Im Schatten des Spiels

Inhalt

Im Schatten des Spiels

Einleitung

1. Sehnsucht nach Schmerz

Toni Meyer verbrachte sein erstes Leben als brutaler Hooligan – in seinem zweiten sorgt er dafür, dass Jugendliche nicht den gleichen Weg gehen.

2. Im Osten nichts Neues

In den Stadien der neuen Länder haben sich dunkle Abenteuerspielplätze gebildet, doch die Gewalt ist kein reines Erbe der DDR.

3. Erholung mit Begleitschutz

Heinrich Schneider ist Schiedsrichter in der Kreisliga A. Manchmal ist er froh, wenn er unversehrt das Spielfeld verlässt – doch aufgeben will er nicht.

4. Feuerwehr auf dem Drahtseil

Seit 25 Jahren bewegt sich die präventive Fanarbeit in Deutschland zwischen Rechtfertigungsdruck und Existenzkampf. Eine Bestandsaufnahme.

5. Balltanz in der Festung

Die Sicherheitsstandards in den modernen Arenen haben dafür gesorgt, dass die Gewalt zumindest in der Bundesliga kein großes Thema mehr ist. Ein Rundgang durch das Berliner Olympiastadion.

6. „Die Polizei wird von den Klubs über den Tisch gezogen“

Ein szenekundiger Beamter über Korruption in der Polizei, Tricks der Vereine und Wandlungen in der Hooligan-Szene.

7. System der Leidenschaft

Die Ultras unterstützen ihre Vereine bedingungslos. Doch ihre Beziehung zur Polizei ist stark belastet. Führt dieses Reizklima zu einer neuen Gewaltwelle?

8. Wo die Mitte rechts ist

Der Rassismus im Fußball verdeutlicht die Fremdenfeindlichkeit einer ganzen Gesellschaft, er hat seine Lautstärke verloren und bedient sich einer subtilen Symbolik.

9. Das Ende der Peinlichkeiten

Die offensive Antirassismus-Politik des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger offenbart die großen Versäumnisse seiner Vorgänger.

10 .Er will doch nur spielen

Beschimpft, bespuckt, geschlagen: Wie der Nigerianer Adebowale Ogungbure zu einer Symbolfigur im Kampf gegen Rassismus wurde.

11. „Wir haben uns gefühlt wie die Affen im Zoo“

Der jüdische Funktionär Tuvia Schlesinger und der türkische Spieler Fatih Aslan über Fremdenfeindlichkeit in der Tiefebene des Fußballs.

12. Denn sie wissen nicht, was sie brüllen

Der Antisemitismus im deutschen Fußball ist fast hundert Jahre alt – mittlerweile kommt er weitgehend ohne jüdische Spieler aus.

13. „Fußball ist alles – auch schwul“

Die ehemalige Fußballerin Tanja Walther engagiert sich gegen Homophobie im Fußball. Sie gibt Einblick in eines der letzten großen Tabus.

14. „Im Fußball liegt eine zerstörerische Kraft“

Der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer über innere Zwänge, seltsame Süchte und die letzten Reservate der Männlichkeit.

15.Das garstige Kind wird erwachsen

Die englischen Hooligans, einst gefürchtet in ganz Europa, sind von Politik und Vereinen zurückgedrängt worden – übrig geblieben ist nur der schlechte Ruf.

16. Ultra rechts

Die faschistischen Fans in Italien haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass der Calcio in eine bedrohliche Krise gestürzt ist.

17. „Wir müssen immer Angst um unsere Jobs haben“

Die Fanarbeiter Illya Jongeneel und Martijn Pelle über kreative Hooligans, vererbte Rivalitäten und Existenzängste im holländischen Fußball.

18. Angst-Gegner

In Polen gibt es die meisten Hooligans in Europa – die Stadien dienen als Treffpunkte für Waffenschmuggler, Drogendealer und Neonazis.

19. Rivalität ohne Blaulicht

Der Sportkonsum in den USA ist eine Angelegenheit der Mittelschicht, Gewalt in den Stadien gibt es so gut wie nie.

20. Die Paten der Pralinenschachtel

Korruption, Drogen und Gewalt: Der Hang zur organisierten Bandenkriminalität unterscheidet die argentinischen Barrabravas von den europäischen Hooligans.

