Eines der unsinnigsten Vorurteile besagt, Sport habe nichts mit Politik gemein. Diese Floskel wird von Funktionären derzeit gebetsmühlenartig wiederholt, wenn sie um eine Beurteilung der China-Tibet-Debatte vor den Olympischen Spielen gebeten werden. Diese Verdrängungskünste illustrieren wieder einmal, wie sehr sich Vertreter des Sports von politischen und wirtschaftlichen Zwängen einschüchtern lassen. Mit einem kritischen Ausbruch aus dieser Käseglocke können Andersdenkende derzeit ihren Ruf polieren. Der Nachteil: Die wichtige Diskussion um Menschenrechte leidet darunter. Ein Stimmungsbericht aus dem Bundestags-Sportausschuss…
BERLIN. Plötzlich setzte ein hektisches Gewusel ein, als sich die Tür des Sitzungssaales Nummer 4800 im Paul-Löbe-Haus öffnete. Manfred von Richthofen blickte an den Kameras vorbei. Er schien nicht glauben zu wollen, dass ein Dutzend Journalisten nur auf ihn gewartet hatte. Selbst die Nachrichtensender hatten Reporter in den Sportausschuss des Bundestages geschickt. Schnell war die Meldung verbreitet worden, dass der einst höchste Sportfunktionär Deutschlands den windelweichen Aussagen von Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), und seinem Generaldirektor Michael Vesper nicht folgen wollte.
Richthofen, der Ehrenpräsident des DOSB, hatte sich für den Abbruch des Fackellaufes ausgesprochen. Zudem hatte er seine Kollegen für den frühen Ausschluss eines Olympia-Boykotts kritisiert. Das fanden die Kollegen, die derzeit für Olympia-Vorbereitungen in Peking weilen, gar nicht lustig. Vesper warf Richthofen einen schlechten Stil vor, auch von Seiten in der Politik soll er gebeten worden sein, sich ruhiger zu verhalten. Die Furcht im DOSB scheint zu wachsen, dass jemand den Kuschelkurs torpediert, dessen Meinung in der Sportpolitik nicht unwichtig ist. Richthofen aber ließ sich nicht von seinem Standpunkt abbringen, er sagte, er könne die Demonstration anlässlich des Fackellaufes sogar nachvollziehen. In London, Paris und San Francisco musste die olympische Flamme von Hundertschaften der Polizei beschützt werden. Eine chinesische Einheit, in hoffnungsvolles Blau gehüllt, reagierte selten zimperlich, wenn Demonstranten die Zeremonie attackierten. „Diese makabre Vorstellung muss ein Ende haben“, sagte Richthofen. „Zum Schutz der Fackelläufer.“
Foto: Manfred von Richthofen erneuert seine Kritik. Im Hintergrund: Peter Danckert, Leiter des Sportausschusses.
Der Reflex einiger Reporter war nun vorhersehbar. “Was halten Sie der Kritik von Herrn Vesper entgegen?”, wurde Richthofen nach seinem Auftritt im Sportausschuss am Mittwoch gefragt. Der 74-Jährige hob gelassen die Augenbrauen: “Ich habe nicht vor, mit Angestellten des DOSB in Korrespondenz zu treten.” Diese Szenen und Worte verdeutlichten abermals, wie schnell eine Sachfrage vernachlässigt werden kann, wenn Funktionäre mehr übereinander als miteinander sprechen, und die Öffentlichkeit Gefallen daran findet. Seit Wochen dominieren die Geschehnisse in Tibet die Nachrichten. Das chinesische Regime hatte durch drakonisches Durchgreifen Proteste niedergeschlagen, deren Folgen werden in den heimischen Medien zensiert. Das ZDF bezeichnete die Propagandamaschinerie als den „größten Überwachungsapparat der Welt“. Weltweit lösten die Verhältnisse Proteste und Solidaritätsbekundungen aus.
