Handlanger oder Kriegsverbrecher? Über die Rolle des deutschen Fußballs im Nationalsozialismus wurde am Wochenende am Starnberger See diskutiert. Mehr als sechs Jahrzehnte nach Ende der NS-Diktatur sträuben sich viele Klubs noch immer vor einer ernsthaften Aufarbeitung ihrer Geschichte. Wenn überhaupt, gehen Initiativen von Fans oder Historikern aus. Was die Forschung bewirken kann, zeigt sich am Beispiel Kaiserslautern. Dort wird eine Studie über den FCK in Schulen genutzt, um Jugendlichen den Zugang zur Geschichte zu erleichtern. Ein Bericht über Gleichgültigkeit, Verdrängungskünste und Recherchen, die einem Abenteuer gleichen…
BERG. Uwe Wagner hatte gute Absichten. Der Fan des 1. FC Nürnberg wollte Anfang des Jahrtausends seine Magisterarbeit über seinen Lieblingsklub schreiben, nicht über die Gegenwart, sondern über dessen Rolle im Nationalsozialismus. Er wollte niemanden an den Pranger stellen, trotzdem soll ihm der Vereinsarchivar den Weg zu wichtigen Dokumenten mit den Worten verwehrt haben: „Über die braune Zeit ist genug geschrieben worden, da muss irgendwann mal Schluss sein!“ Eine Aussage mit Symbolkraft für den Großteil einer Branche.
Bald werden es 50000 wissenschaftliche Publikationen sein, die den Nationalsozialismus zum Thema haben – auf Vereine und Verbände des Sports entfällt nur ein Bruchteil. „Ich verstehe mich selbst nur, wenn ich meine Geschichte verstehe. Verdrängte Vergangenheit macht krank“, sagt Eberhard Schulz, Kuratoriumsmitglied der Versöhnungskirche Dachau und Teilnehmer einer Tagung über den Fußball in der NS-Zeit am Starnberger See. Markwart Herzog beschreibt die historische Aufarbeitung im deutschen Fußball nicht nur deshalb als Abenteuer. Der Bildungsreferent der Schwabenakademie Irsee forschte in seiner Freizeit über die NS-Vergangenheit seines Lieblingsvereins 1. FC Kaiserslautern. Groß war die Angst in der Pfalz gewesen, dass er düstere Geheimnisse des Idols Fritz Walter hätte aufdecken können. „Enttäuschung ist besser als Täuschung“, sagt Herzog. Er traf Zeitzeugen, besuchte zwanzig Archive und Bibliotheken, oft war die Quellenlage schlecht. Am Ende stand die Erkenntnis, dass Fritz Walter kein Kriegsverbrecher war, höchstens ein Mitläufer.
Foto: Spieler des FCK unter der Hakenkreuzfahne (1943/44), Archiv Herzog.
Inzwischen wird Herzogs Buch „Der Betze unterm Hakenkreuz“ auch in Schulen genutzt, da der Fußball den Zugang der Jugendlichen zur Geschichte erleichtern kann. „Für mich war das ein Verlustgeschäft“, sagt Herzog. „Es ist eine Frage des Fleißes, weniger der Intelligenz.“ Die Studie entstand auf Initiative eines Fans, zunächst gegen zaghafte Gegenwehr des FCK, später mit dessen Unterstützung. Doch selten gehen die Forschungen von den Vereinen aus, wenige verfügen über Geschichtsbände oder ein Klubmuseum. „Der Fußball ist kein Nachzügler“, berichtet Nils Havemann, Historiker aus Mainz und Autor des Buches „Fußball unterm Hakenkreuz“. Seine Arbeit beleuchtet den Deutschen Fußball-Bund in der NS-Zeit. Mehr als fünfzig Jahre mussten vergehen, bis der DFB sich dazu entschloss, eine ernsthafte Studie in Auftrag zu geben, und das wohl nur aufgrund des öffentlichen Drucks vor dem 100-jährigen Jubiläum des Verbandes im Jahr 2000 und der Vergabe für die WM 2006. Havemann sieht den DFB in Tradition mit deutschen Firmen. Erst als in den neunziger Jahren eine Debatte um jüdische Zwangsarbeiter und Enteignungen entbrannte, öffneten Unternehmen wie Daimler, die Bundesbahn oder die Deutsche Bank ihre Archive. Havemann sagt: „Viele Universitäten oder Verlage verweigern eine Aufarbeitung noch immer.“
