Anders aber nicht besonders (WDR Sport Inside, 25. Januar 2010)
Zehnminütiger Fernsehbeitrag über Makkabi - die jüdische Sportbewegung
Autoren: Ronny Blaschke/ Jochen Leufgens
Das Sendemanuskript
Ein Hallen-Fußballturnier für Kinder wie viele an diesem Wochenende. Ausrichter: nicht Eintracht, sondern Makkabi Frankfurt. Auf der Brust kein Adler – sondern der Davidstern. 1500 Mitglieder hat der Verein, ist damit der größte seiner Art in Deutschland, Makkabi – das ist die jüdische Sportbewegung.
Offen allerdings für alle Religionen. Für die einen geht Makkabis Bedeutung damit über den Sport hinaus, für die anderen ist Makkabi irgendwie auch Makel.
Alon Meyer (Vorsitzender Makkabi Frankfurt und zweiter Vorsitzender Makkabi Deutschland):
“Wenn wir zu einem Spiel fahren, hören wir noch viel zu oft, da kommen die Juden. Zu oft ist es irgendwas besonderes, wenn man mit einem Davidstern aufläuft und als Nichtjude bei Makkabi spielt. Wir wollen den Leuten erklären, dass Makkabi ein normaler Verein ist, natürlich mit jüdischer Herkunft, und natürlich etwas anderes, aber etwas besonderes.”
Aber wenn Makkabi spielt, spielt man besonders. Das soll nicht mehr sein. Jugendturnier in Frankfurt, Kabine 37 Makkabi-Vereine existieren in Deutschland, insgesamt etwa 4000 Mitglieder. Viele von ihnen sind aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Die meisten – natürlich – spielen Fußball. Aber etwa auch das eher unolympische Bridge ist im Angebot. In einem sind sich die Sportarten einig: Freitags ruht der Betrieb. Sabbatruhe. Makkabi ist eben anders. Und zumindest die Geschichte des Vereins ist besonders.
1898 wird in Berlin Bar Kochba gegründet, der erste jüdische Sportverein der Welt. Später die Umbenennung in Makkabi - nach dem Freiheitskämpfer Judas Makkabäus. In ganz Europa entstehen ähnliche Vereine, als Reaktion auf die zunehmende Unterdrückung von Juden. Die prägen den Begriff des Muskeljuden, wollen Stärke demonstrieren. Makkabi wird bereits in den Anfängen politisch aufgeladen.
Er hat im Deutschen Sportmuseum in Köln an einer Ausstellung über den jüdischen Sport mitgewirkt: Historiker Robin Streppelhof. Er schildert die Makkabi-Bewegung als Versuch eines Gegenmittels. Gegen Jahrhunderte alte Klischees.
Robin Streppelhof (Sporthistoriker):
“Für das Judentum war es immer so, dass man eher nicht in physische Bereiche gekommen ist. Juden sind häufig in Bereiche hineingekommen, die eher geistiger Natur waren, weniger physischer Natur. Und das hängt auch mit der Studie der Tora zusammen, dagegen hat man sich aufgelehnt, unter anderem mit der Makkabi-Bewegung.”
Nazizeit Theresienstadt Das Dritte Reich. Das Ende von Makkabi. Der Arierparagraph verpflichtet alle Vereine, jüdische Mitglieder auszuschließen. 1938 werden Sportaktivitäten für Juden verboten, Makkabi aufgelöst. Eine sportliche Aufgabe haben die Juden noch: Im KZ Theresienstadt führt Hitler ein perfides Fußballspiel zwischen Wärtern und Juden auf, um die Weltöffentlichkeit ruhig zu stellen. Wenige Tage später werden die meisten der jüdischen Spieler und Zuschauer in Auschwitz ermordet.
Makkabi gründet sich in Deutschland erst 1964 wieder. Der deutsche Sport hat seine unrühmliche Vergangenheit lange verdrängt. Dieter Graumann ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden. Lange hatte er mehr Geschichtsbewusstsein im Sport gefordert, lange vergeblich.
Dieter Graumann (Vizepräsident Zentralrat der Juden, ehemaliger Präsident von Makkabi Frankfurt):
“Das erste Gespräch, dass ich mit einem hochrangigen Fußballfunktionär geführt habe ist so verlaufen, dass er sagte: Mit Euch hat man immer nur Ärger. Das war eine Täter-Opfer-Umkehr im klassischen Sinne. Herr Zwanziger, der damals Schatzmeister des DFB war, hat sich in die Gespräche eingeschaltet, das hätte er gar nicht tun brauchen, und hat eine große Sensibilität bei diesem Thema entwickelt.”
Rote Karte gegen Rassismus Der Fremdenfeindlichkeit keine Chance – der Sport will heute endlich die Lehren der Vergangenheit für die Zukunft gezogen haben. An diesem Mittwoch jährt sich die Befreiung von Auschwitz zum 65. Mal. In den deutschen Stadien soll daran am Wochenende erinnert werden. Prävention mit Hilfe der Geschichte.
