Die Mauer bröckelt

Homophobie Kommentar schreiben

Während Rassismus und Gewalt im Fußball von Funktionären Jahre lang verharmlost und verdrängt wurde, fand Homophobie schlicht keine Erwähnung. In Deutschland geht nun vor allem DFB-Präsident Theo Zwanziger in die Offensive. Auf einer Veranstaltung in Köln positionierte er sich abermals kritisch. Trotzdem können seine Plädoyers nicht über die Ignoranz und Sorglosigkeit vieler Kollegen hinwegtäuschen, wie verwirrende Äußerungen des Kölner Trainers Christoph Daum belegen. Er brachte Schwule in einer Fernsehdokumentation des Deutschen Sport-Fernsehens mit Kinderschändern in Verbindung. Eine Gegenwartsbeschreibung… 

KÖLN. Viele Zuhörer im Saal warteten auf dieses eine Wort, doch Theo Zwanziger wollte es nicht über die Lippen kommen: Homophobie. Fast eine halbe Stunde dauerte die freie Rede des Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf dem Fankongress im Juni 2007 in Leipzig, er hatte über Rassismus gesprochen, gewaltbereite Fans, Strategien der Polizei oder Stadionverbote, aber nicht über die Leiden homosexueller Sportler und Anhänger. Aktivisten, die wegen dieses Themas nach Sachsen gereist waren, fühlten sich nicht ernst genommen.

Fast ein Jahr ist seit diesem Kongress vergangen. „Wir hatten Homophobie lange nicht im Blickfeld, das räume ich freimütig ein. Erst in Leipzig bin ich richtig auf das Thema gestoßen worden, damals ist es in meiner Rede zu kurz gekommen. Ich habe gemerkt, dass wir hier Nachholbedarf haben und uns intensiver aufstellen müssen.“ Der höchste Funktionär des weltweit größten Sportverbandes entschuldigt sich nicht zum ersten Mal, daher war IMG_4597der Zorn der Aktivisten in Leipzig schnell verflogen gewesen. Zwanziger, seit 2006 alleiniger DFB-Präsident, geht in die Offensive, das hat ihn zu einem vergleichsweise beliebten Sportfunktionär gemacht.

 

Kritische Töne: DFB-Präsident Zwanziger (l.) und Tanja Walther.

Foto: RB

 

Zwanziger nahm am Freitag am zweiten Aktionsabend gegen Homophobie in Köln teil, zuvor hatte er mehrfach das Gespräch zu der ehemaligen Bundesligaspielerin Tanja Walther gesucht, die sich seit Jahren für mehr Rechte homosexueller Fußballer und Fans einsetzt. „Wenn ein Spieler käme und mich um Rat fragen würde, dann würde ich sagen: Hab doch den Mut“, erzählt er. „Wenn er Argumente nennt, die dagegen sprechen, sich zu outen, würde ich versuchen, diese Argumente zu reduzieren. Ich werde aber nie sagen: Du musst ein homosexueller Vorzeigesportler sein. Eine öffentliche Aufforderung halte ich für respektlos. Aber meine Pflicht ist es, ein Bewusstsein zu schaffen, damit das Ganze nicht zu einem Spießrutenlauf wird.“

Es ist nicht davon auszugehen, dass Zwanzigers Bekenntnis die Furcht der Spieler vor einer Selbstoffenbarung mindert, aber es hält die Debatte für eine Weile aufrecht. Viele Kollegen in den Chefetagen von Verbänden und Vereinen haben nicht kapiert, wie leicht sie mit solchen Aussagen ihren Ruf polieren können. Das belegen Aussagen von Christoph Daum. Der Trainer des 1. FC Köln war in einer Dokumentation, die am Mittwochabend im Deutschen Sport-Fernsehen ausgestrahlt werden soll, zum Thema Homosexualität im Fußball gefragt worden. „Ich hätte wirklich meine Bedenken, wenn von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen“, hatte er geantwortet und somit Homosexuelle indirekt mit Kinderschändern in Verbindung gebracht. Die Empörung in Schwulenszene war groß, das Medienecho enorm.

