Gelassenheit und Naivität

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Während in Deutschland vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 eine ungekannte Sicherheitshysterie entbrannte, blicken Österreich und die Schweiz vergleichsweise gelassen auf ihre Europameisterschaft im Juni. Ihr Konzept basiert auf vielen Erkenntnissen der vergangenen Turniere. Statt mit drakonischen Strafen und Kontrollen zu drohen, planen die Organisationen eine groß angelegte Charmeoffensive mit internationalen Fanbotschaften und vielen öffentlichen Plätzen für das Massenphänomen Public Viewing. Doch frei von Problemen sind die Planungen nicht, wie dieser EM-Ausblick vierzig Tage vor dem Anpfiff zu erklären versucht…

WIEN. Im ersten Bezirk liegen die meisten Sehenswürdigkeiten der österreichischen Hauptstadt, Burgen, Kirchen, Museen und Plätze. Vor allem im Frühjahr und im Sommer strömen Tausende Touristen täglich nach Wien. Ursula Stenzel, die Vorsteherin des Bezirks, sagt, sie freue sich über jeden Besucher, nur in diesem Jahr mag man ihr das nicht so recht abnehmen. Es ist das Jahr, in dem die Fußball-EM in Österreich und in der Schweiz stattfinden wird. Die Begeisterung darüber hält sich bei Stenzel in Grenzen, sie macht sich eher Sorgen um die kulturellen Schätze der Stadt. Schließlich wird die Fanmeile mit bis zu 100000 Menschen zwischen Rathausplatz und Heldenplatz liegen, im Herzen ihres Bezirks. Ein Beispiel dafür, dass die Wiener vergleichsweise reserviert auf das größte Sportereignis ihrer Geschichte blicken. Friedrich Stickler, der Präsident des Österreichischen Fußball-Verbandes (ÖFB), erklärte das in einem Interview so: „Wir dürfen die Menschen nicht überfordern, das Runterzählen der Tage bringt nichts. Man kann sich ja auch nicht eineinhalb Jahre lang auf Weihnachten freuen, nicht einmal ein paar Monate. Ist das Fest da, feiert man es.“

Diese Gelassenheit wäre an manchen Tagen auch vor der WM 2006 in Deutschland ratsam gewesen. Schon anderthalb Jahre vorher war nahezu jede Nullnachricht zu einem Staatsereignis aufgeblasen worden. Da gab es den Torwartkrieg, der mit Krieg nichts zu tun hatte; die Stiftung Warentest, die Deutschlands Stadien untauglich einstufte oder den Vorschlag, Bundestrainer Jürgen Klinsmann möge sich doch bitte im Bundestag zum Rapport melden. „Bei uns meldet sich nicht jeder viertklassige Abgeordnete zu Wort, wir bereiten uns lieber konzentriert vor“, sagt zum Beispiel Günther Marek, der EM-Sicherheitskoordinator des Bundesinnenministeriums. Sogar auf die sinnfreien Studien über angebliche Wertschöpfungen und Arbeitsmarktimpulse will niemand reinfallen.

Dieses Interesse auf Sparflamme bringt jedoch auch Nachteile mit sich. Die Veranstalter scheinen es zu unterschätzen, was im Juni auf sie zukommt. Wo vor der WM 2006 in Deutschland Hysterie dominierte, herrscht nun eine Spur zu viel Naivität. Es ist nicht so, dass den Österreichern und den Schweizern die Argumente für diese Haltung fehlen. Die Sicherheitspolitik bei großen Turnieren hat sich grundlegend geändert. 1998 hatten die Engländer vor der WM in Frankreich noch 1,5 Millionen Pfund für Werbespots ausgegeben, um ihre Fans vor einer Reise ohne Tickets zu warnen. Spätestens 2004 bei der EM in Portugal und schließlich 2006 in Deutschland setzten Polizisten und Fanarbeiter auf Gastfreundlichkeit, um Aggressionen gar nicht erst entstehen zu lassen. Und so planen auch die Österreicher und Schweizer eine große angelegte Charmeoffensive.