21. Chronologie der Gewalt

Einleitung

Mit einer Reklametafel prügelten sie auf ihn ein, später mit seinem eigenen Gewehraufsatz. Der französische Gendarm Daniel Nivel lag bewusstlos am Boden, das Blut war auf dem Asphalt verteilt. Doch die deutschen Schläger wollten nicht von ihm lassen. Bis sein Gesicht zertrümmert und sein Schädel gebrochen war. Diese Bilder aus Lens während der Fußball-WM 1998 in Frankreich gingen um die Welt. Daniel Nivel lag wochenlang im Koma, er wird nie wieder sein altes Leben führen können. Seine Peiniger wurden zu Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren verurteilt. Die meisten von ihnen sind längst wieder frei, einer wurde schon wieder bei einer Prügelei in Brandenburg erwischt. Daniel Nivel wurde am 21. Juni 1998 zu einer Symbolfigur. In Deutschland setzten Hysterie und Panik ein. Wieder prägte eine Frage die öffentliche Diskussion: Hat der Anschlag auf Nivel die Renaissance des Hooliganismus eingeleitet? Und würde die Gewalt nun in die Stadien zurückkehren?

Beide Fragen deuteten auf Aktionismus und Kurzsichtigkeit hin. Wie so oft nach vergleichbaren Tragödien. Dabei ist die Gewalt im Fußball eine Konstante, nur ihre Form hat sich gewandelt: Der in die Jahre gekommene Hooligan, der sich verwegen gab, als unpolitisch bezeichnete und eine Sucht nach Schmerz verspürte, dominierte in Deutschland die achtziger und frühen neunziger Jahre. Er hatte sich gelöst von den Fankurven, legte Schal und Kutte in den Schrank. Er kleidete sich kostspielig, betrachtete sich als Teil der Elite. Toni Meyer, ein ehemaliger Hooligan aus München, wird in diesem Buch davon berichten.

An jenem Sommertag in Lens wurde das Ende einer schwarzen Ära eingeleitet: Der Hooligan hatte seine eigenen Grenzen gesprengt, er schlug einen unbeteiligten Polizisten zum Krüppel, dabei wollte er seine Kräfte stets nur unter seinesgleichen messen. Der ohrenbetäubende Aufschrei in den deutschen Medien gab ihm zu denken. Er wollte seine Zukunft nicht mehr aufs Spiel setzen für ein bisschen Adrenalin.

Der klassische Hooliganismus trat in einen Auflösungsprozess, das ist in England, dem Ursprungsland, oder in Holland nicht anders. Auch dort hatten erst Katastrophen einen Bewusstseinswandel auslösen können. In England waren es die todbringenden Randale von Liverpooler Fans im Heysel-Stadion von Brüssel 1985 und die Massenpanik von Sheffield 1989, die 96 Menschen das Leben kostete, in Holland war es der Mord an Carlo Picornie 1997, einem führenden Hooligan von Ajax Amsterdam. Es scheint, als müsse erst die Welt vor dem Untergang stehen, damit eine Subkultur ihre Gefahren entdeckt und eine Gesellschaft Maßnahmen ergreift. Beispiele dafür gibt es viele.

Die Gewalt ist nicht verschwunden. Die letzten Nostalgiker flüchten vor dem Licht der Öffentlichkeit. Sie prügeln sich im Verborgenen. Auf Wiesen, Parkplätzen oder Industrieanlagen. Sie sind mehr zu Kampfsportlern als Hooligans geworden. Die großen Stadien haben sie aufgegeben, die kleinen nicht ganz. Vor allem im Osten Deutschlands, in Dresden oder Leipzig, kämpft ein neuer Schläger-Typus um Aufmerksamkeit. Er kommt aus einem schwierigen sozialen Umfeld, schon in jungen Jahren fehlt ihm die Perspektive. Der Frust ist groß und so ist er empfänglich für die Lockrufe von rechts. Die ostdeutschen Amateurligen verdeutlichen die Fremdenfeindlichkeit der Gesellschaft wie unter einem Brennglas. Sie wird in der anonymen Masse offener ausgelebt. Die Grenze zwischen Hooligan und Rassist ist fließend. Daher ist die Form der Gewalt schwer zu greifen. Zumal Rassisten subtil auftreten. Sie marschieren nicht mehr in Springerstiefeln und Reichkriegsflagge auf und ab, sie wählen Codierungen und streuen ihre Propaganda verdeckt. Auch in den Stadien. Eine neue Dimension? Für eine Antwort ist es noch zu früh.