Doch auch der DFB reihte sich ein in die Schlange der Verdrängungskünstler: In Frankfurt fanden 1995 die schwul-lesbischen Europameisterschaften statt, die EuroGames. Wenn eine Nationalspielerin dort aufgetaucht wäre, hätte sie die längste Zeit im Nationalteam gespielt. Auch in den Satzungen findet sich wenig Erhellendes. Der DFB hatte erst am 30. September 2000 eine Antirassismus-Passage in seine Richtlinien aufgenommen, bis heute fehlt der Begriff Sexualität, das gleiche gilt für die Fifa, die Europäische Fußball-Union Uefa und für nahezu alle Vereine. Stets wird in den Satzungen auf das Engagement gegen Diskriminierungen jeglicher Art hingewiesen – das Bemühen um Differenzierung, Transparenz und Klarheit ist nicht zu erkennen.

Wie effektiv Kampagnen gegen Homophobie sein können, hat der englische Fußballverband FA bewiesen. Mit der Broschüre „Tackling Homophobia“ informierte er seine Mitglieder aller Spielklassen. Vereine wie Manchester City nahmen den Pass auf, sie bezeichnen sich als „Gay Friendly Clubs“. Auch die Uefa bemüht sich um einen zaghaften Wandel. Der europäische Verband verabschiedete einen Zehnpunkteplan, druckte ein Handbuch, veranstaltete 2006 in Barcelona einen Workshop zum Thema und pflegt seine Zusammenarbeit mit der European Gay and Lesbian Sport Federation. Die EGLSF, der schwul-lesbische Sportverband Europas, gegründet 1989 in Den Haag, hat sich zum vielleicht einflussreichsten Organ in der Homophobie-Bekämpfung entwickelt. Das Netzwerk vertritt 10000 Mitglieder aus 100 Organisationen.

Diese Initiativen sind ehrenwert, doch in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit schaffen sie es selten, zu gering ist die Unterstützung von Politik, Wirtschaft, Verbänden und Medien. Vor diesem Hintergrund werden auch die Aussagen Zwanzigers relativiert. Er äußert sich so kritisch wie kein anderer Funktionär, aber eine Broschüre, eine nachhaltige Kampagne oder ein Benefizspiel hat auch er nicht durchsetzen können. Auch der Strafenkatalog wurde nicht verändert, womöglich müsste sonst jedes zweite Spiel abgebrochen werden, schließlich werden Aussprüche wie „Schiri, du Schwuchtel“ als gewöhnliche Beschimpfung wahrgenommen.

Bis dahin lohnen sich Blicke in die Strukturen des DFB. Der Verband beschäftigt Beauftragte für das Ehrenamt, für Sicherheit, für Integration, für Fans oder für Mädchenfußball – nicht aber für Homosexuelle, in allen anderen Vereinen und Verbänden ist das genauso. „Vielleicht ist das eine Überlegung wert“, sagt Zwanziger, der das Klima nicht allein verbessern kann. Ob ihm homosexuelle Mitarbeiter in der Zentrale bekannt sind? „Die Frage stellt sich nicht, weil ich nicht durch die Flure laufe, und Frauen und Männer nach ihren Neigungen frage.“ Die Mauer der Ignoranz bröckelt, eingestürzt ist sie noch lange nicht.

4 Kommentare zu “Die Mauer bröckelt”

  1. Andersrum Rut-Wiess » Blog Archive » Drei Links als Leseempfehlungen sagt:

    […] Ronny Blaschke: Die Mauer bröckelt […]

  2. Bunte Kurve | Für Fußball - Gegen Rassismus und Diskriminierung sagt:

    […] Freier Journalist und Autor des Buches “Im Schatten des Spiels”, berichtet auf seinem Blog über die Instrumentalisierung des Sports über Theo Zwanziger Offensive und die immer häufigere Nennung von Homophobie in Verbindung mit […]

  3. Jens K. sagt:

    Schöner Beitrag, vielen Dank!
    Das Blog gefällt. Weiter so.

  4. Cartoon sagt:

    Sehr interessanter Artikel. Da kann man sich danach wirklich seine Meinung bilden. Danke!

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