In diesem Punkt haben die Vorbereitungen längst ein beeindruckendes Niveau erreicht. Gesichert sind internationale Fanbotschaften, Internetportale, Broschüren und immerhin 140 öffentliche Plätze für das Massenphänomen Public Viewing, in Frankreich vor neun Jahren waren es gerade mal zwei. Diese Teilpolitik der Freundlichkeit dürfte den Organisatoren viele Sympathien einbringen – sie birgt aber auch Gefahren: Es ist unwahrscheinlich, dass große Gruppen von Hooligans Turniere als Bühne nutzen, schließlich distanzieren sich die meisten radikalen Fans in Italien, den Niederlanden oder Polen von ihren Nationalteams, doch das macht den Sommer 2008 nicht sicherer. „Wir sind für ein solchen Großereignis nicht gemacht“, sagt Rainer Gilg aus dem Projekt Öffentliche Hand in der Schweiz. „Unsere größte Herausforderung ist die Masse.“ Nur zwei der acht Stadien, Wien und Basel, verfügen über mehr als 40000 Zuschauerplätze. Dennoch werden in den drei Wochen rund fünf Millionen Gäste erwartet. Die Spektakel werden sich abseits der Arenen abspielen. Die dicht bebauten Städte, mit den Ausnahmen Wien und Zürich, drohen aus allen Nähten zu platzen. Für das Spiel der deutschen Auswahl gegen Kroatien in Klagenfurt, das 270 Kilometer von Zagreb entfernt ist, werden mehr als 100000 Gäste erwartet, in einer Stadt mit 93000 Einwohnern und nicht einmal 5000 Hotelbetten.

Es lassen sich dutzende Beispiele in der Fußballgeschichte finden, in denen ungezügelte Massen nicht mehr kontrolliert werden konnten – auch ohne Hooligans. Ganz zu schweigen von der Terrorismus-Debatte. „Viele Unternehmen sind in großer Sorge, dass ihnen Fans das Geschäft kaputt machen“, sagt Christian Dosek von der Wirtschaftskammer Österreich. Abgesehen von der Fanbetreuung, die über 2008 hinaus etabliert werden soll. Mehr als 40000 Polizisten werden im Einsatz sein, die Schweizer halten einen Teil ihrer Armee in Bereitschaft, hinzukommen rund tausende Mitarbeiter privater Sicherheitsdienste. Gerade ihnen fehlen Erfahrungen mit großen Fußballereignissen, und so zählen die Organisatoren auch auf hunderte ausländische Polizisten, vor allem aus Deutschland und Frankreich. Mit welchen Befugnissen sie ausgestattet werden können, wird sein Monaten diskutiert.

Alles steht unter der „3-D-Philosophie“, Dialog, Deeskalation, Durchgreifen – nur die Reihenfolge scheint noch nicht geklärt zu sein. Neben akzeptierten Mitteln wie Konfliktmanagement, vorüber gehenden Grenzkontrollen, Meldeauflagen für auffällige Fans oder Hausbesuche der Polizei herrscht Empörung über so manchen Vorschlag. In Österreich erwog Innenminister Günther Platter von der ÖVP vorbeugende Haft für gewaltbereite Anhänger vor und brachte damit Menschenrechtler gegen sich auf. In Klagenfurt wurde über die Separierung der Fans diskutiert. Auf öffentlichen Plätzen und sogar in Kneipen. Und in der Schweiz wird die Anfang des Jahres eingeführte Hooligandatei von vielen abgelehnt – diese Debatte führen deutsche Fans seit Mitte der Neunziger.

Die Unsicherheit ist groß nach einem Jahr, in dem die Gewalt im Fußball in Italien zwei Menschen das Leben kostete und es auch in Deutschland und anderen Ländern Europas zahlreiche Ausschreitungen gegeben hatte. Michel Platini, der neue Präsident der Uefa, sprach sogar bei Politikern in Brüssel vor. Langjährige Beobachter der Szene berichten von einem Treffen der Ahnungslosen. Das zeigte nicht nur der Vorschlag Platinis, eine europäische Sport-Polizei einzuführen, der kaum realistisch erscheint. Zu groß sind die Unterschiede in den Rechtssystemen der Länder und die Widersprüche zwischen deren Polizeikonzepten. Im Sommer 2008 müssen dagegen nur zwei Nationen zusammenarbeiten. Die Krawalle während der EM 2000 in den Niederlande und Belgien haben gezeigt, dass selbst diese Konstellation Herausforderung genug sein kann.

2 Kommentare zu “Gelassenheit und Naivität”

  1. Nicole Selmer sagt:

    hi Ronny, gerade den blog entdeckt. schön! Und ja, das mit der österreichischen gelassenheit und/oder naivität würde ich ähnlich sehen. aber eben auch charmant - als dieses zelt in salzburg zusammenbrach, wurde die veranstaltung halt ins Cafe verlegt, passt schon. bin gespannt auf klagenfurt.

  2. David Zimmermann sagt:

    Hallo Ronny! Vor lauter Gelassenheit hatte ich kaum Zeit, ins Internet zu gehen. Drum habe ich Deinen Blog noch später entdeckt als Nicole… :-)
    Viele Grüsse aus der Schweiz.
    David

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