Am 15. Oktober erscheint mein neues Buch: “Versteckspieler - Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban” (Verlag Die Werkstatt). Urban galt bei Rot-Weiß Erfurt als eines der größten Talente des ostdeutschen Fußballs. Weil er um seine Zukunft als Fußballer fürchtete, verschwieg er seine Homosexualität. Auf 144 Seiten wird die seelische Zerrissenheit beschrieben, aus der er sich erst spät befreite. Urban will dazu beitragen, dass eines der letzten Tabus im Fußball fällt. Neben der Biografie thematisiert das Buch verschiedene Facetten der Homosexualität im Fußball. Zur Einführung gibt es an dieser Stelle vorab den Prolog des Buches.
Prolog
Die Lange Reihe in St. Georg, nahe des Hamburger Hauptbahnhofes gelegen, ist nicht mehr die Schmuddelstraße, die sie einmal war. Die Mietpreise steigen, Imbissbuden und Gemüseläden weichen, Restaurants, Künstler und Friseure siedeln sich an. St. Georg ist ein angesagter Kiez geworden, in dem sich auch Marcus Urban wohl fühlt. Er sitzt im Café Gnosa, auf halber Höhe der Langen Reihe, einem beliebten Treffpunkt für Lesben und Schwule. Die Wände sind in einem warmen Farbton gehalten, Sessel und Stühle erinnern an die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Marcus trägt ein dunkelbraunes Hemd unter einem schwarzen Sakko, als wolle er zu einem wichtigen Geschäftstermin aufbrechen. Aber er wird bleiben und über sein Leben erzählen. Das Leben eines Versteckspielers.
Marcus Urban ist homosexuell, er war Leistungssportler, Anfang der Neunziger stand er bei Rot-Weiß Erfurt an der Schwelle zur zweiten Fußball-Bundesliga. Trainer hatten ihm eine große Laufbahn vorausgesagt. Marcus verausgabte sich, um seine Neigung zu verharmlosen, zu leugnen, zu unterdrücken. Er dachte, er sei krank, der Einzige, der ausscherte. Marcus Schneider, wie er damals hieß, als er noch den Nachnam
en seines Stiefvaters trug, besuchte die Kinder- und Jugendsportschule, die KJS, in der die DDR ihre Talente zu Staatsbotschaftern aufbauen wollte. Sieben Jahre ging er auf die Sportschule, in der Fußball alles beherrschte. In einem System, das auf Kontrolle fußte, musste er sich am meisten kontrollieren. Aus Angst vor der Enttarnung, aus Furcht vor dem Rausschmiss.
Zwanzig Jahre später kann er gelassen über dieses Kapitel sprechen. Marcus hat ein schmales Gesicht und kurz geschorene Haare, seine O-Beine verraten ihn als Kicker. Er ist zu einem Botschafter geworden, will Sensibilität für ein Thema schaffen, dem bislang die Gesichter fehlen. Homosexualität im Profifußball ist kaum erforscht, weil kein schwuler Spieler an einer Studie teilnehmen möchte. Dass es sie auch in der Bundesliga geben muss, ist unbestritten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass zwischen fünf und zehn Prozent der deutschen Männer homosexuell sind. In den oberen Spielklassen dürfte dieser Anteil geringer sein, weil viele Spieler dem Druck schon in den Nachwuchsteams nicht standhalten können. Für sie war und ist der Fußball eine Bastion der Männlichkeit, in der kein Platz für Alternativen bleibt. Handelt es sich tatsächlich um eines der letzten großen Tabus?
Die Liste der dummen, ignoranten, diskriminierenden Zitate von prominenten Spielern, Trainern und Funktionären ist lang, sie sollen in diesem Buch keine Plattform finden. Zuletzt hatte der Trainer Christoph Daum in einer Fernsehdokumentation im Mai 2008 Schwule in Verbindung mit Kinderschändern gebracht. Die Aufregung war groß, eine akzeptable Entschuldigung blieb lange aus. Marcus Urban kann über solche geistigen Tiefflüge nur lachen, er hatte in seinem Leben ganz andere Sorgen. Seine Biographie soll nun helfen, ein wenig Licht in das schwarze Loch zu werfen. Die Geschichte ist nicht repräsentativ für die Probleme schwuler Fußballer. Marcus hat eine traumatische Kindheit hinter sich, die Folgen erhöhten den Druck zusätzlich. Aber welche Geschichte ist schon repräsentativ? Jeder Spieler hat seinen eigenen Charakter, seine Nöte, seine Last.