Theo Zwanziger (DFB-Präsident):
“Für mich war es wichtig, dass junge Leute, die einmal Führungsspieler sein werden, Israel besuchen, sich dort sportlich betätigen, aber auch Yad Vashem sehen und Jerusalem, um, wenn sie nach Hause kommen, ein Stück nachdenklicher zu sein, als wenn sie es bei einem Besuch von England oder Frankreich wären.”
Auch bei Makkabi Frankfurt hören sie die Ansprüche, die der DFB an sich selbst stellt. Wohlwollend. Aber Jugendtrainer Alex Wasserstein weiß auch, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine erhebliche Lücke klafft. Vor allem abseits der Fernsehkameras.
Alex Wasserstein (Jugendtrainer Makkabi Frankfurt):
“Die Bemühungen des DFB greifen in der ersten, zweiten und dritten Liga sicherlich, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass gerade im Amateurfußball die Maßnahmen des DFB nicht zum Tragen kommen.”
Alon Meyer (Vorsitzender Makkabi Frankfurt und zweiter Vorsitzender Makkabi Deutschland):
“Deutschland Antisemitismus erfahren wir leider heute immer noch. Wenn es früher, als ich noch Jugendlicher war die Gewaltbereitschaft aus der rechten Szene kam, hat sie sich verschoben in die Szene des muslimischen Raums.”
Immer häufiger wird der Sport zur Bühne des Nahost-Konfliktes. Nur ein Beispiel: Die israelische Basketballmannschaft Bnei Hasharon wird im vergangenen Jahr in Ankara angegriffen. Muslime protestieren gegen die Politik Israels. Als Projektionsfläche wählen sie den Sport. Das Spiel endet, bevor es richtig begonnen hat.
Auch das größte jüdische Sportfest, die Makkabiade, wird immer wieder zum Spielball der Politik. Der antijüdischen – aber auch der israelischen selbst. Mehrfach wurden die Spiele von palästinensischen Anschlägen und Drohungen überschattet. Bei einem Anschlag während der vorletzten Makkabiade starben drei Menschen.
Dabei soll die alle vier Jahre stattfindende Makkabiade eigentlich Frieden und Zusammenkunft sein: Bededeutung und Symbolik sind nicht zufällig an die Olympischen Spiele angelehnt. Zugelassen sind ausschließlich Sportler jüdischen Glaubens. Im vergangenen Jahr nahmen 7000 Athleten teil, aus 65 Ländern, darunter 200 aus Deutschland.
Die Makkabiade bewegt sich sportlich zwischen Breiten- und Spitzensport. Und manchmal bringt sie sogar bekannte Gesichter hervor. Wie das amerikanische Schwimm-Idol Mark Spitz. Oder einen Jungen namens Heinrich Alfred, später besser bekannt als Henry Kissinger. Nur eines ist die Makkabiade nicht: unpolitisch.
Robin Streppelhof (Sporthistoriker):
“Auf der Makkabiade wird ja auch meistens zur Aliah aufgerufen, also zum Aufstieg der Juden, die in der Diaspora leben, um nach Israel zu kommen. Viele Juden kommen ja zum ersten Mal zur Makkabiade nach Israel, und versuchen dort, die Kultur besser kennenzulernen. Insofern wird natürlich ganz klar eine politische Botschaft ausgesendet. Wie die gesamte Makkabiade ein politisches Zeichen sein soll. Zeigen soll, dass Israel stark ist.”
Die Makkabi-Vereine in Deutschland sind anders als die Makkabiade für alle Religionen offen. Auch deshalb müssen sich ihre Mitglieder immer wieder eine Frage stellen lassen: Muss es Makkabi, muss es den jüdischen Oberbegriff, heute im Sport überhaupt noch geben?
Thomas Bach (DOSB-Präsident):
“Die gleichen Fragen muss man sich stellen auch bei ethnischen Vereinen. Und auch hier kann ich nur aufrufen, wenn sich solche Vereine gründen, sei es auf ethnischer oder religiöser Basis, dass sie sich dann öffnen, und ihrer Verantwortung gerecht werden, und sie sich nicht abschließen und so nicht zur Abschottung oder gar Ghettoisierung beitragen.”
Dieter Graumann (Vizepräsident Zentralrat der Juden, ehemaliger Präsident von Makkabi Frankfurt):
“Im Verein kommt alles zusammen, uns sind jüdische und nichtjüdische Sportler willkommen, aber der Charakter eines jüdischen Vereins sollte schon erhalten bleiben. Denn sonst hätte es natürlich keinen Sinn mehr, sonst wäre es eine Wischiwaschi-Sache. Wir müssen auch mit unseren Mitteln versuchen, die Identität zu schaffen, zu festigen und dafür zu sorgen, dass die jüdische Flamme in die Köpfe und Herzen der Jugendlichen hineingetragen wird. Dafür ist der Sport ein gutes Instrument.”
Makkabi – eine Sportbewegung, die integriert – aber auch instrumentalisiert. Und instrumentalisiert wird. Und die damit nicht nur anders ist - sondern eben doch besonders.










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