Mit der Androhung, den Fans von Dynamo Dresden aus Sicherheitsgründen den Zugang zum Auswärtsspiel gegen den 1. FC Union zu verweigern, hat die Berliner Polizei Geschichte geschrieben. Bislang ist keiner deutschen Fangruppe im Profifußball ein Besuch untersagt worden. Nach heftigen Diskussionen und Kritik aus Verbands- und Vereinskreisen hat die Polizei ihre Drohung am Mittwoch zurückgenommen. Dennoch illustriert die Debatte wieder einmal die reflexhafte und hilflose Haltung in der Aufarbeitung von Fangewalt. Wieder wird nur über schärfere Kontrollen gesprochen, die Nachhaltigkeit kommt dabei abermals zu kurz…
BERLIN. Auf den ersten Blick war das Argument der Berliner Polizei durchaus nachzuvollziehen. Sie möchte dem Steuerzahler nicht länger erklären müssen, warum hunderttausende Euro aufgebracht werden müssen, um verfeindete Fußballfans in einem Drittligaspiel voneinander fern zu halten. Die Anhänger von Dynamo Dresden sollten deshalb ausgeladen werden, wenn am 8. Mai der 1. FC Union Berlin in Köpenick auf ihre Mannschaft trifft. Das verkündete die Polizei Anfang der Woche. Zu groß sei das Gefahrenpotenzial und zu hoch der Preis, um angeblich angekündigte Ausschreitungen verhindern zu können. „3000 Mal Stadionverbot“, titelte Spiegel Online am Dienstag. Noch war hierzulande keiner kompletten Fangruppe in der Fremde der Zugang verwehrt worden.
Die Reaktionen, das war nicht anders zu erwarten, reichten von Wut bis Erstaunen. Unions Präsident Dirk Zingler sprach von einer Bankrotterklärung, nicht nur, weil er einen Verlust an Ticketeinnahmen befürchtete. In den Internetforen wurde wie immer hitzig debattiert. Auch in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Frankfurt kam der Fall auf den Tisch, schnell baten die Funktionäre um einen sachlicheren Dialog. Und ihre Äußerungen schienen Wirkung zu hinterlassen: Am Mittwoch nahm die Berliner Polizei ihr Verbot zurück. Dafür stellte sie Bedingungen: Dynamo erhält eine geringeres Kartenkontingent, die Dresdener Fans müssen im Sonderzug anreisen, und auch der Kartenverkauf soll intensiv beobachtet werden.
Es lässt sich lange über die zeitweilige Fanverbannung der Polizei diskutieren. Trotzdem ist dieses Resultat wieder einmal bezeichnend für eine reflexhafte und hilflose Bekämpfung von Fangewalt. Dass die Anhänger nicht zu einem Auswärtsspiel reisen sollen, ist aus den späten achtziger Jahren Englands und aus der Gegenwart Italiens bekannt, wo anarchische Zustände herrschen. Dass dies nun auch hierzulande passieren könnte, offenbart erneut die schwerwiegenden Versäumnisse in den vergangenen Jahren. Es ist eine lange Geschichte von drakonischen Polizeimaßnahmen, gewaltbereiten Sicherheitsordnern und verharmlosenden Sportfunktionären.
Polizei, Politik und Vereine werden noch lange mit den Spätfolgen der Fehler zu kämpfen haben. Noch immer wird die sozialpädagogische Arbeit mit jugendlichen Fans, den kommenden Meinungsführern der Kurve, nicht ausreichend gefördert. Nur auf diesem Weg lässt sich eine Subkultur langfristig verändern und befrieden, das ist nicht nur im Fußball so. Eingesehen haben das bislang nicht viele Entscheidungsträger, und so dürfte weiter gestritten und lamentiert werden. Für den allmählich voranschreitenden Abbau des Feinbildes Polizei dürfte die zeitweilige Drohung der Berliner Polizei nicht von Vorteil gewesen sein.









30. April 2008 um 11:30
Hi Ronny,
Topseite! Gratuliere Dir für diesen Schritt und mach’ was draus, wünsch Dir allet Jute und reichlich Leser und reichlich Kommentare! Erst dann macht’s ja auch Spaß.
14. Mai 2008 um 14:07
Meinst du echt, dass das feinbild Polizei gerade im Abklingen ist? Habe eher den gegenteiligen Eindruck. Wozu auch der Versuch ein kollektives Stadionverbot präventiv durchzusetzen einiges beigetragen hat.
22. Mai 2008 um 11:36
Nun ja, die Debatte um Union-Dresden und den Versuch der Innenminister, die Stadionverbots-Lockerungen rückgängig zu machen, hat mich auch zweifeln lassen. Aber zumindest wird gelegentlich auf Diplomatie gesetzt, wenn zum Beispiel Konfliktmanager eingesetzt werden. Reicht natürlich bei weiterm nicht.
14. November 2008 um 11:21
Der Fußball-Fan als Persona non grata @ [telepolis] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27899/1.html
… &
-Grüße