In den vielen Interviews, die für das Schreiben dieses Buches erforderlich waren, im Gnosa, in seiner Wohnung in Barmbek oder an seiner Arbeitsstelle, stockte Marcus mehrfach der Atem. Er hatte Tränen in den Augen, dann brauchte er eine Pause, hin und wieder fing er an zu Lachen oder starrte grinsend und verträumt auf einen Punkt. Manchmal merkte er erst nach neunzig Minuten, dass vor ihm ein Wasserglas stand, das er noch nicht angerührt hatte. Zu den Treffen erschien er nicht einmal zu spät, seine Unterlagen waren geordnet, wichtige Gedanken notierte er sich sofort. Es geht um seine Geschichte, seine Erinnerungen, die er loswerden und zugleich verarbeiten möchte. Diese Biografie soll nicht nur ratlosen Spielern als möglicher Leitfaden dienen – sie soll ihm selbst helfen.
Auch die Massenmedien haben Homosexualität im Fußball als ein Thema entdeckt, mit dem sich Auflage und Quote erzielen lässt. Immer wieder wird der Gegensatz zu Politik und Kultur herausgestellt. Der Fußball verblasse als ein archaisches Feld der Ewiggestrigen, so der weit verbreitete Eindruck. Doch ist der Unterschied wirklich so groß? Ist die Politik im Allgemeinen tolerant, weil sich in Klaus Wowereit, dem Regierenden Bürgermeister Berlins, in Ole von Beust, dem Ersten Bürgermeister Hamburgs, oder in Guido Westerwelle, dem Vorsitzenden der FDP, drei bundesweit bekannte Politiker als schwul bekennen? Sind Kunst, Kultur und Unterhaltung frei von Vorurteilen, weil Anne Will, Hella von Sinnen, Dirk Bach, Thomas Herrmanns oder Georg Uecker
kein Geheimnis aus ihrer Homosexualität machen? Ist das Verhältnis so einfach zwischen Fußball und dem Rest der Gese llschaft, zwischen Schwarz und Weiß?
Natürlich nicht. Nur wenige Outings waren freiwillig, oft blieben den Prominenten keine andere Wahl angesichts der Gerüchte und des öffentlichen Drucks. In der Unterhaltungsbranche sind kaum Charakterschauspieler oder politische Kabarettisten als homosexuell bekannt. „Die Gesellschaft ist nicht per se liberaler geworden dadurch, dass die Herren von Beust, Westerwelle oder Wowereit als schwul bekannt sind“, sagte Klaus Wowereit der Wochenzeitung Die Zeit. „Die Probleme des einzelnen Homosexuellen sind damit nicht leichter geworden.“
Auch Wowereit oder Westerwelle müssen sich gelegentlich schwulenfeindliche Witze anhören, nicht immer haben sie es einfach in ihren Parteien. Homosexualität wird allenfalls geduldet, als Normalität wird sie noch lange nicht angesehen. Der Fußball ist in diesem Zusammenhang keine Insel des Bösen. Auf den Tribünen und auf dem Spielfeld treten Homophobie, Klischees und Ressentiments einer ganzen Gesellschaft verschärft auf. Viele Studien belegen, dass die Ausgrenzung zwar zurückgeht, aber noch lange nicht der Vergangenheit angehört. So soll die Selbstmordrate bei homosexuellen Jugendlichen viermal so hoch sein wie bei heterosexuellen.
Marcus Urban wird von Journalisten oft gefragt, ob er schwule Bundesligaspieler kennt, oder sogar Nationalspieler. Diese Annäherung zeigt, dass es vielen Medien nicht um Aufklärung und Bewusstseinsbildung geht, sondern um Voyeurismus und Schlagzeilen. Manche Boulevardreporter haben Spielern schon Geld für ein Outing angeboten, andere halten entlarvende Fotos zurück, im Gegenzug fordern sie von den Betroffenen exklusive Informationen. Das Thema ist jedoch nicht von weltbekannten Namen abhängig, Personenkult würde die Inhalte nur überdecken.
Neben einer ergreifenden Lebensgeschichte soll dieses Buch in Zwischenkapiteln weitere Einblicke bieten. Es soll verdeutlichen, warum das Wort „schwul“ schon in Jugendmannschaften zu den gängigen Schimpfworten zählt. Es soll erklären, warum schwullesbische Sportvereine und Fanklubs immer wichtiger werden. Es soll die schwierige Arbeit eines Psychologen dokumentieren, der homosexuelle Spitzensportler betreut. Und es soll einen kritischen Blick auf die Rolle der Funktionäre werfen, die sich allmählich für Schwule und Lesben im Fußball zu interessieren beginnen.
