Starrsinn im Kollektiv

Antisemitismus Kommentar schreiben

Schon zu DDR-Zeiten waren antisemitische Schmähungen in den Fußballstadien zu hören. Das Rufen des Begriffes “Juden” in Verbindung mit dem Herkunftsort des Gegners diente den Fans als Chiffre für Abwertung. Geändert hat sich im Umfeld vieler ostdeutscher Vereine, die nach der Wende abgestürzt sind, bis heute nicht viel. Das beweist der Hallesche FC. Dessen Fans hatten Anhänger des FC Carl Zeiss Jena antisemitisch beleidigt. Beobachter sagen, das dies nicht zum ersten Mal der Fall gewesen sein soll. Eine Chronik über das Wegschieben von Verantwortung

BERLIN. Rainer Koch ist als diplomatischer Funktionär bekannt, deshalb bemüht er sich um eine gemäßigte Wortwahl. “Wie der Hallesche FC gegenüber den Sportrichtern auftritt, ist nicht akzeptabel.” Der Jurist ist Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und zuständig für Rechts- und Satzungsfragen. Gewöhnlich mischt sich der DFB nicht in regionale Angelegenheiten ein, doch nun blieb keine andere Wahl. Koch wollte dem Halleschen FC ein Fax schicken, in dem er um mehr Respekt und einen sachlicheren Umgang bat.

Was war passiert? Im Heimspiel der Oberliga Süd gegen die zweite Mannschaft des FC Carl Zeiss Jena (1:1) vor dreieinhalb Wochen hatten Hallenser Fans die gegnerischen Anhänger wiederholt als “Juden Jena” beschimpft. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hatte die Rufe aufgezeichnet, auch Jenaer Spieler und Offizielle bestätigten die antisemitischen Tiraden. Es war nicht das erste Mal, dass ein Teil der HFC-Fans durch Diskriminierungen auffiel. Das Sportgericht des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) verurteilte den HFC zu einem Dreipunkteabzug. Die Mannschaft verlor ihre Tabellenführung. Zudem durften im Heimspiel gegen Meuselwitz nur 1 000 Zuschauer ins Stadion. Auch Jena muss 500 Euro Strafe zahlen. Die Verantwortlichen hätten den Schiedsrichter, der nichts gehört haben will, auf die Beschimpfungen aufmerksam machen müssen.

Der HFC ging in Berufung - und gegen den NOFV in die Offensive. “Wir werden uns mit allen zur Verfügung stehenden juristischen Mitteln wehren. Das schließt den Gang vor ein Zivilgericht ein”, sagte Geschäftsführer Ralph Kühne der Mitteldeutschen Zeitung. Klubpräsident Michael Schädlich, sein Stellvertreter Jörg Sitte und Kühne drohten sogar mit Rücktritt. “Wir suchen die Schuldigen und werden sie mit Stadionverbot und Vereinsausschluss belegen, sofern sie Mitglied sind”, ergänzt Jörg Sitte. Auf der Internetseite des Vereins wurde der Ton schärfer. Der HFC bezeichnete den NOFV als “konzeptionslos, opportunistisch und inkompetent”. Er habe unter medialem sowie sport- und vereinspolitischem Druck ein bereits im Vorfeld feststehendes Schandurteil aussprechen lassen, “welches ohne Schuldnachweis an unserem Verein ein Exempel statuieren soll”. Darüber hinaus wurde den Spielern nach dem Vorfall ein Medienboykott auferlegt, Fans pöbelten während des Spiels bei Sachsen Leipzig gegen den MDR.

Der NOFV will dagegen erst das Berufungsverfahren abwarten, Geschäftsführer Holger Fuchs wollte auf Anfrage keine Aussage treffen. Er sagte nur, dass ihn seit Tagen Zuschriften von Hallenser Fans erreichen, “mit unterschiedlichem Tonfall”. Es ist davon auszugehen, dass DFB und NOFV sich diese Art der Einschüchterung nicht gefallen lassen werden. In Funktionärskreisen wird von weiteren Sanktionen gesprochen. Andernfalls könnte der Verband noch mehr Glaubwürdigkeit verlieren, schließlich hatte er nach früheren Fällen wie zum Beispiel den körperlichen Angriffen von Hallenser Fans gegen den Nigerianer Ogungbure Anfang 2006 eine konsequente Aufarbeitung vermissen lassen.

Am vorvergangenen Wochenende veröffentlichte der HFC einen Brief von Uwe Täschner, dem Präsidenten des VFC Plauen, auf seiner Internetseite. “Es kann nicht sein, dass ehrenamtliche Vorstände kriminalisiert werden, um das Gewissen einiger Verbandsverantwortlicher zu beruhigen”, schrieb Täschner. “Vielleicht sollten einige oder besser alle Präsidenten der Oberligavereine ihr Amt für vier Wochen ruhen lassen, um gegen dieses Urteil zu protestieren, da hier wiederum nicht die Täter, sondern der Fußball und das Ehrenamt bestraft werden.” DFB-Vizepräsident Rainer Koch wehrte sich gegen diese gängigen Reflexe, die auch schon in Dresden oder Leipzig zu beobachten waren: “Sport und Gesellschaft dürfen nicht getrennt werden. Wir müssen die Vereine für ihre Fans in Haftung nehmen.” Nach seiner Kritik wurde der Ton auf der HFC-Homepage entschärft.