Der Öffentlichkeit ist das nicht genug. Nach der rosaroten WM 2006, bei der es kaum Zwischenfälle gegeben hatte, wird jeder Krawall und jede rassistische Parole als neue Stufe der Eskalation oder als Wiederauferstehung des Hooliganismus interpretiert. Komplexe Hintergründe werden vermengt und unsinnige Vergleiche gezogen. Die Fanarbeit, die lange von Politikern und Funktionären vernachlässigt wurde und sich nun langsam positiv entwickelt, gerät immer wieder unter Rechtfertigungsdruck. Es entsteht der Eindruck, als wäre die Gewalt im Fußball eine Mode, die Jahr für Jahr aufs Neue aufgeregt diskutiert werden müsste. Langfristige und vernünftige Konzeptvorschläge gehen in dieser Wolke des Populismus verloren. Auch das lässt sich nicht nur in Deutschland beobachten. Der italienische Fußball, der durch Gewalt und Korruption wie in einer Zwangsjacke gefangen ist, gilt als Paradebeispiel. Faschistische Ultras beherrschen seit Jahren die Kurven des Calcio.

Auch in Deutschland hat sich die Ultra-Bewegung ausgebreitet, allerdings unterscheidet sie sich enorm von ihrem italienischen Vorbild. Die Mehrheit der deutschen Ultras distanziert sich von Gewalt und politischen Hintergründen. Stattdessen predigen sie ihr obersten Ziel: Die bedingungslose Unterstützung ihres Vereins. Durch Gesänge, Choreographien und bengalische Feuer. Ihre Beziehung zu Sicherheitskräften und DFB aber ist stark belastet. Ultras reagieren sehr sensibel auf Einschränkungen. Daher wirft die Ultra-Bewegung die meisten Fragen auf. Kann dieses Reizklima zu einer neuen Gewaltwelle führen? Schließlich nehmen manche Ultras Gewalt in Kauf, um ihre Ziele zu erreichen. Kann dieses Mittel zum Zweck wie bei den Hooligans zum Selbstzweck werden? Zu purer Lust?

Dieses Buch soll keine Reportage aus dem Untergrund rechtsradikaler Schlägergruppen sein, es verzichtet auf die Dokumentation der reinen Gewaltorgien und soll aktiven Hooligans und Rassisten nicht als Mitteilungsforum dienen. Vielmehr beleuchtet es die Entwicklung in Deutschland seit dem Anschlag auf Daniel Nivel. Schildert aber auch die Szene der Hooligans in England, Italien und Polen, und es wagt einen Vergleich mit Südamerika. Welche Rituale, Motive und Ursachen liegen den Fankulturen zu Grunde? Welche Rolle spielt das soziale Milieu? Wie groß ist der Einfluss aus Wirtschaft, Politik und Geschichte? Dieses Buch legt Wert auf die Verflechtungen zwischen den Gewaltphänomenen im Fußball und den Krankheiten der Gesellschaft. Es lässt Fans, Aktivisten, Sozialarbeiter, Wissenschaftler, Funktionäre, Politiker und Polizisten zu Wort kommen – und es nimmt die Perspektive der Opfer an. Zugleich prüft es Gegenstrategien von Fanprojekten und Ordnungskräften. Und es setzt es sich mit Versäumnissen von Politikern und Funktionären auseinander – davon hat mehr als genug gegeben.

Rezensionen

„Fundierter ist das Gewaltproblem im Fußball noch nicht aufgearbeitet worden.“

Stuttgarter Zeitung

„Für Fußballbeobachter ein Muss, gar ein vorläufiges Standardwerk.“

Rund

„Eine umfassende Bestandsaufnahme: nüchtern, gewissenhaft, ohne Scheuklappen, oft erschütternd, immer erhellend.“

Frankfurter Rundschau

„Eine lesenswerte, weil authentische Bestandsaufnahme der Fankultur und vor allem der –unkultur. Blaschkes Buch ist ein weiterer Schritt zur Festigung des Bewusstseins für das Gewaltpotenzial im Umfeld der Fußballstadien.“

Das Parlament

„Umfassende, gut recherchierte Abhandlung des schwierigen Themas.“

11 Freunde

„Eine ebenso gewissenhafte wie vorurteilsfreie Recherche über Rassismus und Randale im Fußball.“

Deutsche Akademie für Fußballkultur