Natürlich müssen sich Manager von Klubs und Verbänden die gleiche Frage stellen lassen, wie sie Politiker vor Jahren haben hören müssen: Warum erst jetzt? Der Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe gestellt hatte, wurde erst 1994 endgültig aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen. In Satzungen der großen Bundesligavereine wird kein Wort verloren über die Bekämpfung von Homophobie. Marcus Urban möchte mit seiner Erzählung helfen, das zu ändern. So wie sich der Hamburger Stadtteil St. Georg gewandelt hat, so soll sich auch der Fußball verändern. Marcus kann mit seinem Freund Hand in Hand durch die Lange Reihe gehen. Und niemand nimmt Anstoß daran.









7. Oktober 2008 um 08:41
[…] im Fußball beleuchten. Ronny Blaschke hat die Erinnerungen und Gedanken von Urban aufgezeichnet.Da gehts lang zum Prolog. Und hier zu […]
7. Oktober 2008 um 11:10
Der Hinweis zum eigenen Buch hört sich interessant an, als erster Blogeintrag seit Mai (oder versteh ich was falsch), ist das aber ein enttäuschendes Lebenszeichen.
7. Oktober 2008 um 12:43
Dem stimme ich vollkommen zu. Aber EM- und Olympiareise und Buchveröffentlichung waren doch etwas viel. Darf aber keine Entschuldigung sein. Ich gelobe Besserung!
8. Oktober 2008 um 14:01
Dann vielleicht doch bald wieder in meinem Reader
8. Oktober 2008 um 14:43
Ich freu mich sehr für Marcus, dass das Buch jetzt bald raus kommt. Ich hab bei Community-Turnieren, mit dem Cream-Team-Cologne, oft (und meist sogar erfolgreich
gegen sein Team Startschuß Hamburg gespielt. Ich selber habe zuvor lange Jahre als berüchtigter Treter und Manndecker
in der Landesliga im Ruhrgebiet gekickt.
Ich denke u.a. aus den Erfahrungen die ich da gesammelt habe, dass nicht nur im Umfeld des Profifußballs, sondern insbesondere im Amateurfußball- und Jugendfußball-Bereich noch verdammt viel Aufklärungsarbeit geleistet werden muß (das Wort “schwul” ist da leider absolut hip und cool für jede Art der Verunglimpfung).
Bereits seit 1995 versuche ich ehrenamtlich durch das Benefiz-Fußballturnier Come-Together-Cup in Köln (und seit 2005 auch in Berlin und Essen) an einer Umfeldverbesserung im Freizeit-/Breitensport für schwule und lesbische FußballerInnen mitzuwirken. Auch die Initiierung des mittlerweile viertgrößten FC Köln-Fanclubs “Andersrum Rut-Wiess” steht für mich unter dem Thema Umfeldverbesserung.
Das Buch wird für unsere Arbeit bestimmt nochmals einen tollen Schub bringen!
Der von mir gemeinsam mit Tanja Walther organisierte “2. Aktionsabend gegen Homophobie” am 23. Mai 2008 hier in Köln, war ja, nicht zuletzt wegen Dr. Theo Zwanzigers Teilnahme, bereits ein echter Meilenstein in diesem Jahr.
Ist jetzt ein bisken lang geworden, aber egal…
Jetzt freu ich mich aber erst mal auf die Veröffentlichung und das Lesen!
8. Oktober 2008 um 16:33
Auch ich war in Köln, und kann dir nur lobende Worte aussprechen. Euer Fanklub hat ebenso wie alle anderen schwullesbischen Fanklubs einen wichtigen Platz und ein eigenes Kapitel in unserem Buch.
9. Oktober 2008 um 18:58
[…] Ronny Blaschke hat zwar das Bloggen vergessen, dafür aber sein zweites Buch geschrieben: Versteckspieler - die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban. […]
21. Oktober 2008 um 09:49
[…] 21.10.08: Der Spiegel dokumentiert eine Ausschnitt aus dem Buch “Versteckspieler -Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban” von Ronny Blaschke (Verlag Die Werkstatt, 144 Seiten, erhältlich im gut sortierten Buchhandel für […]
25. Oktober 2008 um 00:26
[…] Blaschke hat ein Buch geschrieben. Über Marcus Urban. “Versteckspieler: Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban“. Und das geh ich mir morgen […]
28. Oktober 2008 um 23:04
Wann geben Sie,Herr Blaschke,denn endlich zu,dass Sie auch schwul sind.
29. Oktober 2008 um 00:13
Auf diese Frage habe ich gewartet, aber glauben Sie mir: Wenn ich schwul wäre, hätte ich es längst “zugegeben”.
