschland ist die Gewalt vor allem ein Problem des Ostens. Das belegt eine Studie des renommierten Fan-Forschers Gunter A. Pilz von der Universität Hannover. Und das belegen Zahlen. Sechsmal waren in dieser Zweitliga-Saison Anhänger der vier ostdeutschen Klubs Erzgebirge Aue, Dynamo Dresden, Energie Cottbus und Rot-Weiss Erfurt an Randalen beteiligt. Nur einmal, in der Partie Rot-Weiss Essen - Eintracht Frankfurt, waren es Fans aus den alten Bundesländern. «In Ostdeutschland hat sich eine jugendliche Subkultur gebildet. Die Leute sind geil auf Gewalt und machen alles, um auf die Titelblätter zu kommen», sagt Torsten Rudolph, Fan-Projektleiter von Dynamo Dresden, dem Klub, der die meisten gewaltbereiten Fans in Deutschland um sich schart, etwa 300 bis 500. Insgesamt, so schätzt die Polizei, gibt es in Deutschland 3000 Hooligans, also Fans der Kategorie C. Mehr als die Hälfte stammt aus den neuen Bundesländern. Hinzu kommen im Osten etwa 4000 Fans der Kategorie B, jene Gruppierung, die Gewalt in Kauf nimmt.
Wissenschafter, Verbandsfunktionäre und Politiker sprachen zuletzt immer wieder von einem Medienphänomen, einem Pauschalurteil und einem künstlichen Argument für den leidigen Ost-West-Konflikt. Doch diese Betrachtung ist zu einfach. Denn sie dokumentiert die Sorglosigkeit, mit der deutsche Entscheidungsträger den Krankheiten der Gesellschaft begegnen. Natürlich werden auch aus den alten Ländern Ausschreitungen gemeldet, aber nicht im gleichen Masse.
Die Gewalt im ostdeutschen Fussball ist nicht neu», sagt Hans-Georg Moldenhauer aus Magdeburg, der Vizepräsident des Deutschen Fussball-Bundes (DFB). Schon in den siebziger und achtziger Jahren wurde der Fussball im Osten als Plattform für Gewalt genutzt. Als besonders aggressiv galten die Anhänger der Traditionsvereine BFC Dynamo Berlin, Union Berlin oder Dynamo Dresden. Penibel hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) jeden Flaschenwurf und jede Beleidigung in den Akten festgehalten. Öffentlich wurden die Vergehen selten. Das MfS dehnte den Überwachungsstaat auf die Stadien aus, verbot den Medien die Berichterstattung über Randale und schönte die Zahl der Festnahmen. Moldenhauer musste 1990 sogar das Vereinigungs-Länderspiel BRD - DDR absagen - wegen angekündigter Ausschreitungen.
Doch die Gewalt im ostdeutschen Fussball ist kein reines Erbe der DDR. Es wäre oberflächlich, die graue Vorzeit als Fundament für den gegenwärtigen Missstand zu betrachten. Anfang der neunziger Jahre wuchs in den neuen Ländern die rechtsradikale Szene. Vornehmlich Jugendliche suchten sich ein Ventil, um ihren Frust über die Entwicklung sozialer Strukturen zu verarbeiten. Sie verloren sich im Wandel der Zeit. Diese Entwicklung ragt bis in die Gegenwart hinein. «Wo die Probleme heute am grössten sind, neigen Menschen leider schneller zu Gewalt», sagt Uwe Leonhardt, der Präsident des FC Erzgebirge Aue. Die Folge: Fans in Erfurt, Dresden oder Cottbus artikulieren ihren Frust über Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven unter dem Deckmantel des Massensports. Viele von ihnen lassen sich von Osteuropa inspirieren. Szenen wie in Aue sind in Polen an der Tagesordnung. Gegen die Militanz der Fans ist die Polizei oft machtlos.