Nur die Mehrheit aus Politik und Sportführung hält sich mit klaren Worten zurück. Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), brauchte Tage, ehe er sich mit dünnen Erklärungen an die Öffentlichkeit richtete. Ist die Einschüchterung zu groß vor der aufstrebenden Wirtschaftsmacht aus Fernost? Umgerechnet fast 30 Milliarden Euro sollen die Chinesen bislang in die Olympischen Spiele investiert haben. Weitere Milliardenverträge mit Sponsoren wurden schon vor Jahren abgeschlossen. 2001 hatte das IOC an Peking die Spiele vergeben. Damals noch unter der Führung des Autokraten Juan Antonio Samaranch. Der Spanier galt als Anhänger des rechten Diktators Franco. Noch Fragen?
So müssen in der Gegenwart viele Fakten schön geredet werden. Thomas Bach zum Beispiel, der oberste Vorturner des DOSB, wiederholte gebetsmühlenartig, dass man Sport und Politik voneinander trennen müsse. Hierbei handelt es sich um eines der unsinnigsten Vorteile überhaupt. Wer das milliardenschwere Sportgeschäft, das von Korruption und Extremismus begleitet wird, noch immer als unpolitisch bezeichnet, möchte der Wahrheit aus dem Weg gehen. Glaubt man langjährigen Beobachtern der Sportpolitik, so hat die Zurückhaltung Bachs bestimmte Gründe. Der IOC-Vize soll Interesse an der Nachfolge des amtsmüde wirkenden Belgiers Rogge an der Spitze des Olymps haben. Seine Schmusestrategie dürfte ihm zurzeit Pluspunkte gesichert haben im Kreis der Funktionäre, unter den kritischen Beobachtern in Deutschland aber hat er weiter an Reputation verloren. Die weltweite Debatte um Menschenrechte wollten die hohen Herren in Peking jedenfalls nicht intensiv aufarbeiten. „Tibet? Welches Tibet?“, fragte die Süddeutsche Zeitung am 10. April.
Auf kleinerer Ebene ist diese Flucht vor der Realität auch in Deutschland zu beobachten. Ein Besuch im Sportausschuss des Bundestages genügt, um zu merken, dass von offizieller Seite momentan kaum klare Antworten auf umstrittene Fragen zu erhalten sind. Gernot Erler, Staatsminister des Auswärtigen Amtes, eröffnete die Runde mit einem fast zwanzigminütigen Ritt durch die Geschichte des China-Tibet-Konfliktes. In aktuellen Punkten pflegte er hingegen die Diplomatie. “Ich habe das Gefühl, dass die chinesische Führung unter großem Druck von innen steht”, sagte der SPD-Politiker. Welch eine Neuigkeit. Ähnlich hielt es Christian Sachs, der Berliner Büroleiter des DOSB, der in Vertretung von Bach und Vesper erschienen war und eine undankbare Rolle ausfüllen musste. DOSB-Vize und Sportausschuss-Mitglied Eberhard Gienger hielt sich am Mittwoch gleich ganz zurück. Bach und Vesper sollen nun am 23. April vor dem Ausschuss gehört werden. Vielleicht wird dann eine Definition für die Bezeichnung des “mündigen Athleten” gefunden sein, über den am Mittwoch erneut nebulös diskutiert wurde. Wo, wie und wann während der Spiele Protest gegen das chinesische Regime geäußert werden kann, ist noch immer nicht klar. Richthofen bezeichnete die Charta des IOC als “dringend überholungsbedürftig”.
Immer mehr Vorschläge für Protestaktionen werden zurzeit vorgebracht, von Armbändern oder Hemden mit Schriftzügen ist die Rede. “Ich erwarte vom DOSB, dass er die Interpretationen der Olympischen Charta klar aufzeigt: Wie kann man die Olympischen Spiele als Plattform nutzen, ohne sich selbst zu schaden?”, fragte Frank Hensel, der Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, in Frankfurt am Main. Der Aufklärungsbedarf könnte größer nicht sein. Ausführlich wurde im Sportausschuss über die Rolle der Sportler gesprochen. Es wirkte fast so, als ob die Politiker den Athleten jene kritischen Aussagen abverlangen wollen, die sie selbst vermissen lassen.









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