29. Oktober 2008 um 12:42
schon das zweite … du wirst mir immer suspekter, bleibst aber mein lieblingspiefke. (jetzt rotiert der rudi mit den liederlichen phantasien gleich wieder heftig)
gratuliere, aber: wann kommt mein rezensionsexemplar?
30. Oktober 2008 um 23:05
Ich bin mir sicher ob es hier angebracht ist auch ein Lob auszustellen, aber ich du´s einfach mal.
Hab das Buch vor kurzen gelesen, selten hat mich ein Buch mehr bewegt.
Ich werde es auf jedenfall einigen bekannten und freunden ans Herz legen es auch zu lesen.
Mehr selber hat es sehr die Augen geöffnet und mich eine schritt weiter gebracht mich normaler zu fühlen.
Was in dieser oft so liberal erscheinenden gesellschaft nicht immer sehr einfach ist.
Deswegen danke an ihnen das sie dieses Buch gemacht haben.
Und danke an Herrn Urban für den Mut den er sich genommen hat dies zu veröffentlich.
Mir haben sie aufjedenfall sehr damit geholfen.
Danke
31. Oktober 2008 um 00:41
Das freut uns sehr, vielen Dank, Ihre Meinung bestätigt unsere Erwartungen und Motivation, das Buch zu schreiben.
3. November 2008 um 02:09
Hallo Ronny,
Ihr Buch über Marcus Urban habe ich mir unmittelbar nach einer Pressemitteilung über den Titel besorgt und sofort verschlungen. Für mich war es mehr wert, als eine einjährige Psychotherapie. Es gibt so viele Analogien zu meiner eigenen Biographie, dass ich auf der einen Seite begeistert bin, wie Marcus mit seiner Situation umgegangen ist und was er daraus gemacht hat, und auf der anderen Seite etwas traurig, dass es mir vielleicht nicht ganz so gut gelungen ist. Hätte ich den Band vor zwanzig Jahren in der Hand gehabt, würde ich jetzt ein noch schöneres Leben führen, das steht fest. Es braucht noch mehr Bücher über Tabu-Themen, übrigens nicht nur im Sport: HIV beispielsweise wird von Medien und Gesellschaft zu Lasten der Betroffenen noch stiefmütterlicher behandelt als Schwulsein im Fußball.
Ich wünsch’ Ihnen jedenfalls viel Erfolg als Journalist und Schriftsteller und Marcus eine tolle Zeit in Hamburg.
22. November 2008 um 13:34
….es ist doch irgendwie interessant, dass ausgerechnet in einem sport wo männer sich andauernd anfassen,umarmen und auch küssen, derart homophobe einstellungen grassieren….mir kommt es, und das mag uebertieben sein,eher so vor, als dass fussballer an sich den latenten männlichen eros durchaus unbewusst in sich tragen und gleichzeitig den macho raushauen muessen.,so demonstrativ und manchmal auch lächerlich vordergründig….
…schade,dass ein entspannteres miteinander nicht drin zu sein scheint und man sich derart kompensatorisch benehmen muss.
aber das weiss auch ein jeder schwuler, dass sich viele
heterosexuelle männer lieber kühl distanzieren und sogar angst haben vor körperlichem kontakt, damit sie ja nicht in verdacht geraten, eventuell mehr als kumpelhafte zuneigung zu anderen männern an den tag zu legen.
letztendlich hilft nur der mut, nach vorn zu gehen ,wie auf dem spielfeld auch….
das buch ist ein weiterer meilenstein, um auch in der welt des ach so männlichen sports vorurteile und verurteilungen abzubauen,dank dafür an marcus urban und ronny blaschke!!!!
26. November 2008 um 01:55
[…] zweite Buch ist von Ronny Blaschke und heißt “Versteckspieler”. Blaschke schreibt die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban. Dieser stand zu Beginn der […]
6. Januar 2009 um 16:51
Hallo aus Frankreich, ich denke dass Marcus Urban sehr intelligent und mutig ist, ich bin auch schwul und habe erfahren beim fussball spielen, dass ich auf Männer stand
Ein Franzose
7. April 2009 um 11:35
Ich bin Mitglied des FC-Fan-Clubs: Andersrum Rut-Wiess und ich freue mich schon jetzt auf die Lesung im Rhein-Energie-Stadion am 8. Mai.
Als ehemaliger Fußballspieler bin auch ich sehr an einer Aufarbeitung dieser Thematik interessiert. Als langjähriger Fan des 1.FC Köln und Mitglied eines schwul-lesbischen (übrigens sehr aktiven) Fan-Clubs passt diese Lesung, wie man so schön sagt: Wie die Faust aufs Auge.