Die Kosten der Anderen

Sicherheitsdebatte Kommentar schreiben

Seit Jahren diskutieren Polizisten, Politiker und Funktionäre, ob der Fußball für die Sicherheitskosten der Beamten zahlen soll. Zu hoch seien die Anforderungen inzwischen, heißt es, die Polizei stoße an ihre Kapazitätsgrenze. Diese Debatte, die vor allem durch die Deutsche Polizeigewerkschaft befeuert wird, führt zu der Leitfrage: Darf Sicherheit käuflich sein? Der DFB verweist auf seine Steuerabgaben in Millionenhöhe. Eine einvernehmliche Lösung ist nicht ins Sicht.

BERLIN. Rainer Wendt hat sich nicht sonderlich beliebt gemacht. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) hat kürzlich in Sport Bild von den Fußballvereinen Millionen für Sicherheitsdienste gefordert, sollten private Investoren die Mehrheit der Klubs übernehmen dürfen. Eine Pauschalgebühr von 50 Millionen Euro empfindet Wendt als angemessen. Die jährlichen Personalkosten der Polizei für Fußballspiele beziffert er auf 100 Millionen Euro. Wendt setzte DFB und DFL abermals unter Druck: „Wenn die Polizei wegen Personalmangels die Sicherheit nicht mehr gewährleisten kann, wird es zu einem Verbot von Bundesliga-Spielen kommen. Einen G8-Gipfel können wir nicht ausfallen lassen, als erstes fällt der Fußball aus.“

In den Verbandszentralen sorgen diese Diskussion seit langem für Unverständnis: „Diese Forderung ist höchst polemisch. Es ist die ureigenste Aufgabe der Polizei, für Sicherheit zu sorgen“, sagt Rainer Koch, Vizepräsident des DFB. Er verweist wie üblich auf die Steuern in Höhe von 65 Millionen Euro, die sein Verband allein zwischen 2005 und 2007 bezahlt haben soll. Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) distanziert sich von den Äußerungen ihrer Konkurrenzgewerkschaft DPolG. „Wie weit soll das führen?“, fragt Konrad Freiberg, Vorsitzender der GdP. „Sollen Kernkraftwerke für die Sicherheit bei Atommülltransporten aufkommen? Soll die Kirche die Sicherheit beim Papst-Besuch bezahlen?“

Eine Frage durchzieht die Diskussion: Darf Sicherheit käuflich sein? Freiberg hatte sich im vergangenen November mit DFB-Präsident Theo Zwanziger getroffen, um ein differenziertes Modell auf den Weg zu bringen. In den Bundesligastadien sind Hundertschaften von Ordnern privater Sicherheitsdienste tätig, die Polizei ist hauptsächlich für das Stadionumfeld verantwortlich. Durch den hohen Sicherheitsstandard in den WM-Arenen ist die Gewalt in die unteren Ligen verdrängt worden, ab der dritten Profiliga abwärts. An manchen Spieltagen dürfte zum Beispiel in Sachsen nicht viel passieren, ansonsten stünde die Polizei vor kaum lösbaren Problemen, schließlich soll die Zahl der Vollzugsbeamten seit dem Jahr 2000 bundesweit um rund 10 000 Stellen gesunken sein. Auswege gibt es kaum.

„Die Alternative wären Spielabsagen”, sagt Konrad Freiberg. Im Mai 2008 hatte die Polizei erstmals einem Verein, dem 1. FC Union Berlin, vor seinem Heimspiel gegen Dynamo Dresden untersagt, Tickets an Gästefans zu verkaufen; ähnliche Zustände herrschen nur in Italien. Vereine und Verbände reagierten zornig, der DFB musste als Vermittler einspringen, letztlich durften die Dresdner gegen Vorlage ihrer Ausweise doch ins Stadion. Dagegen musste ein Testspiel zwischen Kaiserslautern und Karlsruhe in der vergangenen Woche unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden, zu groß waren die Sicherheitsbedenken gewesen.

Freiberg hatte unlängst auch die Möglichkeiten eines sogenannten Solidarfonds ansprechen. Können reiche Vereine den kleinen Klubs in Fragen von Prävention und Repression helfen? Sind der FC Bayern oder Werder Bremen tatsächlich bereit, Vereine wie Dynamo Dresden oder den Halleschen FC indirekt zu unterstützen? Und wenn ja, wie soll das Modell aussehen? Schließlich setzen sich Hooligangruppen nicht immer nur aus dem Umfeld eines Klubs zusammen. Diese Fragen offenbaren wieder einmal massive Kommunikationsstörungen, in einer Debatte, die seit 20 Jahren schwelt und in der die Beteiligten nicht viel dazugelernt zu haben scheinen. Gewerkschafter, Politiker und Funktionäre profilieren sich auf Kosten der anderen, ein Sicherheitskonzept, das alle Seiten zufrieden stellt, existiert trotz Verbesserungen noch immer nicht.

Erst im vergangenen Frühjahr lockerte der DFB seine Stadionverbotsrichtlinien und verkürzte die Höchststrafe von fünf auf drei Jahre. Seither fordern Politiker eine Rücknahme. „Das ist das falsche Zeichen an die Chaoten“, sagte Lorenz Caffier, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern und derzeit Vorsitzender der Sportministerkonferenz. „Der DFB muss noch mal in sich gehen.“ Der DFB sieht das anders. Jahrelang hatten Fans die Vergabe der Verbote kritisiert und ein schlichtes Anhörungsrecht gefordert. Warum haben die Innenminister nicht vor der Verabschiedung ihr Veto eingelegt? Warum werben sie nicht mit dem gleichen Einsatz für sozialpräventive Fanprojekte? Sind Vorbeugemaßnahmen nicht öffentlichkeitswirksam genug? Länder und Kommunen investieren in diesem Jahr 2,3 Millionen Euro in Jugendarbeit mit Fans, einige Innenministerien wie das von Sachsen stellten sich lange quer. Würde diese Unterstützung für die künftigen Meinungsführer der Fankurven steigen, würden auch die Polizeikosten sinken, nicht heute, aber in fünf oder zehn Jahren.

1 Kommentar zu “Die Kosten der Anderen”

  1. Andersrum Rut-Wiess » Blog Archive » Sicherheit im Stadion sagt:

    […] Mal was anderes: Wer soll für die Sicherheit beim Fußball zahlen? […]

Ihr Kommentar

WP Theme & Icons by N.Design Studio. Header image © Konstantin Gastmann / PIXELIO.
Berlin Makeup Artist Artikel RSS Anmelden