In Deutschland ist das anders. Wenn am Sonntag der Match Dresden - Erfurt angepfiffen wird, werden mehrere hundert Polizisten für Ordnung sorgen. Eine wachsende Zahl von Beamten wird für den Fussball abgestellt. Allein der Ermittlungsgruppe «Hooligan» in Berlin, wo tausend gewaltbereite Fans registriert sind, gehören 23 szenenkundige Beamte an. «Wir haben in den letzten Jahren einen wichtigen Lernprozess durchgemacht», sagt Iris Tappendorf, die Leiterin der EG Hooligan: «Wir können jetzt besser reagieren.» Doch die Verschärfung der Sicherheitsmassnahmen birgt einen neuen Konflikt. Seit Stadien Sicherheitstrakten ähneln, wächst der Unmut der Ultras, die sich mit bengalischen Feuern und Choreografien gern in Szene setzen. Allein in Dresden wurden in dieser Saison 160 Stadionverbote ausgesprochen, in Deutschland waren es in den vergangenen zehn Jahren mehr als 2500. «Fans werden entweder als Kunden oder Problem wahrgenommen», sagt Matthias Bettag, der Sprecher von Baff, dem Bündnis aktiver Fussballfans, das sich für den Erhalt der Fan-Kultur einsetzt. Seiner Meinung nach werden langfristige Stadionverbote oft willkürlich verhängt. Folglich solidarisieren sich gemässigte Supporter und greifen zu radikalen Mitteln. Auch der Raketenwerfer von Aue, dem ein Stadionverbot auferlegt worden war, sah in seinem Wurf eine Form des Protests. In diesem Fall hatte die Strafe das Problem also nicht beseitigt, sondern nur aus dem Stadion ins Umfeld verlagert. So gelten die Ultras als gefährlicher als Hooligans, die sich zu ihren Schlägereien meist in der Abgeschiedenheit treffen.
Es ist fast unmöglich, der Gewalt im ostdeutschen Fussball Einhalt zu gebieten. Zumal sich der DFB, die Vereine und das Innenministerium mit einer fragwürdigen Prävention selber im Weg stehen. Ein einheitliches Konzept ist nicht zu erkennen. Klubfunktionäre fordern noch immer ein rigoroses Durchgreifen: «Wir müssen Exempel statuieren», sagt etwa Jochen Rudi, der Präsident von Dynamo Dresden. Er würde die Gewalttäter sogar zur Erziehung in Haft bringen. Dagegen plädieren Betreuer für einen moderaten Kurs. Torsten Rudolph, Dresdens Fan-Projektchef: «Wir müssen so früh wie möglich mit der Aufklärung beginnen, am besten schon in den Schulen.»
Das ist angesichts der leeren Kassen schwierig. Die Fan-Projekte in den neuen Bundesländern werden künstlich am Leben erhalten. Bei Dynamo Dresden arbeiten lediglich zwei hauptamtliche Mitarbeiter, der Etat von 80 000 Euro ist niedrig, liegt aber über dem anderer Ostklubs. Die Vereine bitten den Staat um mehr Hilfe, da sozialpädagogische Betreuung nahezu unmöglich geworden ist. Der Staat schiebt die Verantwortung zurück an die Vereine. Treffend illustriert wird das am Beispiel des Bundeslandes Sachsen. «Gegen Versäumnisse wie jahrelange unprofessionelle Fan-Betreuung ist der Staat machtlos», sagt Thomas de Maizière, Sachsens Innenminister. Allerdings ist der Freistaat eines von zwei Bundesländern, die sich nicht an der Drittel-Finanzierung beteiligen. Dieses Projekt des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit besagt, dass der DFB 30 000 Euro für ein Fan-Projekt in der zweiten Liga bereitstellt, wenn Kommune und Land jeweils den gleichen Beitrag leisten.
Es ist nicht zu erwarten, dass sich die Gewalt verflüchtigt. Im Gegenteil: Die wachsenden Probleme in der Gesellschaft und die ungenügende Betreuung geben Grund zur Sorge, dass sich das Problem nicht nur in Dresden, Cottbus und Erfurt manifestieren wird. Der DFB, die Vereine und das Innenministerium haben nun die undankbare Aufgabe, einen Ausweg zu finden. Sie haben nicht die Macht, aus soziokulturellen Problemzonen blühende Landschaften zu machen - und damit den Frust der Nach-Wende-Verlierer zu bändigen. Die Lösung liegt vielmehr zwischen weitsichtiger Prävention und überlegter Repression. Dabei hilft es nicht immer, die Keule zu schwingen. Ohne das Problem zu verharmlosen: Prävention bedeutet nicht, Fans zwei Tage vor einem Spiel ins Gefängnis zu stecken. Sondern sich in ihre Lage zu versetzen. Fans kritisieren, dass Würdenträgern in Verband und Staat die Perspektive aus ihrem Block fehlt. Ganz falsch liegen sie damit nicht.










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