Auch die Staatsanwaltschaft Halle ermittelte, erhob aber keine Anklage. Deren Sprecher Klaus Wiechmann stellte sich vor die Kameras und erklärte, die Formulierung “Juden Jena” sei strafrechtlich irrelevant. Diese Äußerung wertete sogar der Rechtsausschuss des Bundestages als unsensibel, sie könnte von Fans als Freibrief für Antisemitismus angesehen werden. Angesichts dieses kollektiven Starrsinns ging fast unter, dass das sozialpädagogische Fanprojekt Halle von Mitarbeitern organisiert wird, die nur anderthalb Planstellen haben.

9 Kommentare zu “Starrsinn im Kollektiv”

  1. A. sagt:

    Während die Mannschaft des HFC beim darauffolgenden Spiel in Leipzig mit einem Bannern gegen Rassismus auflief, entrollten die Anhänger ein etwa 5 Meter großes Plakat, auf dem Stand “Hahaha - Wir wollen Beweise”.
    Dieser Sarkasmus und die Form, wie mit den Vorwürfen (erschreckenderweise auch von Vereinsseite) umgegangen wird, zeigt wie wenig Schuld- oder Unrechtsbewusstsein bezüglich rassistischer und antisemitsicher Äußerungen bei vielen HFC-Anhängern vorhanden ist.

  2. Martin Krauss sagt:

    Lieber Ronny,
    bei allem Lob für die Seite, ein bisschen Kritik ist mir wichtig: Du schreibst, Fans hätten andere Fans “antisemitisch beleidigt, obwohl sich die Zahl anwesender Juden in Grenzen gehalten haben dürfte”. Das Wort “obwohl” ist sehr falsch gewählt: Wären mehr (oder überhaupt) Juden da gewesen, hätte man sie auch nicht antisemitisch schmähen dürfen. Ich weiß, dass du du das weißt - aber geschrieben hast du etwas anderes.
    Beste Grüße
    Martin

  3. Ronny sagt:

    Absolut richtig! Ich habe schon mehrfach erlebt, wie wichtig sprachliche Nuancen in diesem Zusammenhang sein können. Ich habe die Passage geändert. Danke für den Hinweis.

  4. bunki sagt:

    in einem Punkt haben die Jungs aus Halle sogar recht, an ihen wurde ein Exempel statuiert. Gegen solche Rufe hätte man viel früher vorgehen können. Beispielsweise nach dem Regiospiel Dynamo Dresden - 1. FC Union Berlin (0:1) vom Herbst 2007. Wurde da auch lautstark skandiert, aber leider vom Schiri überhört und gar nicht erst in den Spielberichtsbogen eingetragen.

  5. A. sagt:

    @ bunki

    das war doch bei halle gg. jena II genauso. der schiedsrichter und die halle-offiziellen haben nichts gehört. erst die beschwerde eines zeugen bei presse und fußballverband sowie die tonaufnahme bei spiegel-online haben zu einem verfahren geführt.

    ich finde es schwierig hier von einem “exempel” zu sprechen. obwohl ich deine einschätzung teile, dass die verbände viel aktiver gegen solche schmähungen vorgehen sollten. aber “ein exempel statuieren” klingt stark nach rechter opfermetaphorik, nach sündenböcken, willkürjustiz u.ä.

  6. Ronny Blaschke sagt:

    Die Verantwortlichen des HFC haben von einem Exempel gesprochen, ich habe sie nur zitiert.

  7. A. sagt:

    Lieber Herr Blaschke,

    ich habe user “bunki” zitiert der in Kommentar 4 in zeile 1-2 sagt, die “jungs aus halle” hätten recht mit der behauptung, an ihnen würde ein exempel statuiert.

  8. ich sagt:

    und? was ist jetzt die aussage dieses artikels?
    am ende doch nur eine plakative wiedergabe dessen was vermeintlich geschehen ist. das kann man aber überall nachlesen bzw. sich anschauen - ging ja quer durch die deutsche medienlandschaft.
    fragen nach den hintergründen werden gar nicht erst aufgeworfen, weil die antwort im klische vom rechten osten ja ohnehin schon feststeht.
    das ein gebürtiger rostocker das noch unterstützt is blamabel!
    das die mischen aus wenig ahnung von fußball/fanszenen und unvermögen zur recherche nur wieder zu unsinnigen artikeln führt zeigt ja auch “Die zerstörerische Kraft des Fußballs” in “Das Parlament”. alles nur plattitüden und geschwätz wie man es schon sooo oft von leuten die nun überhaupt keine ahung haben gehört und gelesen hat.
    ganz schwache kür!

  9. Ronny Blaschke sagt:

    Mir ist bewusst, dass nicht nur ostdeutsche Vereine Probleme haben. Diesen Eindruck soll der Text auch nicht vermitteln. Es geht mir darum, wie sich Funktionäre dazu positionieren. Wenn in den Führungsetagen ständig nur von “Exempel statuieren”, der Konkurrenz und den achso bösen Medien gesprochen wird, bleibt der Kern ungenannt. Das, finde ich, ist durchaus eine Erwähnung wert. Auch von einem gebürtigen Rostocker.

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