Im Fußball ist das nicht anders. Vereine wie Werder Bremen, Borussia Dortmund, der FC Schalke, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC und demnächst auch der FC St. Pauli und als erster Regionalverband der Westdeutsche Fußballverband haben sich mehr oder weniger tiefgründig mit ihrer Geschichte auseinander gesetzt, materielle Unterstützung leisten sie nicht immer. Siehe München. Der Stadtarchivar Anton Löffelmeier forscht seit mehr als einem Jahrzehnt über die NS-Zeit der bayrischen Vereine. Im kommenden Jahr wird er ein Buch über den TSV 1860 veröffentlichen, schon jetzt ist klar, dass der Klub sich dem Naziregime schneller unterworfen hat als andere. Löffelmeier hat es nicht leicht, ein Teil des Klubarchivs wurde zerstört oder weggeschmissen. Als er einen Zeitzeugenaufruf im Vereinsmagazin inserierte, erhielt er zwei Rückmeldungen. Ein Mann beschimpfte seinen Sohn am Telefon. „Es herrscht eine Mischung aus Angst und Unkenntnis vor“, berichtet Löffelmeier. „Die Funktionäre haben Angst, mit Dingen konfrontiert zu werden, die sie nicht kennen.“
Ähnlich sieht es beim FC Bayern aus. Im Gegensatz zur Führungsriege des TSV 1860 schickte der Rekordmeister auf die Einladung der Tagung immerhin eine Absage. Zwar hat der FC Bayern in soziale Projekte investiert, doch sein Bewusstsein für die Geschichte scheint sich in Grenzen zu halten. Bislang gibt es keine umfassende Aufarbeitung der NS-Zeit, obwohl gerade der FC Bayern durch seine jüdischen Mitglieder einen schweren Stand gehabt hatte. Auf der Pressestelle des Klubs hatte man dazu folgende Antwort parat: „Schicken Sie uns bitte eine E-Mail. Wir konzentrieren uns zurzeit auf den Uefa-Pokal.“
Literatur:
Fischer, G.; Lindner, U.; Skrentny, W.: „Stürmer für Hitler. Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus.“ (Verlag Die Werkstatt, 2002)
Havemann, N.: „Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz.“ (Campus, 2005)
Herzog, M. (Hrsg.): „Fußball zur Zeit des Nationalsozialismus. Alltag - Medien - Künste - Stars.“ (Kohlhammer, 2008)
Herzog, M.: „Der Betze unterm Hakenkreuz. Der 1. FC Kaiserslautern in der Zeit des Nationalsozialismus.“ (Verlag Die Werkstatt, 2005)
Peiffer, L.; Schulze-Marmeling, D.: „Hakenkreuz und rundes Leder. Fußball im Nationalsozialismus.“ (Verlag Die Werkstatt, 2008)
Thoma, M.: „Wir waren die Juddebuben.“ (Verlag Die Werkstatt, 2007)









28. April 2008 um 14:04
In Österreich, dessen Geschichte in dieser Hinsicht der deutschen ja recht ähnlich ist, ist die Lage noch trostloser. Es gibt gerademal zwei akademische Arbeiten zum Thema “Wiener Fußball und Nationalsozialismus”, nicht ein Klub hat bisher Aktionen in diese Richtung gesetzt. In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Frage auch kein Thema.
28. April 2008 um 22:56
Das kann ich nur bestätigen. Die Aufarbeitung hängt eben von engagierten Autoren ab. Von offizieller Seite ist da wenig zu erwarten. Mit wenigen Ausnahmen. Und dann meistens auch nur auf Druck von außen.